Bayern 2

radioTexte - Das offene Buch Luiz Ruffato: "Teilansicht der Nacht"

Luiz Ruffato | Bild: Gattoni, Leemage, picture allinace

Sonntag, 14.05.2017
11:00 bis 11:30 Uhr

Bayern 2

Eine Familie zwischen Hoffnung und Stillstand, "Paradies" und Militärdiktatur in Brasiliens finsterer Zeit der siebziger Jahre. Tragikomisch, atemraubend, expressiv und politisch sind die Milieuschilderungen des preisgekrönten Erzählers Luiz Ruffato in "Teilansicht der Nacht“.

Seit seinem ersten Roman „Es waren viele Pferde“ gehört Luiz Ruffato in die erste Reihe brasilianischer Schriftsteller. Experimentell, stakkatoartig, manchmal nur in Satzfragmenten und Wortfetzen, dennoch detailgenau, beschreibt er kleinbürgerliches Leben, Menschen der unteren Mittelschicht und der Arbeiterklasse, aus der er selber kommt und der er die fünf Bände seines Zyklus „Vorläufige Hölle“ widmete. Nun liegt - wieder von Michael Kegler souverän übersetzt - der dritte Band auf Deutsch vor: „Teilansicht der Nacht“ sammelt Familien- und Lebensgeschichten der siebziger Jahre aus Minas Gerais, genauer: aus Cataguases, Ruffatos Herkunftsort im Südosten Brasiliens. Schonungslose und doch zärtliche Porträts, Miniaturen, Episoden vor dem Hintergrund der finsteren Militärdiktatur, auf die der Titel anspielt: „Teilansicht der Nacht“. Die Figuren sind Arbeiter, Migranten und Arme, manche schon bekannt aus den früheren Bänden, wieder mit ihren Sorgen, Nöten, Krankheiten und Träumen, mit Alkohol und Gewalt als Dauerproblem. Wer seine Arbeit in der Weberei oder einem anderen Betrieb verliert, ist mittellos, und wenn es zu lange regnet, sind die Hütten überschwemmt. Eine alte Mutter und Witwe lebt einsam, fern von ihren Kinder. Ein Vater reißt seinen Sohn mit einer Mutprobe in den Tod. Vicente, geistig verwirrt, ertrinkt in einem Abflussrohr. Der Zirkusdirektor wird erstochen, als er von einem Zuschauer das Eintrittsgeld einfordert. Aber den Bürgermeister interessieren nur positive Presseberichte über sich selbst. - Schauspieler Shenja Lacher liest die Skizze einer Familie, die im Sommer 72 voll Elan mit größten Hoffnungen und hochfliegenden Plänen in eine bessere Gegend zieht, nach „Paraíso“ - ausgerechnet. Das Umsiedelungsprojekt folgt den Fortschrittsparolen der Militärs, aber die Familie wird doch nie da landen, wo sie wollte. Der Aufstieg bleibt eine Illusion. Moderation und Redaktion: Cornelia Zetzsche.

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