Bayern 2 - radioWelt


8

Historiker Wolfgang Benz über den Holocaust "Wir sind immer noch in Erklärungsnot"

Solange es noch Stigmatisierung von Minderheiten gibt, haben wir nicht alle Lehren aus der Geschichte des Holocausts gezogen, meint der Historiker Prof. Wolfgang Benz im Interview mit radioWelt-Moderator Matthias Dänzer-Vanotti.

Stand: 27.01.2016

Frage: Welche Bedeutung hat für Sie dieser Gedenktag? Ist es gut, dass es ihn gibt?

Wolfgang Benz: "Natürlich. Solche Gedenktage sind notwendig, sie erfüllen den zeremoniellen und den rituellen Teil der Erinnerung. Aber das genügt natürlich noch nicht ganz."

Der 27. Januar als Gedenktag

Seit 1996 ist in Deutschland der 27. Januar der "Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus". Das Datum bezieht sich auf die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945.

Frage: Inzwischen sind ja 71 Jahre seit der Befreiung von Auschwitz vergangen. Wissen wir schon alles über den Holocaust und das Naziregime?

Wolfgang Benz: "Nein. Wir wissen nicht alles über den Holocaust. Wir sind immer noch in Erklärungsnot. Wie konnte das geschehen? Wie konnte dieses Verbrechen in diesem Umfeld, in dieser Dimension geschehen? Aber wie es geschah, über Daten und Fakten, sind wir dank jahrzehntelanger Forscherungsarbeit der Historiker sehr gut informiert."

Frage: Werden wir diese Erklärungsnot jemals überwinden?

Wolfgang Benz: "Ich fürchte: nein. Und alle eindimensionalen Erklärungen, die immer wieder präsentiert werden, führen nur in die Irre, erklären uns nicht diese Menschheitskatastrophe in ihrem vollen Umfang."

Zur Person

Der Historiker Prof. Wolfgang Benz war bis 2011 Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin, zuletzt erschienen von ihm die Bücher "Antisemitismus: Präsenz und Tradition eines Ressentiments" und "Der deutsche Widerstand gegen Hitler".

Frage: Das heißt, wir müssen mehrdimensional denken?

Wolfgang Benz: "Wir müssen nicht nur mehrdimensional denken, wir können vor allem nicht nur im Blick zurück dieses Ereignis behandeln, wir müssen die Gegenwart sehen und müssen daraus die Nutzanwendung ziehen. Wenn wir Menschen weil sie Fremde sind, weil sie Sinti und Roma sind, weil sie Muslime sind, stigmatisieren und ausgrenzen und diskriminieren, dann haben wir eben noch nichts gelernt aus der Geschichte des Holocausts. Dann ist auch das Gedenken, dann sind die Feierlichkeiten nicht zureichend."

Frage: Haben wir denn was gelernt? Aus der Holocaust-Forschung?

Wolfgang Benz: "Ja. Ich glaube, wir haben unter allen Umständen gelernt, wenn man bedenkt, Antisemitismus hat den Holocaust überdauert und Antisemitismus ist heute gebannt in diesem Land, man kann sich nicht brüsten damit, dass man ein Judenfeind sei oder dass man die Juden nicht mag oder ihnen schlimme Dinge unterstellen - dass ist in Deutschland extrem karriereschädlich. Mit Antisemitismus will kein anständiger Mensch etwas zu tun haben."

Frage: Dass heißt aber trotzdem, dass der Antisemitismus noch latent vorhanden ist.

Wolfgang Benz: "Der Antisemitismus ist, nicht nur in Deutschland, latent vorhanden. Er wird Gott sei Dank auch nicht, wie auch immer behauptet wird, immer schlimmer und immer mehr, aber er ist als Bodensatz vorhanden. Damit muss man sich abfinden. Aber er kann nicht öffentlich artikuliert werden. Er ist öffentlich in der Politik, in den Medien, bei allen anständigen Leuten verpönt und gebannt und kriminalisiert. Darüber muss man froh sein. Aber man darf nicht gleichzeitig andere Minderheiten, weil sie Muslime sind so diskriminieren wie man einst, lange vor dem Holocaust, die Juden diskriminiert hat, weil sie Juden waren. Diese Lehre muss noch verinnerlicht werden."

Frage: Was halten Sie denen entgegen, die sagen: Nun lasst mal die alten Verfehlungen ruhen, wir müssen nach vorne schauen?

Wolfgang Benz: "Das hört man seit 71 Jahren, das ist das Plädoyer der moralisch Anspruchslosen. Wer nicht zurückschaut und sich vergewissert, was geschehen ist, der hat auch nur einen trüben Blick in die Zukunft."


8