Bayern 2

radioTexte Seneca: Das Leben ist zu kurz (1/2)

Dienstag, 31.10.2017
11:00 bis 11:30 Uhr

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Warum sind wir geizig mit unserem Geld, gehen aber sorglos und verschwenderisch mit unserem kostbarsten Gut, unserer Lebenszeit um? In seinem Traktat "Das Leben ist zu kurz" plädiert der römische Philosoph Seneca für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Ressource Zeit und auf das Klagelied, das Leben sei zu kurz, zu verzichten

"Keine Zeit!" - dieser laute Ausruf ist keine Erfindung des modernen Menschen. Bereits die römischen "occupati", die Vielbeschäftigten, beklagten sich über den Mangel an Zeit und litten unter den Folgen ihrer alltäglichen Betriebsamkeit. Den gestressten Bossen brachten ihre Zeitgenossen wenig Verständnis entgegen. Oft wurde der Lebensstil der römischen Manager in Spottschriften und Karikaturen aufs Korn genommen. Gleichzeitig wurden sie ermahnt, ihr vermeintlich schwieriges Zeitmanagement philosophisch zu lösen und sich auf die Lehren der Stoiker zurückzubesinnen. Seinem Schwiegervater Paulinus riet der Stoiker Seneca, die höchste philosophische Autorität der römischen Kaiserzeit, sich zurückzuziehen und leben zu lernen, ehe es zu spät sei. Paulinus, der für die Getreideversorgung zuständig war, sollte sich im vorgerückten Alter von seinem Amt trennen, sich mit würdigen Gegenständen beschäftigen und sein Leben sinnvoll nutzen. In seinem Traktat "Das Leben ist zu kurz" plädiert der Philosoph Lucius Annaeus Seneca (4. V. Chr. bis 65 n. Chr.) für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Ressource Zeit und auf das Klagelied, das Leben sei zu kurz, zu verzichten. Denn, so wie sein Schwiegervater und andere römische Potentaten, verkürzen wir das Leben, indem wir es vergeuden. Warum sind wir geizig mit unserem Geld, aber so sorglos und verschwenderisch mit unserem kostbarsten Gut, unserer Lebenszeit? "Das Leben muss man das ganze Leben hindurch lernen, und worüber du dich vielleicht noch mehr wundern wirst: auch sterben muss man das ganze Leben lernen", lautet die finale Erkenntnis Senecas.