Bayern 2 - Nachtmix


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Creedence Clearwater Revival Swamp Rock für die Arbeiterklasse

Schlichtheit siegt: Creedence Clearwater Revival waren schon retro, als es den Begriff noch gar nicht gab. Igor Naibach geht zurück in seine Jugend und erzählt, wie ihn die Band auf den Geschmack von Rock and Roll, Soul und sogar Cajun brachte.

Von: Igor Naibach

Stand: 28.04.2015 | Archiv

Creedence Clearwater Revival - Cosmo's Factory - Cover | Bild: Fantasy/Concord Music Group

Kann man sich das überhaupt noch vorstellen, das Jahr 1970, noch dazu in Wuppertal? War die Welt da noch schwarz/weiß oder schon in Farbe? Naja, ich will's versuchen und Sie mitnehmen auf eine Zeitreise in die frühen 70er Jahre nach Wuppertal, eine mittelgroße Stadt im Bergischen Land, der im Jahr 1970 die Folgen des Krieges noch anzusehen waren: ältere Männer, die ein Bein oder einen Arm oder ein Auge verloren hatten; Brachflächen, wo einst ausgebombte Häuser gestanden hatten, zerstückelte Straßen, wo damals noch massenhaft Parkplätze zu haben waren, denn nicht jeder konnte sich ein Auto leisten.

Aber warum erzähle ich das alles? Weil 1970 ein 13-jähriger Junge vor dem Radio saß und dort Musik hörte, die ihn weit weg führte von Wuppertal, nämlich auf amerikanische Landstraßen, in die Sümpfe Louisianas und idyllische kalifornische Kleinstädte. Und diese schöne kurze Liebesgeschichte beginnt mit dem Schrei einer Gitarre.

Wild, gefährlich und trotzdem zugänglich

"Up around the Bend" ist der erste Song, den ich von Creedence Clearwater Revival höre. Ich finde ihn wild und gefährlich und trotzdem extrem zugänglich. Er kommt im April 1970 auch sofort im deutschen Radio, denn CCR – ich bemerke, dass niemand Creedence Clearwater Revival sagt – denn CCR also sind zu dieser Zeit schon eine sehr angesagte Band. Für einen 13-jährigen des Jahres 1970 sind sie jedenfalls genau richtig, irgendwie heavy, ohne so verdaddelt zu sein wie Jimi Hendrix oder Led Zeppelin.

Aber ich lerne schnell, dass CCR noch mehr drauf haben als schrille Gitarren. "Up around the Band" erscheint nämlich nicht allein, sondern die B-Seite ist genauso wichtig – und sie wird in den BRAVO-Charts auch gleichberechtigt aufgeführt. CCR sind nämlich Spezialisten für sogenannte "Double-A-Sides". Auch die B-Seite platziert sich unabhängig von der A-Seite. Diese B-Seite klingt jedenfalls dunkel und geheimnisvoll und heißt "Run through the Jungle" – dieser Song ist exemplarisch für den sogenannten "Swamp Rock", den die Band drauf hat. Als 13-jähriger Wuppertaler läuft man sozusagen mit durch den Dschungel.

Dass der Song auch etwas mit dem Vietnam-Krieg zu tun hat, dass amerikanische Soldaten ihn im Mekong Delta hören und tatsächlich durch den Dschungel laufen müssen, ahne ich 1970 höchstens. Aber im Fernsehen laufen ja die Bilder vom Vietnam-Krieg, drastische Bilder von toten Amerikanern und toten Vietnamesen. Aus der Tagesschau lerne ich, dass es gute und schlechte Vietnamesen gibt. Die Guten leben im Süden des Landes und helfen den Amerikanern, die schlechten leben im Norden und schießen auf sie. Und dann gibt es noch die geheimnisvollen Vietcong. Das – sagt mir die Tagesschau – sind die Schlimmsten, die überfallen die GI's heimlich im Dschungel.

Der beste Song, den ich je gehört habe

John Fogerty

Eines ist klar im Deutschland des Jahres 1970: Wir halten zu den Amis, denn die haben uns von Hitler befreit und dafür Kaugummi, T-Shirts und Rock and Roll gebracht. Und damit auch CCR. Die sind gegen den Krieg und singen allegorisch "Who'll stop the Rain" und meinen den Bombenhagel. Und ich bin mir sicher: Das ist der beste Song, den ich je gehört habe. Ob das nun ein Anti-Kriegs-Lied oder doch nur eine Beschwerde über schlechtes Wetter in Louisiana ist, darüber schweigt sich John Fogerty, der CCR-Sänger, bis heute aus. Jedenfalls ist "Who'll stop the Rain“ natürlich auch die Hälfte einer Doppel-A-Seiten-Single.

