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Kommentar Fünf Jahre nach Guttenberg: Plagiatsfall hatte kaum Folgen

Im Februar 2011 kam der Verdacht auf: Karl-Theodor zu Guttenberg habe bei seiner Doktorarbeit abgeschrieben. Sein Doktorvater will davon nichts gemerkt haben. Was ist seitdem in der Wissenschaft passiert? Leider wenig, meint Jeanne Rubner.

Von: Jeanne Rubner

Stand: 16.02.2016

Der Doktor ist der Adelstitel für Bürgerliche. Er verleiht Provinzpolitikern Glanz und Unternehmern Seriosität, er verschafft Lehrern zusätzlich Autorität, und Wohnungssuchenden einen Bonus beim Makler.

Eine Sucht, die anfällig macht für Betrug

In Deutschland muss das "Dr." aufs Namensschild, auf die Visitenkarte und in den Personalausweis - woanders auf der Welt dagegen denkt man gar nicht daran, sich Doktor nennen zu lassen. Doch: Alle Versuche, die zwei Buchstaben als Namenszusatz hierzulande zu tilgen, sind gescheitert.

Damit ist schon eine der wichtigsten Ingredienzien der Affäre Guttenberg benannt: Die Sucht nach dem Titel macht manchen anfällig für Betrug.

Quantität statt Qualität

Außerdem trägt die seit Jahren wachsende Zahl von Doktoranden nicht gerade dazu bei, die Qualität der Doktorarbeiten zu steigern. Eigentlich sollte die  Promotion eine rein wissenschaftliche Angelegenheit sein, eine Prüfung auf dem Weg zu einer weiteren Karriere in der Forschung. Leider haben die Unis selbst dazu beigetragen, dass immer mehr Studenten promovieren. Das wissenschaftliche Renommee eines Professors misst sich auch an der Zahl seiner Doktoranden, Drittmittel fließen entsprechend üppiger.

Ein einzelner "Doktorvater" - patriarchalisch

Nun könnte man meinen, dass die Hochschulen aus Guttenberg und anderen Plagiatsfällen gelernt haben. Leider kaum. Zu häufig betreut noch - ganz nach patriarchalischer Sitte - ein "Doktorvater“ seine Doktoranden anstatt dass ein Team sich um sie kümmert. Meistens benotet er oder sie dann auch noch die Arbeit – da ist ein "Summa cum Laude“ fast schon programmiert. In anderen Ländern wäre das undenkbar.

Kein einheitliches Vorgehen gegen Plagiate

Regelmäßige Leistungskontrollen durch die Fakultät sind vielerorts auch nicht vorgesehen:  Jeder Fachbereich spielt nach seinen Regeln. Auch bei der Ahndung von Plagiaten gibt es kein einheitliches Vorgehen. Was an dem einen Ort als Betrug zählt, wird woanders toleriert.

Der Ruck ist ausgeblieben

Der Aufschrei nach dem Fall Guttenberg war groß, der Ruck, der hätte folgen müssen, ist jedoch ausgeblieben. Die Unis pochen auf ihr Recht, Titel zu verleihen und sie zu entziehen. Dabei wäre es kein Angriff auf die Autonomie, eine Zentralstelle gegen Betrug in der Wissenschaft einzurichten.

Leistung verdient Respekt, nicht ein Titel

Die Schwachstellen des Systems Promotion sind offensichtlich, aber die Hochschulen haben sie aus eigener Kraft bisher nicht beseitigt. Schade ist das vor allem für das Ansehen der Wissenschaft. Der Doktor hat allen Respekt verdient, aber der Respekt gebührt der wissenschaftlichen Leistung, nicht dem Titel. Den hätte es bei Guttenberg  übrigens gar nicht gebraucht – einen Adelstitel hatte er ja bereits …

  • Jeanne Rubner | Bild: BR/Theresa Högner Jeanne Rubner

    Leiterin der Redaktion Wissenschaft und Bildungspolitik, BR-Hörfunk


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