Bayern 2 - radioWelt


1

Verpackte Statuen in Rom Stilblüte vorauseilenden Gehorsams

Von: Heinz Gorr

Stand: 28.01.2016

Verpackte Statuen in den Capitolinischen Museen in Rom | Bild: picture-alliance/dpa

Wer den stringenten Planerfüllungswillen von Hauptstadtflughafen-Errichtern kennt, ist kaum verwundert, dass der Spruch "Auch Rom wurde nicht an einem Tag gebaut" aus Deutschland stammt. Die Italiener selbst haben jetzt für eine überraschende Ergänzung des Mottos aller Entschleunigten gesorgt: "Aber verhüllt schon!".

Eiligst haben sie Anfang der Woche antike Statuen mit mehr oder weniger sichtbaren Genitalien in Kisten verpackt, um das religiöse Empfinden des iranischen Präsidenten Hassan Rohani nicht zu verletzen.

Gerade noch den Untergang des Morgenlandes verhindert!

Hassan Rouhani und Matteo Renzi | Bild: picture-alliance/dpa zum Artikel Italien hofft auf Milliardeninvestitionen Keine Nackten für Irans Präsidenten

Ministerpräsident Renzi empfing den Gast aus dem Iran in der guten Stube Roms, auf dem Kapitol. Dort kann man zum Beispiel die "Venus vom Esquilin" besichtigen. Doch Rouhani bekam die Marmorfigur nicht zu sehen. Nackte Statuen waren komplett verhüllt. Von Tilmann Kleinjung. [mehr]

Beim Abendessen wurde auch kein Wein serviert, aus Rücksicht auf den muslimischen Glauben des Staatsgastes. Uff! Gerade noch den Untergang des Morgenlandes verhindert!

Soviel steht fest: unter Silvio Berlusconi wäre das nicht passiert, der hätte eher eine seiner Mailänder oder sardinischen Prunkvillen geräumt und noch ein Paar Bunga-Bunga-Expertinnen... aber lassen wir das. Und fragen lieber nach den Gründen für derlei unterwürfige Gesten.

Am Ort der willfährigen italienischen Verpackungsperformance, in den Capitolinischen Museen, steht eine Büste des pater patriae, des Dichters Marcus Tullius Cicero: er hätte vielleicht mit der Sentenz geantwortet: "Keine Festung ist so stark, dass Geld sie nicht einnehmen kann." Und ums Geld ging's in Rom bestimmt bei den Wirtschaftsgesprächen mit dem plötzlich wieder salonfähigen Iran.

Auch Gipfelkreuze verunsichern?

Wenn solche Opportunismen Schule machen, dürfte sich manches ändern bei politischen Gepflogenheiten und im diplomatischen Protokoll. Vorauseilend hat die Tourismusindustrie schon mal vorgemacht, wie sowas aussehen und wie interkulturelles Anecken von vornherein vermieden werden könnte. In Prospekten für den arabischen Raum und die Golfstaaten hat die bayerische Zugspitzbahn Deutschlands höchsten Gipfel ohne Gipfelkreuz im Werbekatalog abgebildet. Teile des christlichen Symbols würden die Urlauber aus islamischen Ländern womöglich verunsichern, dachte das Management, sehr zum Ärger des Erzbistums.

Aber Geschäft ist eben Geschäft, und die Vorstellung, man würde auch nur einen einzigen solventen Scheich... nicht auszudenken!

Wir bereiten uns also schon mal darauf vor, dass potenziell betroffene Regierungen umgehend Anti-Peinlichkeitskommissionen einsetzen, um wichtige Besucher nicht zu vergraulen. Griechenland beispielsweise distanziert sich öffentlich von der gesamten Antike, falls die Ayatollahs vorbeischauen, schließlich hat dieser Alexander der Große doch seinerzeit die Perser geschlagen.

Hoffentlich räumen die Niedersachsen Windräder weg

Und viel zu tun hat demnächst Niedersachsen, denn damit der Ministerpräsident aus dem wirtschaftsstarken Bayern auf die Hannover Messe kommt, müssen sämtliche Windräder abgebaut werden: die mag Horst Seehofer nämlich nicht.

Den Römern sei - vor künftigen Kotaus - ein alter Song von Barbra Streisand ans Herz gelegt: "When in Rome, do as the Romans do..."


1