Die andere Seite ist dann ganz unromantisch und heißt "Travellin' Band". Ein untypisches Stück, weil mit Saxophon, und eigentlich ist es eine Hommage, wie ich später lerne. "Travellin‘ Band" klingt wie einer der Kings of Rock and Roll, wie Little Richard, leicht hysterisch, aber auf jeden Fall gut gelaunt. Inzwischen habe ich – wir erinnern uns: es ist 1970 in Wuppertal – eine ganze Reihe von CCR-Songs auf meinen Kassetten. Denn ich nehme, wenn immer ich kann, Musik aus dem Radio auf, wobei ich natürlich die Ansager wegschneide. Schallplatten kann sich ein 13-jähriger ja nicht leisten. Aber in der Plattenabteilung des Kaufhauses "Pfusch" (Wahlspruch: "Pfusch – Der Name steht für Qualität") sehe ich mir die Platten an.

Es gibt nun schon vier LPs von CCR. Die allererste von 1968 schaut ein bisschen komisch aus, hippiemäßig, blümchenblau, nicht ganz so cool. Aber ich weiß, da ist der Hit drauf, der sie nach vorn gebracht hat. Gleich am Anfang, als es los ging mit der Band aus Kalifornien: "Suzie Q". Das ist eine Coverversion. Obwohl John Fogerty ja ein großartiger Songwriter ist, haben CCR immer Coverversionen auf ihren Alben. "Suzie Q", lerne ich aus dem Radio, ist eigentlich von Dale Hawkins, 1957 erschienen. Und Dale Hawkins kommt tatsächlich aus dem Sumpfland Louisiana. Er gilt als Erfinder des "Swamp Rock". Aber erst die Version von CCR macht ihn und "Suzie Q" wirklich bekannt. Bis 2010 wird Dale mit dieser Nummer auf Tour sein.

Da hagelt es Hits

So richtig berühmt werden CCR aber erst mit dem zweiten Album "Bayou Country" von 1969 und mit der Single "Proud Mary", die von einem Schaufelraddampfer erzählt, das in New Orleans unterwegs ist. Heute ist "Proud Mary" fast bekannter in der Version von Ike and Tina Turner. John Fogerty spielt "Proud Mary" inzwischen wieder live – er sagt, er möchte verhindern, dass die Leute es für einen Ike-&-Tina Turner-Song halten.

Cover "Willy and the Poor Boys"

Im Wuppertaler Kaufhaus jedenfalls bin ich im Mai 1970 überzeugt, dass ich die ersten beiden CCR-Alben nicht unbedingt brauche. Denn: Es steht mein 13. Geburtstag an und ich darf mir zwei Langspielplatten aussuchen. Die Wahl fällt nicht schwer: Es müssen die CCR-Alben drei und vier werden: "Green River" und "Willy and the Poor Boys", denn da hagelt es Hits.

CCR sind meine Band, nicht die der Hippies

CCR sind 1969 beim Festival in Woodstock aufgetreten, als einer der Headliner. Aber das hat sich nicht zu mir nach Wuppertal herumgesprochen. Denn: CCR sind weder im Woodstock-Film noch auf dem Dreifach-Album. John Fogerty war unzufrieden: Sie mussten nach der ewig daddelnden Hippie-Band "The Grateful Dead" spielen, die die Woodstock-Nation schon größtenteils eingeschläfert hatte. CCR kamen erst nachts um halb eins auf die Bühne, waren genervt und haben schlecht gespielt. Egal, wir haben die 70er – CCR sind meine Band, denke ich, nicht die der Hippies. Und ich höre "Green River".

Cover "Green River"

Das Titelstück des "Green River"-Albums ist Swamp Rock, wie ich ihn mir vorstelle – perfekt. Auf dem Cover stehen die vier Musiker vor einem Waldstück, John Fogerty hat die Gitarre wie ein Gewehr vor sich aufgestellt: Cowboys des 20. Jahrhunderts durchstreifen die Pampa. Creedence Clearwater Revival sind jedenfalls komplett unglamourös und überhaupt nicht sexy. Ein 13-jähriger braucht auch noch keine Sex-Symbole, sondern männliche Role Models wie diese Männer: grundehrliche Waldläufer, eins mit der Natur, romantisch in der Seele.

Auf "Green River" ist dann auch noch eine zauberhafte Ballade, die dazu passt: "Lodi". Das ist das Lied von einem Musiker, der es nicht geschafft hat. Statt auf den großen Bühnen zu stehen, muss er im kalifornischen Provinz-Kaff "Lodi" auftreten, schon wieder! John Fogertys Alptraum, wie seine Karriere auch hätte laufen können. Letztes Jahr hat er es mit Mumford and Sons auf deren Amerika-Tour gespielt. Und man merkt den Engländern an, wie geil sie es finden, den Song zusammen mit dem Original-Autor zu spielen (gibt's auf Youtube).

Schlichtheit siegt

Zurück ins Wuppertal des Jahres 1970: Zum Geburtstag gibt es wunschgemäß die beiden CCR-Alben. "Green River" ist schon großartig, aber "Willy and the Poor Boys" ist fast noch besser. Auch hier bildet eine Doppel-A-Seite das Hit-Gerüst. "Down on the Corner" ist allerdings sogar für den 13-jährigen Igor Naibach ein bisschen zu schlicht. Es ist so eine Art Pseudo-Reggae, zu dem jeder mitsingen kann. Ich freunde mich nie wirklich damit an, aber die andere Seite, das ist eine CCR-Hymne: hart, eine Anklage, der Aufschrei des einfachen Mannes, der eben nicht das Glück hatte, einen Senator zum Vater zu haben.

