Bayern 2 - Dossier Politik


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Kantersieg für den Kommerz Wie der Fußball zum Geschäft verkommt

Die Deutsche Fußball-Liga feiert sich schon vor dem Start in die 52. Saison. Sie meldet Rekordumsätze, Rekordwerbeerlöse, Rekordfernseheinnahmen. Der Fußball ist zum Milliardengeschäft geworden. Der Sport hat sich verkauft.

Von: Ingo Lierheimer

Stand: 03.08.2015

Rund 320.000 Euro zahlten ARD und ZDF 1965 dafür, in bewegten Bildern über die zwei Jahre zuvor gegründete Fußball-Bundesliga berichten zu dürfen. In der kommenden Spielzeit, in die die erste Liga am 14. August startet, nimmt die Bundesliga nur durch den Verkauf der Medienrechte rund 817 Millionen Euro ein. Das ist zweieinhalbtausend Mal so viel wie vor 50 Jahren.

Genug ist das vielen Fußball-Managern aber nicht. Gerade erst hat der Vorstandsvorsitzende des Branchenprimus Bayern München, Karl-Heinz Rummenigge, zum wiederholten Male laut darüber nachgedacht, aus der solidarischen Zentralvermarktung auszuscheren und so für seinen Verein die Einnahmen aus den Fernsehrechten in etwa zu verdreifachen.

Geschichte des FC Bayern

Deutsche Clubs international im Hintertreffen

Raheem Sterling vom FC Liverpool. Für diesen Fußballer hat Manchester City 69 Millionen Euro gezahlt.

Tatsächlich agieren selbst finanzstarke deutsche Clubs wie Bayern München oder Borussia Dortmund international nicht in der allerersten Liga. So nimmt die englische Premier League ab nächstem Jahr rund zwei Milliarden Euro pro Saison ein und auch die Serie A in Italien erlöst aus den TV-Rechten mehr als die Bundesliga. Bemerkbar macht sich das auf dem Transfermarkt, auf dem die deutschen Vereine mitunter immer noch das Nachsehen haben.

Manchester-Kapitalismus in der Premier League

Vor allem die Vereine der englischen Premier League überschütten den nationalen und internationalen Spielermarkt mit absurd anmutenden Transfersummen. So zahlte zum Beispiel Manchester City gerade etwa 69 Millionen Euro für den Wechsel des erst 20-jährigen Raheem Sterling vom FC Liverpool.

Die Reds wiederum überwiesen gut 31 Millionen Euro an die TSG Hoffenheim für Roberto Firmino. Ein Preis, der deutlich über dem Marktwert des Mittelfeldspielers liegt. Möglich werden diese Zahlungen zum einen durch die sehr viel höheren Fernseheinnahmen in England, die sich zudem nur die 20 Premier-League-Clubs teilen. In Deutschland wandert das Geld in die Kassen der 36 Vereine der ersten und zweiten Bundesliga. Außerdem werden einige englische Clubs von milliardenschweren Inhabern finanziert und sind von diesen auch abhängig.

50+1-Regelung

Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) hat dieser Entwicklung in ihren Statuten einen Riegel vorgeschoben mit der so genannten 50+1-Regelung. Sie besagt, dass die Vereine nur dann eine Lizenz erhalten, wenn sie mehr als die Hälfte der Stimmenanteile der Anteilseigner besitzen. Trotzdem können Investoren die Mehrheit des Kapitals innehaben. Dies wiederum führt zu Konflikten wie im Fall des TSV 1860 München.

Ausnahmen für Werksklubs und Mäzene

Aber die DFL erlaubt Ausnahmen, wenn "ein anderer Rechtsträger seit mehr als 20 Jahren den Fußballsport des Muttervereins ununterbrochen und erheblich gefördert hat". Daher haben in den so genannten "Werksklubs" Leverkusen und Wolfsburg die DAX-Unternehmen Bayer und VW das Sagen. Daher darf der Hörgeräte-Hersteller Martin Kind ab 2018 das alleinige Sagen über Hannover 96 haben und daher bestimmt schon jetzt der Mäzen Dietmar Hopp alleine die Geschicke der TSG Hoffenheim.

