Bayern 2

Zündfunk Generator "Extremismus ist sexier" - Bilder aus dem Krisenjahr 2014

Sonntag, 23.11.2014
22:05 bis 23:00 Uhr

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Bayern 2

"Extremismus ist sexier" - Wie uns Bilder im Krisenjahr 2014 blenden, schocken und beeinflussen
Von Sammy Khamis
Internet: www.bayern2.de/zuendfunk
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"Die Enthauptungsvideos sind so gemacht, dass sie im Gedächtnis bleiben und das ist grauenhaft", resümiert Denker und Suhrkamp-Autor Clemens Setz. Die Enthauptungsbilder des "Islamischen Staates" waren die Schocker des Jahres. Dazu kommen die Bilder vom Gazakrieg und die Aufnahmen vom Maidan in Kiew - sie alle zeigen eine Welt am Abgrund, und sie alle lösen im Betrachter etwas aus. Aber können wir diesen Bildern trauen - was ist Propaganda? Der Zündfunk Generator sichtet das Krisenjahr 2014 mit Bildermachern, glücklicherweise ohne sie zeigen zu müssen.
"Es klingt obszön", so Clemes Setz, "auf die Weise über die Videos zu sprechen: die Macher der Videos haben gelernt Ästhetik einzusetzen. Das zu sagen tut weh" - Immer wenn Clemens Setz an die Enthauptungs-Videos des IS denkt, sieht er sie direkt vor sich. “Once you have watched it, you can’ t unwatch it”, so der Suhrkamp Autor. In der internationalen Bildsprache der Grausamkeit eröffnen die Enthauptungsvideos eine neue Ebene. Sie sind durchgehend in HD gefilmt, sparen den Akt der Enthauptung penibel aus und sind voller Referenzen auf die amerikanische Filmkultur. Die Videos sind hyper-real, und dadurch so verstörend und grell, wie Clemens Setz es formuliert.
Freiheitskämpfer gegen Staat: So alt wie die Bilder vom Krieg sind die Manipulationen, Fälschungen und Instrumentalisierungen dieser Bilder. 2014 wurde das vor allem im Krieg zwischen Israel und Gaza deutlich. Als Beweis für die Grausamkeit der ein oder anderen Seite wurden Bilder toter Kinder online verbreitet, ganz egal, dass das Material teilweise aus dem syrischen Bürgerkrieg und nicht aus dem Gaza-Konflikt stammte. In osteuropäischen sozialen Netzwerken tauchten dagegen immer wieder Fotos von Straßenkämpfen in Griechenland oder Israel auf - instrumentalisiert von der jeweiligen Seite in der Ukraine.
Malvin Oppold, junger Osteuropa Forscher und Mitglied bei IFAIR, einer Initiative für internationalen Forschungsaustausch junger Politikwissenschaftler, erklärt dem Zündfunk aber auch, wie der Ukraine Konflikt mit Hollywood zusammenhängt. Zum Beispiel die brennenden Reifen auf dem Kiewer Maidan. Malvin Oppold assoziiert das mit "der Mad Max Ästhetik". Es soll dem Betrachter das Narrativ eines Freiheitskampfes gegen die unterdrückende Staatsmacht nahelegen.
Bilder von Konflikten haben uns im Krisenjahr 2014 erneut vor Augen geführt, wie nachhaltig sie uns blenden und auch wie gefährlich sie uns werden können: die Konfliktparteien in der Ukraine, die Hamas in Gaza oder der IS in Syrien und im Irak - sie alle kämpfen ihren Krieg on the ground und online. Und im ständigen Geflacker der Bilder bleibt nur das Extremste hängen.

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Die Welt, in der wir leben, wird immer schnelllebiger und komplexer. Was in der einen Woche unsere Schlagzeilen bestimmt hat, ist in der nächsten schon wieder von den Titelblättern und damit auch von unserem Aufmerksamkeitsradar verschwunden.

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