Es ist heute der meistgeklickte CCR-Song auf Spotify, 46 Millionen mal angehört: "Fortunate Son“. Dieser Song wird oft gecovert, besonders gern von Punk- und Southern-Rock-Bands. 2009 hat es Bruce Springsteen zusammen mit John Fogerty im Madison Square Garden gespielt. Und das passt ja dann auch zusammen. Springsteen, Mumford, Fogerty – das sind Musiker, die zwar ungeheuer erfolgreich sind, die aber von den Pop-Intellektuellen immer abgelehnt wurden: zu platt, zu hemdsärmelig, zu eingängig, zu unpoetisch, zu … working class. Aber für diese eben: perfekte Identifikationsfiguren.

Und für 13-jährige im Wuppertal des Jahres 1970 natürlich auch. Schlichtheit siegt. Und später, bei den Punkrockern, werden CCR wieder – wenn auch eher heimlich – gewürdigt werden. Von der Seattle-Band, die sich "Green River" nennt, von den Circle Jerks, die "Fortunate Son" in doppelter Geschwindigkeit covern, von Sonic Youth, die eines ihrer Alben nach dem CCR-Song "Bad Moon Rising" benennen oder von den australischen Scientists, die sich "It came out of the Sky" vornehmen.

Auch "der Dude" steht drauf

Cover "Cosmo's Factory"

Im Sommer 1970 überschlagen sich in Sachen Creedence Clearwater Revival die Ereignisse: Schon im Juli wird das fünfte Album erscheinen, "Cosmo's Factory", benannt nach dem Übungsraum, den Schlagzeuger Doug "Cosmo" Clifford der Band zur Verfügung stellt. Es ist die dritte LP-Veröffentlichung der Band innerhalb eines Jahres. CCR schmieden das Eisen, so lange es heiß ist. Elf Songs werden drauf sein, allerdings sind sechs davon schon als drei Doppel-A-Seiten-Single erschienen. Dazu vier Coverversionen und nur ein wirklich neuer Song. Aber das macht nichts: "Cosmo's Factory" wird mein Sehnsuchtsalbum und der größte Erfolg von CCR.

Die größte Ehre wird dem Album allerdings erst 1998 zuteil. Denn es ist die Lieblings-Kassette vom Dude, also von Big Lebowski im gleichnamigen Film. Und der Dude steht so sehr auf "Looking out my Back Door", dass ihm beim Autofahren der Joint runterfällt.

Es ist auch der erste Country-Song, den ich bewusst als solchen wahrgenommen habe. Und er öffnet im Sommer 1970 einen Teil meines Herzens für diese amerikanische Volksmusik. Ich werde diese Vorliebe sehr lange geheim halten müssen in den kommenden Jahren, denn zumindest in der ersten Hälfte der 70er ist es politisch absolut nicht korrekt, Country zu hören. Soul dagegen ist okay - und auf "Cosmo's Factory" findet sich ja auch eine überlange Version des Motown-Hits "I heard it through the Grapevine", den Marvin Gaye bekannt gemacht hat.

Retro, als es den Begriff noch gar nicht gab

John Fogerty feiert auf diesem Album dann auch noch den Rockabilly von Roy Orbison und den Rock 'n' Roll à la Elvis. "Cosmo's Factory" ist also über weite Strecken retro, als es den Begriff retro noch gar nicht gab. Und für einen 13-jährigen Wuppertaler machen CCR mehrere Türen zur amerikanischen Popkultur auf. Und sie machen ihm den Zugang sehr leicht. Doch dann ist es auch bald vorbei mit meiner Vorliebe für CCR und … mit der Band selbst.

Ende 1970 kommt "Pendulum" heraus, dann steigt Gitarrist Tom Fogerty aus der Band aus, weil ihn die Dominanz seines Bruders John nervt. Die anderen drei machen 1972 noch ein letztes Album, für das alle paritätisch Songs schreiben dürfen – eine Katastrophe! Danach ist CCR Geschichte. Ich habe mich schon früher verabschiedet. Ende 1970 bin ich mit fliegenden Fahnen zum Glam Rock aus England konvertiert. Marc Bolan von T.Rex sieht so viel besser aus als CCR – und der Sound ist sexy.

Als der CCR-Song als Single erscheint, den die Deutschen am meisten lieben, habe ich schon mit der Band gebrochen: Der 13-Jährige wird bald 14 sein – und es warten spannendere Geheimnisse als die Sümpfe Louisianas. 2015 werden alle drei überlebenden CCR-Mitglieder Doug Clifford, Stu Cook und John Fogerty 70 Jahre alt. Tom Fogerty starb schon 1990. Igor Naibach dankt allen vieren für eine Bereicherung seiner Pubertät.


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