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Kreischende Fans bei einem Beatles-Auftritt 1964 | Bild: picture-alliance/dpa

Sonntag, 19.08.2012
13:05 bis 13:30 Uhr

Bayern 2

Geschichten aus der Medizingeschichte (4/6)
Die wandernde Gebärmutter
Eine Kulturgeschichte der Hysterie
Von Imogen Rhia Herrad

Bereits vor viertausend Jahren beschrieben Mediziner im alten Ägypten eine psychische Erkrankung, von der sie ausschließlich Frauen befallen glaubten. Die Ursache vermuteten die ägyptischen Heiler - ganz so wie Jahrhunderte später griechische Philosophen - in der Gebärmutter. Man glaubte, das weibliche Fortpflanzungsorgan (auf griechisch: "Hystera") müsse regelmäßig mit Sperma "gefüttert" werden: "Ein nach Kindererzeugung gieriges Tier ist der Uterus", schrieb Aristoteles. Blieb diese Nahrung aus, so glaubten die Alten, begann das "gierige Tier" im weiblichen Körper umherzuwandern und auf diese Weise Symptome wie Glieder- und Nackenschmerzen, Schwerhörigkeit, Lähmungen und andere hysterische Krankheitssymptome auszulösen. Im 5. vorchristlichen Jahrhundert prägte der griechische Mediziner Hippokrates den Begriff "Hysterie".
Sieben Jahrhunderte später führte der große griechische Mediziner Galen durch Autopsien den klaren Beweis, dass die Gebärmutter wie jedes andere Organ im Körper festgewachsen und des Wanderns unfähig ist. Doch der Glaube an den wandernden Uterus hielt sich weiter hartnäckig. Medizinische Handschriften empfahlen im Mittelalter, bei hysterischen Störungen wohlriechende Stoffe vor die Scheide zu halten, um so das auf Abwege geratene Organ wieder an seinen eigentlichen Platz zurück zu locken. Ab dem 15. bis hinein ins 19. Jahrhundert bestand eine gängige ärztliche Behandlungsform in der Auslösung einer "hysterischen Krise": des damals im Westen offiziell unbekannten weiblichen Orgasmus. Dazu bedienten sich Mediziner im 19. Jahrhundert - erstaunlich, aber wahr - eines dampfbetriebenen Vibrators.
Erst Sigmund Freud zog Anfang des 20. Jahrhunderts eine klare und endgültige Trennungslinie zwischen hysterischen Symptomen und dem Uterus: Er beschrieb Hysterie als psychisches Leiden mit körperlichen Krankheitsmerkmalen. Noch bis 1952 bestand der Begriff weiter, erst dann wurde er von der "American Psychiatric Society" aus der offiziellen Liste psychischer Krankheiten gestrichen.
Imogen Rhia Herrad über die Geschichte eines medizinischen Irrglaubens.

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