Bayern 2

radioTexte am Donnerstag Monika Maron: Flugasche

Braunkohlekraftwerk | Bild: picture-alliance/dpa

Donnerstag, 09.11.2017
21:05 bis 22:00 Uhr

Bayern 2

Monika Marons Roman über Umweltverschmutzung und Doppelmoral konnte in der DDR nicht erscheinen und war doch ein wichtiges Buch auf dem Weg zum 9. November 1989

Ausgewählte Beiträge als Podcast und in der Bayern 2 App verfügbar

„B. ist die schmutzigste Stadt Europas. Das wäre der erste Satz, so müsste ich anfangen. Aber das würde selbst Luise streichen.“ Die Journalistin Josefa Nadler soll über das Kraftwerk in Bitterfeld berichten. Sie will einen wahrhaftigen Text schreiben, der aber trotzdem in die ideologischen Vorgaben der DDR passen muss. Das geht natürlich nicht. Die schmutzigste Stadt Europas darf zum Beispiel keinesfalls in einem sozialistischen Land liegen. „Mögliche Variante: B. ist eine schmutzige Stadt. Quatsch, das ist nichts, das weiß jeder.“

Und so wird die Entscheidung über Sätze zur politischen Entscheidung. Josefa ist erschüttert von der Realität in B., und sie wird immer dünnhäutiger gegenüber den vielen schlechten Kompromissen ihres Lebens im Arbeiter- und Bauernstaat. Schließlich fällt ihre Reportage der Zensur zum Opfer ...

Monika Marons Debutroman durfte in der DDR nicht gedruckt werden. Die Entscheidung, ihn in Westdeutschland zu veröffentlichen, machte aus der Autorin eine Dissidentin. Es war 1981, das Thema Umweltverschmutzung wurde immer drängender, im Westen wie im Osten. Marons Roman, der ihre eigenen Erfahrungen als junge Journalistin verarbeitet, war aber auch ein Lehrstück über den Umgang mit Kritik in der DDR - ein literarischer Meilenstein auf dem Weg zum 9. November 1989. In der klassischen Lesung eine Wiederholung einer Aufnahme mit Petra Kelling aus dem Rundfunk der DDR nach dem Mauerfall, 1990, als auch „Flugasche“ Eingang in die offizielle ostdeutsche Öffentlichkeit fand.