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Bedürfnis nach mehr Sicherheit Ist die "German Angst" wieder da?

"German Angst" ein Ausdruck, der oft die Deutschen beschreibt – und ihre diffuse Furcht. Haben wir Grund, uns zu fürchten? Seit den Anschlägen von Paris und in der Silvesternacht in Köln hat sich die Stimmung jedenfalls verändert.

Von: Nathalie Stüben

Stand: 13.01.2016

Pfefferspray | Bild: picture-alliance/dpa

Deutschland hat Angst – und rüstet auf. Der Umsatz der Waffenfachhändler hatte sich bereits im Dezember mehr als verdoppelt. Und nach den Ereignissen von Köln verkaufen sich Abwehrmittel wie Pfefferspray und Schreckschusspistolen sogar noch besser, auch in Bayern.

"Diese einschneidenden Ereignisse vom November beziehungsweise auch die Situation von Silvester führen dazu, dass Menschen ein persönliches Sicherheitsdefizit haben und das wollen sie ausgleichen."

Ingo Meinhard, Geschäftsführer vom Verband Deutscher Büchsenmacher und Waffenfachhändler

Bereits Mitte Dezember, also noch vor Köln, veröffentlichte das Meinungsforschungsinstitut GfK eine repräsentative Studie zur Stimmung in der Bevölkerung. Das Ergebnis: 55 Prozent, also mehr als die Hälfte der Deutschen hat Angst. Aber gegen wen richtet sich diese Angst überhaupt? Und ist sie berechtigt? Angstforscher Borwin Bandelow beschäftigt sich mit solchen Fragen.

Prof. Borwin Bandelow

"Momentan ist es so, dass viele Menschen vor neuen und unbeherrschbaren Gefahren Angst haben. Viele denken, dass durch die Flüchtlinge eine Welle der Kriminalität und Gewalt in unsere Städte getragen wird. Dabei vergessen wir, dass es ganz andere Unfälle gibt, die viel häufiger zu Todesfällen führen. Das liegt daran, dass Menschen bei neuen und unbeherrschbar erscheinenden Gefahren immer die statistischen Wahrscheinlichkeiten falsch einschätzen."

Borwin Bandelow, Psychiater, Psychologe und Psychotherapeut

Die Verkaufszahlen von frei frei verkäuflichen Waffen sind zwar massiv in die Höhe geschnellt, bisher gibt es aber keinen Hinweis darauf, dass Pfeffersprays nun häufiger zum Einsatz kommen als vorher. Abwehrmittel dienen in erster Linie der Psyche. Wer weiß, dass er sich theoretisch verteidigen kann, strahlt das auch aus und verfällt nicht in die Opferrolle.

Pfefferspray gegen Menschen einsetzen - juristisch problematisch

Allerdings bergen solche Verteidigungsmittel auch Risiken. Ingo Meinhard vom Verband Deutscher Büchsenmacher und Waffenfachhändler weist zum Beispiel darauf hin, dass Pfefferspray in Deutschland nur gegen Tiere eingesetzt werden darf. Und dass man sich im Falle des Einsatzes gegen einen Menschen vor Gericht unter Umständen auch als Täter verantworten muss, obwohl man eigentlich das Opfer war.

Der Angstforscher Borwin Bandelow betrachtet jegliche Form von Abwehrmittel skeptisch.

"Es ist das Gefühl, dass man sich in Sicherheit wiegt, das ist aber meistens falsch. Menschen, die sich mit Kriminalität auskennen sagen, man solle mit so etwas gar nicht erst anfangen. Die Täter sind ist immer im Vorteil und die Waffe, mit der man sich verteidigen will, richtet sich schnell gegen einen selbst. Von so etwas wird abgeraten."

Borwin Bandelow

Wer dennoch zu Pfefferspray und Schreckschusspistole greifen will, sollte sich in jedem Fall beraten lassen.

Größere Nachfrage nach Selbstverteidigungskursen

Eine Alternative hierzu sind Selbstverteidigungskurse. Bei der Fight and Fitness Academy in München-Schwabing sind die Anmeldezahlen im Vergleich zum Vorjahr um ein Drittel gestiegen. Aus aktuellem Anlass trainiert die Gruppe zurzeit mit kurzen Stöcken. Sie dienen als Platzhalter. Im Ernstfall kommt dann zum Einsatz, was gerade greifbar ist, zum Beispiel Flaschen oder Handys.

"Ich glaube schon, dass ich dadurch selbstsicherer auftrete und dass meine Reflexe schneller werden."

Eine Kursteilnehmerin

"Belästigungen, Übergriffe - ich glaube, die meistern Mädchen haben damit schon zu tun gehabt. Und das ist einfach eine Möglichkeit sich zu schützen und gibt einem einfach ein gutes Gefühl."

Eine andere Kursteilnehmerin

Nur eine kurzfristige Hysterie?

Gleichwohl: Glaubt man Angstforscher Bandelow, dann gibt es für die "German Angst" gerade nicht mehr Grund als in den letzten Jahren.

"Die Angst, die die Leute jetzt dadurch zum Ausdruck bringen, dass sie sich mehr Waffen kaufen, die liegt möglicherweise an einer kurzfristigen Hysterie, die sich nach einer gewissen Zeit legen wird."

Borwin Bandelow


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