Bayern 2 - Dossier Politik


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Islamische Verbände in Deutschland Brückenbauer oder Teil des Problems?

In Deutschland leben rund vier Millionen Muslime. Ihren Glauben leben sie sehr unterschiedlich aus. Muslimische Verbände spielen in der politischen Diskussion eine große Rolle - können sie im Kampf gegen Radikalisierung etwas ausrichten? Oder sind sie selbst Teil des Problems?

Von: Christine Auerbach

Stand: 24.08.2016

So viel vorweg: Die Mehrheit der Muslime orientiert sich in ihrer Lebensweise und ihren Werten an denen der Bundesrepublik, so das Ergebnis des letztjährigen Religionsmonitors der Bertelsmann-Stiftung.

Symbolbild: Islam in Deutschland - Deutschlandflagge neben Minarett  | Bild: picture-alliance/dpa zum Artikel Islam in Deutschland Das Who is Who der deutschen Muslime

Rund vier Millionen Muslime leben in Deutschland. Wie aber sind sie organisiert? Wer spricht für sie? Ein Überblick über islamische Verbände vom liberal-islamischen Bund bis hin zu Milli Görüs. [mehr]

Je nach Konfession und Herkunftsland leben Muslime ihren Glauben sehr unterschiedlich. Einen gemeinsamen Sprecher, wie im Christentum den Papst oder die Bischofskonferenz, gibt es nicht. Stattdessen nehmen verschiedene Verbände für sich in Anspruch, für die Mehrheit der Muslime zu sprechen und die Deutungshoheit über den Islam zu übernehmen.

Die Verbandslandschaft ist zersplittert. Laut der Konrad Adenauer Stiftung gibt es bundesweit circa 2350 Moscheegemeinden und alevitische Cem-Häuser. Die vier größten Islamverbände in Deutschland sind dabei Ditib, der Zentralrat der Muslime in Deutschland, der Islamrat und der Verband der Islamischen Kulturzentren. Laut der Studie "Muslimisches Leben in Deutschland" des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge sind jedoch nur 20 Prozent der Muslime in religiösen Vereinen und Gemeinden organsiert.

Problem der Finanzierung

Der Lehrer Timur Kumlu unterrichtet am 30.08.2013 an der Henri-Dunant-Schule in Frankfurt (Hessen) Mädchen und Jungen aus drei ersten Klassen in islamischer Religion.  | Bild: picture-alliance/dpa zum Artikel Streit um Islamverband Ankara im Reli-Unterricht?

Angesichts der sich zuspitzenden Lage in der Türkei ist in Deutschland ein Streit um den muslimischen Religionsunterricht entbrannt. Mehrere Politiker kritisieren die Zusammenarbeit mit dem türkischen Verband Ditib. [mehr]

Wegen seiner Anbindung an die Türkei galt Ditib jahrelang als verlässlicher Partner beim Islamunterricht und im Kampf gegen Extremismus. Ditib-Imame sind in der Türkei ausgebildet und werden auch von dort bezahlt. Deutsche Politiker arbeiteten gerne mit dem Verband zusammen. Doch der Putschversuch in der Türkei hat die Situation verändert. Die Finanzierung aus dem Ausland ist auch bei anderen Gemeinden ein Thema: Ob und wie viel Geld Verbände und Gemeinden aus dem Ausland erhalten, darüber ist bisher wenig bekannt. Finanzielle Abhängigkeiten vom Ausland geben aber Grund zur Sorge, dass mit dem Geld auch politische Ideologien mit in die Moscheen fließen.

Fehlende Imame, fehlende Sprache

Gleichzeitig sind viele Gemeinden auf Hilfe aus dem Ausland angewiesen, denn Deutsch sprechende, hier ausgebildete Imame sind Mangelware. Viele Imame kommen deshalb aus dem Ausland, sprechen kaum Deutsch und kennen auch die deutsche Lebenswelt nicht.

Mutmaßlicher Ansbacher Attentäter | Bild: BR zum Artikel Exklusiv Terrorgefahr Flüchtlinge und die Rekrutierer des IS

Hassprediger, radikalisierte Flüchtlinge, Angst vor Anschlägen, Salafisten fordern Verfassungsschutz und Polizei heraus - und sie suchen Kontakt zu Flüchtlingen. [mehr]

Keine guten Voraussetzungen, um junge Moslems mit ihren religiösen Fragen abzuholen. Im schlimmsten Fall entsteht so ein religiöses Vakuum, das gefüllt wird durch die perfekte Propaganda radikaler Islamisten. Über Internetvideos und die sozialen Medien rekrutieren sie junge Leute - mit deutschsprachigen Videos, Musik und leicht konsumierbaren "Der Islam in 30 Sekunden"-Ansprachen.

Moscheen und islamische Verbände stehen also vor dem gleichen Problem wie die nicht islamische Welt: Was können sie dem IS, Salafisten und radikalen Predigern entgegensetzen? Wie das muslimische Leben in Deutschland so gestalten, dass radikale Propaganda keinen Boden findet?

Studiogäste im Dossier Politik

Prof. Dr. Susanne Schröter

Susanne Schröter ist Leiterin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam (FFGI), Direktorin des Instituts für Ethnologie, Principal Investigator im Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, Direktorin im Cornelia Goethe Centrum für Geschlechterforschung und Vorstandsmitglied des Deutschen Orient-Instituts.

Seyran Ates

Die Rechtsanwältin und Autorin Seyran Ates ist sunnitische Muslimin. Sie arbeitet seit 2009 an einem Projekt, das sie "Freie progressive Moschee" nennt. Ates hat diverse Preise für ihr Engagement erhalten, zuletzt den Bundesverdienstorden 1. Klasse, der ihr vom Bundespräsidenten Joachim Gauck überreicht wurde.

Dossier Politik, 24.8.2016, 21:05 Uhr, Bayern 2 (Wdh. B5 aktuell, 28.8., 11:05 Uhr)

Islamische Verbände in Deutschland - Brückenbauer oder Teil des Problems?

Moderation: Ina Krauß
Redaktion: Christine Auerbach, Sissi Pitzer

Themen der Beiträge:

  • Die Vielfalt des Islams: Reportage über muslimisches Leben in Deutschland (Veronika Wawatschek)
  • Die Social-Media-Prediger: Salafisten und ihre Videos (Joseph Röhmel)
  • Vorbild Österreich? Wie unser Nachbarland mit dem Islam umgeht (Srdjan Govedarica)
  • Gibt es einen "reformierten" Islam? Der Traum von einer offenen Moschee (Gespräch mit Seyran Ates)

  • Ina Krauß | Bild: BR/Julia Müller Ina Krauß

    Autorin, Moderatorin und Redakteurin in der Politikredaktion.

  • Christine Auerbach | Bild: Markus Konvalin/BR Christine Auerbach

    Autorin, Redaktion Politik und Hintergrund

  • Sissi Pitzer | Bild: Uwe Völkner/Sissi Pitzer Sissi Pitzer

    Verantwortliche Redakteurin für "Das MedienMagazin" auf B5aktuell, Autorin für Medienpolitik, social media, Pressefreiheit


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