Großer Einfluss von VW auf die Liga

Aber der Volkswagenkonzern besitzt nicht nur den VfL Wolfsburg, sondern ist über das Tochterunternehmen Audi Anteilseigner beim FC Bayern und dem Aufsteiger FC Ingolstadt. Insgesamt unterstützt der Konzern als Sponsor 16 Vereine aus der ersten und zweiten Bundesliga. Ein Einfluss und eine Machtstellung, die viele Beobachter kritisieren. Dazu muss man nicht einmal das Gedankenspiel zu Ende führen, was passiert, wenn am letzten Spieltag der VW-Club Wolfsburg auf den Audi-Club FC Ingolstadt trifft und es für den einen vielleicht um die Meisterschaft, den anderen vielleicht um den Abstieg geht.

Geld für die Clubkasse, Unkosten für das Volk

Während die Vereine ihren Umsatz permanent in die Höhe treiben, steigen auch die Ausgaben der öffentlichen Hand, um das Spektakel Fußball überhaupt stattfinden zu lassen. So waren am vergangenen Sonntag in München etwa 900 Polizisten im Einsatz, um gewaltbereite Fans des TSV 1860 München und des FC Bayern München vor dem Regionalliga-Spiel der beiden zweiten Teams der Traditionsvereine auseinanderzuhalten. Die Kosten sind schwer zu beziffern. Das Land Bremen hat dies anhand eines so genannten "Risikospiels" zwischen Werder Bremen und dem Hamburger SV getan und der DFL eine Rechnung über rund 420.000 € geschickt. Die DFL, deren Vereine im Jahr etwa 870 Millionen Euro Steuern zahlen, weigert sich, die Rechnung zu begleichen.

Die Themen im Einzelnen:

  • Vom Restaurant "Gisela" zum größten deutschen Fußballkonzern - der FC Bayern dominiert die Liga. Von Taufig Khalil
  • Sponsor und Miteigentümer - der Einfluss von Volkswagen auf die Bundesliga. Von Bastian Rudde
  • Geld für die Clubkasse, Unkosten für das Volk - was die Gesellschaft für den Fußball zahlt. Von Johannes Mayer
  • Störgeräusche unerwünscht - wie nachlässig die Liga Dopingkontrollen durchführt. Von Sebastian Krause

Studiogast: Dirk Rasch, Buchautor und ehemaliger Präsident des VfL Osnabrück

"Im Fußball geht es ums Geld. Um nichts anderes." Das sagte Dirk Rasch im Januar 2012. Kurz bevor er als Präsident des Drittligisten VfL Osnabrück zurücktrat. Nach 15 Jahren. In denen der Club viermal in die zweite Liga auf und viermal wieder abstieg. Dirk Rasch galt damit als Fahrstuhlführer unter den Fußballmanagern. In seiner Amtszeit rettete er den niedersächsischen Traditionsverein mehrmals vor dem finanziellen Aus. Nach seiner Zeit als VfL-Präsident schrieb der 65-jährige ein Buch mit dem Titel: Rettet den Fußball. Untertitel: Zwischen Tradition, Kommerz und Randale. Darin sieht der promovierte Volkswirt die Wettbewerbsfähigkeit der Liga in Gefahr, weil die Einkommensschere immer weiter auseinander geht. Zudem glaubt er, dass der Profifußball durch den immer größer werdenden Einfluss der Sponsoren wie VW seine ursprüngliche Faszination verliert und er ist nach den bekannt gewordenen Wettskandalen, in die auch Spieler des VfL Osnabrück verwickelt waren, der Ansicht, dass sauberer Fußball eine Illusion zu sein scheint.

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Kantersieg für den Kommerz - wie der Fußball zum Geschäft verkommt

Am Mittwoch, 5.8.2015, um 21.04 Uhr, auf Bayern 2 und
am Sonntag, 9.8.2015, um 11.04 Uhr, auf B5 aktuell

Moderation: Ingo Lierheimer
Redaktion: Ingo Lierheimer, Johannes Mayer

  • Ingo Lierheimer | Bild: BR Ingo Lierheimer

    Redakteur und Moderator der Redaktion "Politik und Hintergrund". Ist oft für die B5 Reportage unterwegs, quer durch Bayern und Deutschland.

  • Johannes Mayer | Bild: BR/Julia Müller Johannes Mayer

    Redakteur, Moderator und Reporter der Redaktion Politik und Hintergrund.


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