Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Mr Jukes | Shabazz Palaces | Wizkid

Diese Ausgabe des Neuheitenchecks steht unter dem Motto: "Die Welt braucht mehr Leute wie dich" - frei nach der Liga der gewöhnlichen Gentlemen, die den Song "David Watts" von The Kinks so umgetauft haben. Wir brauchen mehr Afrofuturismus wie von den Shabazz Palaces, mehr Sozialisierungs-Musik für verwirrte Teenager wie von Waxahatchee, mehr Tropical House wie von UK-Produzent Mura Masa und mehr Funk wie von Mr. Jukes.

Von: Thomas Mehringer

Stand: 13.07.2017

Cover: Mr Jukes - God First | Bild: Island

Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen - It's OK To Love DLDGG

Viele fragen sich immer wieder: Warum gibt es Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen, kurz DLDGG, eigentlich noch? Meine Antwort: Diese Band ist gekommen, um mit uns Popliebenden alt zu werden. Schon die Vorgängerband Superpunk hat den britischen Beat-Pop geliebt, ihn wie keine andere deutsche Band liebevoll zitiert und adaptiert. Das neue Album der gewöhnlichen Gentlemen tut das wieder und zwar wirklich so herzerwärmend und witzig wie schon lange nicht mehr. Darum macht "It's OK To Love DLDGG" auch mehr Spaß als die jüngsten Vorgänger-Alben. Grundsympathische Typen aus Hamburg, mit denen man gerne alt wird. (7,5 Punkte von 10)

Shabazz Palaces - Quazarz: Born On A Gangstar Star

Das Duo Shabazz Palaces bringen gleich zwei neue Alben raus. Kein Doppelalbum, sondern zwei völlig eigenständige Alben, Nummer 3 und 4 in der Diskografie. Und trotzdem ist es mit den beiden Alben wie mit Zwillingen: so richtig auseinanderhalten kann man sie nicht und man kann auch nicht so richtig sagen, wer zuerst da war. "Quazarz: Born On A Gangstar Star" ist das Hitalbum - in Anführungszeichen. Hier findet man mindestens fünf veritable Singles, darunter das großartige "Shine A Light". Das Album erzählt die Geschichte von Quazarz, einem Typen, der auf einem Gangsterplaneten geboren wurde und auf Licht durch das Universum reitet. Womit wir bei Album nur zwei wären: "Quazarz vs. The Jealous Machines". Wie der Name schon sagt, dreht sich auch hier alles um Quazarz und seine Abenteuer, es hat weniger Hits, aber die Kiffer unter den Shabazz Palaces-Fans freuen sich sehr über die mellow Atmosphäre dieses Albums. (8)

Shabazz Palaces - Quazarz vs. The Jealous Machine

Shabazz Palaces hauen kosmische Beats raus, zitieren Kraftwerk und Krautrock und kommentieren den irdischen Hip Hop vom Weltall aus. So kennen wir die Shabazz Palaces. Auch spannend, dass sie mit den beiden neuen Alben den Afrofuturismus umkehren. Der besagt nämlich, dass die schwarze Community sich ein eigenes Zuhause irgendwo im Universum suchen soll. Bei den Shabazz gibt es das Zuhause schon: ein Gangstar-Planet. Auch nicht schön dort, darum lieber zurück zur Erde, dem alten Sehnsuchtsort. So ganz stringent ist ihre Quazarz-Geschichte nicht und so ganz versteht man auch nicht, warum zwei Alben auf einmal erscheinen müssen, plus eigenem Comic, der nächsten Monat noch kommt, aber beide Platten sind sehr gut und tatsächlich eigenständig - wenn es auch nicht zum vielleicht erhofften Opus Magnum gereicht hat. (7,5)

Mr. Jukes - God First

Jack Steadman kennen wir als Sänger von Bombay Bicycle Club, Nummer 1-Band aus dem UK, die machen aber gerade eine Pause. Die Mitglieder widmen sich anderen Projekten, und Jack Steadman wurde zu Mr. Jukes, einer funky Version einer Juke-Box, die absolut nichts mehr mit dem Pop des Bombay Bicycle Club zu tun hat. Mr. Jukes war es ein Anliegen, so viele Ideen wie möglich in dieses Projekt zu packen, die bei seiner Hauptband einfach nicht funktioniert hätten - und das ist gleichzeitig das Problem der Mr. Jukes-Platte. Es werden dann doch einfach zu viel Ideen: Spielhallen-R&B, zu simple Beats und selbst die hochkarätigen Gäste wie Charles Bradley, Lianne LaHavas oder De La Soul können manche mediokre Tracks nicht retten. Es bleibt die Erkenntnis: funky ist man nicht einfach so mal, funky sein heißt, auch fokussiert zu sein.  (6,5)

