radioTexte am Dienstag "Die Zeit altert schnell" und nemo
Dienstag, 27.03.2012
21:03
bis 22:00 Uhr
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Als Podcast verfügbar
Bayern 2
Mehr zur Sendung
Zum Tod des italienischen Schriftstellers Antonio Tabucchi
liest Annette Paulmann die Erzählung "Die Wolken"
und nemo - das literarische Ratespiel mit
Elisabeth Tworek, Andreas Trojan, Hilde Schiwek und Antonio Pellegrino
"Der Schriftsteller ist nicht nur eine Antenne, die Impulse ausstrahlt. Er sollte auch eine Empfängerstation sein. Sonst würde er nur über sich selbst reden und schreiben. Es gibt Schriftsteller, die, indem sie nur über sich selbst geschrieben haben, uns über die Menschheit aufgeklärt haben. Das trifft aber nicht auf mich zu. Ich habe immer fremde Geschichten erzählt. An einigen Orten bin ich vielen Menschen begegnet, die mir ihre Geschichte anvertraut haben. Es waren meistens vergessene, verlassene Orte, an der Peripherie eines Landes oder einer Region. Orte, deren Einwohner ihre Identität verloren haben“, erklärte Antonio Tabucchi bei einem Gespräch über Dr. Pereira, den Protagonisten seines Buches "Erklärt Pereira" aus dem Jahr 1994. Antonio Tabucchi, geboren 1943 in Vecchiano bei Pisa, gehört zu den wichtigsten Schriftstellern Italiens. Dem großen Publikum wurde er durch seinen Roman "Erklärt Pereira" bekannt, der zur Zeit der Salazar-Diktatur in Portugal spielt. Er wurde 1995 mit Marcello Mastroianni in der Hauptrolle verfilmt. Tabucchis Liebe galt der lusitanischen Kultur, er war Professor für portugiesische Literatur, und vor allem Fernando Pessoa, deren Werke er auch ins Italienische übersetzte.
In seinem letzten Erzählungsband "Die Zeit altert schnell" hat Antonio Tabucchi neun Geschichten zusammengetragen, in denen Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Alters ihr Leben Revue passieren lassen und dabei über ihre Identität, ihre Ideale, über Gegenwart und Vergangenheit nachdenken. Über die Zeit, die nicht mehr still steht und schnell altert. Kann man sie einfangen, domestizieren? Kann man vor ihr fliehen? Karl, ein ehemaliger Stasi-Spitzel schlendert durch das wiedervereinte Berlin. Plötzlich verspürt er den Wunsch, Brechts Grab im Dorotheenfriedhof in der Chausseestraße zu besuchen. Jahrelang hat er den weltberühmten Schriftsteller beschattet und bespitzelt. Er hat sein Leben, seine kleinen Geheimnisse akkurat niedergeschrieben und weitergeleitet. Karl wusste immer alles über das Leben des anderen. Aber wie steht es nun mit ihm? In der Geschichte "Die Toten bei Tisch" konfrontiert Antonio Tabucchi den alternden Spitzel mit der vergangenen Zeit. "Ich habe diesem Erzählungsband ein Zitat von Kritias vorangestellt, einem der Präsokratiker, in dem es heißt: "Auf der Spur des Schattens altert die Zeit schnell". Eigentlich bin ich mir über die Bedeutung dieser Aussage nicht im Klaren. Man kann sie mehrfach deuten. Was bedeutet, auf der Spur des Schattens, dem Schatten folgen, ihn verfolgen? Sind damit unsere Illusionen gemeint? Alles sehr mysteriös, undurchsichtig. In der Geschichte "Wolken" lernt ein ehemaliger Offizier ein junges Mädchen kennen. Isabella stellt ihm viele Fragen. Sie möchte wissen, warum er so viele Pillen schlucken muss. Welchen Beruf er ausübt. Wie er seine Zeit verbringt. Ist die Zeit des kranken Soldaten schon vorbei? Er lehrt Isabella die Nephelomantie, die Kunst, anhand der Wolken, die Zukunft vorherzusagen.
Antonio Tabucchi wurde 1994 mit dem Premio Campiello und 1998 mit dem österreichischem Staatspreis für Europäische Literatur ausgezeichnet. Der Schriftsteller starb am vergangenen Wochenende im Alter von 68 Jahren in Lissabon.
Aus dem Band "Die Zeit altert schnell" liest Annette Paulmann die Erzählung "Wolken".

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