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Anti-Doping-Kontrollen Kriminalistisches Gespür notwendig

Aktuell tagt die Weltdopingagentur in Montreal. Im radioWelt-Interview erklärt der Ex-Doping-Kontrolleur und Sportmediziner Helmut Pabst, warum zur Bekämpfung des Dopings kriminalistisches Wissen nötig ist und warum er beim Thema Whistleblowing heute anders denkt als früher.

Von: Matthias Dänzer-Vanotti

Stand: 18.05.2017

Matthias Dänzer-Vanotti: Wie schon in der Antike, der Überbringer der schlechten Nachricht hat den größten Schaden, warum ist das auch im Sport so? 

Helmut Pabst: Das war ja in unserer Jungend, in der Schulzeit auch so: Die Petze war auch der Böse und hat vielleicht auch Dresche gekriegt. Das liegt in uns drinnen, dass wir so eine Art gemeinsames Gefühl in einer Klasse entwickeln. Und im Sport ist das auch nicht anders. Aber wir brauchen solche Whistleblower, wenn wir auch nur einen Schritt weiterkommen wollen in der Bekämpfung des Dopings.

Matthias Dänzer-Vanotti: Setzt da jetzt ein Umdenken ein, weil Sie sagen, wir brauchen die Whistleblower und müssen sie auch schützen?

doping im sport | Bild: picture-alliance/dpa zum Audio mit Informationen Sp(r)itzensport Auf den Spuren der Doping-Sünder

Rund 10.000 Urin- und Blutproben werden jedes Jahr am Institut für Dopinganalytik und Sportbiochemie in Kreischa bei Dresden untersucht. Das Institut analysiert Proben von Sportlern auf unerlaubte Substanzen. [mehr]

Helmut Pabst: Ja, und das ist hoffentlich auch der Fall. Und auch ich muss umdenken, das muss ich ganz ehrlich sagen. Ich war früher nicht so begeistert, aber inzwischen sehe ich das ein, wir brauchen diese Leute und wir müssen sie schützen. Und da hat die Weltantidopingagentur (WADA) jetzt ein sehr gutes Instrument aufgebaut, eine eigene Kommission. Die leitet ein Münchner Kriminalbeamter, Günther Junger, und der hat natürlich kriminalistisches Gespür, und das brauchen sie auch.

Matthias Dänzer-Vanotti: Warum braucht man da kriminalistisches Gespür?

Helmut Pabst: Na gut, wenn jemand kommt und uns sagt, ich weiß was, die betrügen, dann müssen Sie den Wahrheitsgehalt dieser Aussage überprüfen können.

Matthias Dänzer-Vanotti: Das heißt, da könnte auch Bösartigkeit dahinterstecken?

Helmut Pabst: Natürlich klar, es könnte auch sein, dass man ihn nicht berücksichtigt hat und jetzt kommt er und erzählt uns Mist. Und da ist es gut, so einen Kriminalisten, der ja nun eine wunderbare Vita hat, der über alle Erfahrungen verfügt, die man dazu braucht, klarzulegen, ist das was echtes oder was falsches, was mir der erzählt! Und dann hat er natürlich gute Mitstreiter, unter anderem den früheren Eisschnellläufer, einen Niederländer, der sich, seit ich den kenne, für den Kampf gegen Doping einsetzt. Diese Kommission soll absolut unabhängig von der Weltdopingagentur aufgebaut werden, weil das sein muss.

Matthias Dänzer-Vanotti: Warum muss die Kommission unabhängig sein?

Helmut Pabst: Sie haben es vorher selber gesagt, da gibt es im Sport ja so große Verknüpfungen und diese Verknüpfungen halten natürlich prima. Ein Netzwerk, ob das im IOC ist, oder in der Leichtathletik oder im Fußball: Wo Sie hinschauen, gibt es Netzwerke und die wollen nicht unbedingt, dass man in ein solches Netzwerk einbricht. Was man aber tut, wenn man einen rausholt, der ein Topstar ist und gedopt ist. Das schadet ja eigentlich dem ganzen Sport. Ob das nun der Radsport ist, der fast daran kaputt gegangen ist, oder ob das jetzt auch die Leichtathleten sind, die große Schwierigkeiten mit Russland haben. Wir brauchen da eine Kommission die in der Lage ist, auch finanziell, solche Whistleblower zu schützen und zu unterstützen.

Matthias Dänzer-Vanotti: Das was Sie sagen, klingt so ein bisschen, als ob die Weltdopingagentur mit dem Sport und seinen Dopingpraktiken unter einer Decke stecken würde!

Helmut Pabst: So brutal will ich das jetzt nicht mehr ausdrücken. Aber es gibt Verknüpfungen. Also wenn dann plötzlich der Präsident der WADA auch gleichzeitig Vizepräsident im IOC ist, dann will ich das eigentlich nicht. Das sind so Verknüpfungen, die bei uns politisch nicht ganz korrekt sind. Im Sport ist das gang und gebe, hätte ich beinahe gesagt. Da hat man einfach mehrere Posten, weil man einfach froh ist, dass es einer überhaupt einer macht. Also ich will nicht Präsident einer Weltantidopingagentur sein, um Gottes Willen, aber es gibt Leute, die wollen das. Und da ist man manchmal froh, wenn man jemanden hat.

Matthias Dänzer-Vanotti: Warum bekommt man diese Verknüpfungen nicht los? Nur deswegen, weil es nicht genug Leute gibt, oder weil es da auch ganz starke Interessen gibt?

Helmut Pabst: Da stecken kommerzielle, aber auch nationale Interessen dahinter. Ruhm und Ehre, die dazugehören im Sport. Mit jeder Medaille, mit jedem Sieg steigt das Ansehen des Sportlers, des Funktionärs, des Staates und da will man nicht unbedingt massiv Einbruch erleiden, weil eine ganze Mannschaft oder einzelne Spitzenleute als gedopt auffliegen.

Matthias Dänzer-Vanotti: Wo stehen wir im internationalen Kampf gegen Doping, immer noch am Anfang oder sind wir schon ein Stück weiter?

Helmut Pabst: Wir sind ein ganzes Stück weiter. Wenn ich mir überlege, dass ich 1990 die erste offizielle Dopingkontrolle für den DSB gemacht habe, dann war damals Steinzeit. Jetzt sind wir in einem hochtechnischen Zeitalter angelangt. Eine Dopingkontrolle, wenn man sie korrekt durchführt, ist durchgeplant bis zum letzten Komma. Da kann es eigentlich nicht daran liegen. Aber woran es liegt, ist das Verständnis in den oberen Etagen. Da hätte ich bei unseren Funktionären mehr Einsicht erwartet, dass man sich wirklich rückhaltlos hinter diese Agenda stellt.

Matthias Dänzer-Vanotti: Gilt das auch für die nationale Ebene?

Helmut Pabst: Das gilt auch für die nationale Ebene!

Matthias Dänzer-Vanotti: Haben Sie eigentlich noch Hoffnung auf einen dopingfreien Sport?

Helmut Pabst: Die habe ich nie gehabt, weil ich immer gesagt habe, wir werden das Doping nicht abschaffen können. Wir werden es eindämmen. Und wir dämmen es momentan auch bisschen ein. Unsere nationale Antidopingentur (NADA) ist ja auch nicht schlecht, aber man könnte eigentlich noch mehr machen.

 


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