Mura Masa - Mura Masa

Dieser pausbackige Bengel war einer der Headliner beim PULS Open Air auf Schloss Kaltenberg im Juni: Mura Masa aus London. Er ist erst 21 und gehört zu den jungen britischen Elektronik-Produzenten, die mit James Blake aufgewachsen sind. Nach einem beeindruckenden Mixtape kommt jetzt sein Debütalbum, darauf gibt er vielen Gästen eine Bühne: Jamie Lidell, Charli XCX, ASAP Rocky, Damon Albarn. Und ich sage bewusst: er gibt ihnen eine Bühne, nicht umgekehrt. Mura Masa präsentiert hier äußerst routiniert seine Vision von Tropical House, ganz nach dem Motto: London ist für einen 20-jährigen ein Dschungel, in dem man viel Schweiß und Blut lässt. Großes Talent und jetzt schon in einer Liga mit dem fast gleichaltrigen Brüderpaar Disclosure, nur James Blake selbst spielt noch ein paar Ligen über Mura Masa. (7)

Wizkid - Sounds From The Other Side

Wizkid kommt aus Nigeria und ist seit Jahren in ganz Afrika ein großer Star. Auf seinem letzten Album hat er noch mit afrikanischen Stars gearbeitet, jetzt sind es Weltstars wie Chris Brown oder Drake. Mit dem hatte Wizkid im letzten Jahr auch den weltweiten Hit "One Dance", war auch Platz 1 in den deutschen Charts. Ich konnte nur vier Tracks der neuen Platte "Sounds From The Other Side" hören, aber es deutet vieles darauf hin, dass sich Wizkid als afrikanischer Pharrell Williams inszenieren will. Ist ja auch musikalisch und klamottentechnisch sein großes Vorbild. Und eins muss man Wizkid tatsächlich lassen: Soul hat er. (keine Wertung möglich)

Japanese Breakfast - Soft Sounds From Another Planet

Der Name täuscht, denn hinter Japanese Breakfast steckt eine Frau mit koreanischen Wurzeln, Michelle Zauner. Sie ist Mitglied der Indie-Band Little Big League, die kommen aus Philadelphia. Sie hat vor zwei Jahren angefangen, ihr Solodebüt zu schreiben, direkt nach dem Krebstod ihrer Mutter - danach wollte sie nie wieder Musik machen. Glück für uns, dass sie stark genug war weiterzumachen - auch wenn ihr zweites Soloalbum wieder aus den dunkelsten aller Ecken hervorkriecht. Aber genau darum geht's auf "Soft Sounds From Another Planet": der Dunkelheit entkommen. Das tut sie mit groovendem Bedroom-Pop, der leider genau dann seine schlechtesten Momente hat, wenn die Discokugel im Schlafzimmer angeht. (7)

Offa Rex - The Queen Of Hearts

Das beste Album der Decemberists ist für mich immer noch "Picaresque", weil es - wie der Name schon sagt - so zeitlos düster und satirisch war, ein modernes Traditional, wenn man so will. Die Decemberists aus Portland sind große Fans von diesen alten, traditionellen Folk-Songs aus dem 17. und 18. Jahrhundert, wie sie auch oft an englischen Küsten gesungen wurden. Genauso Fan wie Olivia Chaney, sie stammt aus England. Colin Meloy von den Decemberists hat ihr letztes Album gehört, war ziemlich begeistert und hat sie daraufhin angetwittert. Das Ergebnis: ab morgen hören wir die gemeinsame Leidenschaft auf einer gemeinsamen Platte. Sie nennen sich Offa Rex und spielen alte Traditionals und Neu-Kompositionen - leider aber nicht so leicht und fesselnd wie auf früheren Decemberists-Alben. Darum ist diese Platte auch wirklich nur was für Die-Hard-Fans. (6,5)

Waxahatchee - Out In The Storm

Soviel Gitarre war noch nie auf den Songs von Katie Crutchfield, sie nennt sich Waxahatchee. Der Name kommt vom Waxahatchee Creek in Alabama und steht für den naturverbundenen Indie-Rock von Mrs. Crutchfield. Ihr neues Album heißt entsprechend "Out In The Storm". Neben Torres, Big Thief, Angel Olsen, um nur ein paar zu nennen, gehört Waxahatchee zu diesen starken emanzipierten, jungen Songwriterinnen, die eine ganz eigene, unabhängige Sicht auf die Liebe haben. Jedem 16-jährigen Mädchen, das Liebeskummer hat oder ihren Körper mal doof findet, wünsche ich diese Platte auf den Plattenteller oder die Playlist in ihr Spotifyprofil. (7,5)

Laibach - Also sprach Zahrathustra

Laibach aus Slowenien sind die erste westliche Rockband, die in Süd- und Nordkorea live aufgetreten sind. Über den Trip ins Land von Diktator Kim Jong Un wird bald eine Doku in die Kinos kommen, "Liberation Day" heißt der Film. Vorher gibt's noch eine neue Platte von Laibach, "Also sprach Zarathrusta", eigentlich eine Auftragsarbeit für ein Theater in ihrer Heimat, zusammen mit dem slowenischen Symphonie Orchester. Darin vertont: die zentralen Werke von Friedrich Nietzsche. Mein erster Eindruck: Da kommt zusammen, was zusammen gehört. Laibach klingen hier mit Nietzsches Pathos selbst wie die großen Diktatoren des Rock. (6)