Bayern 2


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Die Flucht hat ihr Leben geprägt Erinnerungen vietnamesischer Boatpeople

Lieber tot auf dem Meer als ein Leben ohne Würde. Das sagten sich etwa anderthalb Millionen Vietnamesen nach dem Krieg und der kommunistischen Machtübernahme Ende der 70er-Jahre. Einige Tausend wurden durch Rupert Neudecks Hilfsaktion mit der Cap Anamur gerettet. In diesem Buch sprechen Gerettete erstmals über ihre dramatische Flucht in einem Boot und ihr zweites Leben in Deutschland.

Von: Heinz Gorr

Stand: 28.11.2017

Buchcover "Was man nie vergessen kann" von Rupert und Christel Neudeck | Bild: Peter Hammer Verlag, Montage: BR

"Diese Menschen kommen dann über die Strickleiter oder über die Tragefläche hochgezogen an Bord und kriegen ihren ersten Tee, wissen, dass sie jetzt gerettet sind, sind völlig erschöpft, ausgetrocknet, die Kinder zum Teil mit verbrannter Haut, die Erwachsenen wissen noch nicht wie sie ihre Beine bewegen sollen, weil sie drei Tage und drei Nächste sich nicht mehr bewegt haben in dieser Sardinendose, dann ist das natürlich ein so unglaublich großes Gefühl..."

 Rupert Neudeck, Journalist, Philosoph und Friedensaktivist

Dieses große Gefühl trug Rupert Neudeck. Über vier Jahrzehnte hat er sich nicht nur der Boatpeople, sondern aller Menschen in Not angenommen, sie vor Verfolgung, den Bedrohungen durch Krieg, Hunger und Naturkatastrophen gerettet.  

Dramatische Flucht aus Vietnam

Dem Engagement des Journalisten, Philosophen und Friedensaktivisten verdanken die Autorinnen und Autoren dieses Erinnerungsbuchs ihre Rettung und ein neues, zweites Leben in Deutschland. Erstmals äußern sich diese Frauen und Männer öffentlich über ihre dramatische Flucht - 11 Vietnamesen von über 11.000 Geretteten, für die symbolisch der Name Cap Anamur steht, ein Schiff wie eine Arche:

"Ich konnte mir damals nicht vorstellen, dass es im fernen Deutschland Menschen gab, die Geld spendeten, um ein Schiff zur Rettung von Bootsflüchtlingen aus Vietnam zu finanzieren. Dass es Menschen gab, die freiwillig um den halben Erdball fuhren, um uns vor dem sicheren Tod zu bewahren."

Huynh-Trang Lam, Geflüchtete aus Vietnam, heute Dolmetscherin und Cutterin

Unser Boot war wie ein schwimmender Sarg

Das schreibt Huynh-Trang Lam; direkt nach dem Abitur 1980 begab sie sich allein auf die lebensgefährliche Flucht über das Meer. Dabei wusste sie sehr wohl um die vielfältigen Risiken, schließlich waren zuvor schon 13 Versuche, ihre Heimat Saigon zu verlassen, gescheitert. Doch unter dem kommunistischen Nachkriegsregime fand sie keine Humanität, vielmehr eine auf drei Generationen ausgedehnte Sippenhaft und rigorose Benachteiligung, weil ihr Vater Angestellter der alten Regierung war. Ein Studium? So undenkbar wie eine Auslandsreise.

"Freiheit wurde zum Fremdwort. Es gab auch keine Pressefreiheit. Man konnte niemandem vertrauen, sogar Freunde und Nachbarn konnten einen verraten. Man sollte also nicht fragen, warum die Menschen aus Vietnam geflohen sind, sondern warum sie in diesem Land, das sie so sehr liebten, einfach nicht mehr leben konnten."

Huynh-Trang Lam

Lieber tot auf dem Meer als ein Leben ohne Würde

Die individuellen Schicksale in diesem Buch berühren jeden, der es  liest. Sicher sind die historischen Umstände der späten 70er- und frühen 80er-Jahre in Vietnam auf ihre Weise singulär, und die Huntertausenden, die es nicht geschafft haben, traurige Realität. Doch zerrissene Familien, die sich in überfüllten Fischerbooten tropischen Stürmen, dem Hunger und Durst auf See aussetzten, dazu häufig von Piraten überfallen, vergewaltigt und ermordet wurden: diese Bilder erreichen uns auch heute fast täglich.

Neben dem Wechsel in die rückblickende Erlebnisperspektive macht auch der zeitliche Abstand das Buch so wertvoll: Die einstigen Boatpeople sind längst in der bundesrepublikanischen Gesellschaft angekommen, sind integriert und erfolgreich in sozialen oder akademischen Berufen. Die vielzitierten Fluchtursachen unterscheiden sich aber kaum von denen, die heute Menschen durch halb Afrika und dann auf Seelenverkäufer ins Mittelmeer treiben.

"'Wenn die Straßenlaternen fliehen könnten, würden sie es auch sofort tun!', soll später eine alte Frau auf die Frage nach ihrem Fluchtmotiv geantwortet haben. Leben in Freiheit zählte für viele mehr als ein sicheres, aber unwürdiges Leben. Hunderttausende haben dafür ihr Leben auf eine Karte gesetzt. Ein älterer Bruder von mir riskierte sein Leben, als er sich im Geheimen organisatorisch und finanziell für meine Fluchtversuche einsetzte."

Pater Duc Vinh Nguyen, SVD (Steyler Missionar)

Auf der Suche nach Menschenliebe

Pater Vinh Nguyen hat nach seiner Rettung und der Ankunft in Deutschland studiert und sich für ein Leben als Steyler Missionar entschieden. Auch er beschreibt dankbar, wie er hier aufgenommen, wie ihm eine fundierte Ausbildung und Chancen geboten wurden. Das hatte seine Gründe: Denn während des Kalten Kriegs hatte man in jedem Flüchtling einen Sieg der freien Welt über den Kommunismus gesehen. Das galt zumal für Deutschland, wie Rupert Neudeck im Gespräch mit Bayern 2 noch 2009 betonte:

"Wir hatten die Mehrheit der deutschen Bevölkerung hinter uns."

Rupert Neudeck, Journalist, Philosoph und Friedensaktivist

Man kann dem Sammelband nur jede Menge Leserinnen und Leser wünschen! Vor allem jene, die ins Grübeln kommen bei der Frage, ob man Flüchtlinge aufnehmen oder sie an den Grenzen zurückschicken sollte. Denn das zeitlos Gültige - die unverzichtbare Humanität - ist heute so wichtig wie seinerzeit für die Boatpeople: auf Menschen zu treffen, die keine Bedingungen stellen:

"Für sie war es nicht wichtig, was mein Vater gemacht hatte, wie und wo meine Mutter und meine Großmutter gelebt hatten, Sie wussten, dass wir in Not waren, und sie halfen uns. Aus Nächstenliebe. Hier fand ich endlich die Menschenliebe, die ich gesucht hatte. Humanität, die weder auf die Hautfarbe noch auf Ideologie Wert legte."

Huynh-Trang Lam

Rupert und Christel Neudeck, Was man nie vergessen kann. Erinnerungen vietnamesischer Bootsflüchtlinge, Peter Hammer Verlag, 184 Seiten


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