Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Downtown Boys | Jen Cloher | Paul Kelly

In Cannes hat er den Preis für den besten Soundtrack des Jahres bekommen: Oneohtrix Point Nevers Score zu "Good Time". Zum US-Kinostart des Bankraub-Dramas erscheint auf Warp die elektronisch gehaltene Filmmusik von Daniel Lopatin. Partymäßig dagegen das Debüt von Rat Boy aus England: auf seinem Debüt erinnert er an die Beastie Boys oder The Streets. Mocky hat das 2017er Album "Pleasure" von Feist mitgeschrieben und co-produziert. Nun veröffentlicht er Teil 4 seiner "Moxtape"-Serie. Außerdem neu in den Läden: das Debüt des HipHop-Beat-Bastlers Kutmah und Indie-Rock von The Districts.

Von: Ralf Summer

Stand: 10.08.2017

Cover: Paul Kelly - Life Is Fine | Bild: Cooking Vinyl

Downtown Boys - Cost Of Living

Cover: Downtown Boys - Cost Of Living | Bild: Sub Pop

Fans des Hardcore haben die Polit-Punks schon länger auf dem Schirm - spätestens seit ihrem Zweitling "Full Communism" - auf dem sie Bruce Springsteens "Dancing In The Dark" coverten. Mit ihrem dritten Album sollten die zwei Damen und zwei Herren aus Rhode Island/USA auch bei uns den Durchbruch schaffen. Als "bi bi-lingual political dance sax punk party" bezeichnete sich das Quartett von der Ostküste bisher. Das heißt: die Verhältnisse werden zum Tanzen gebracht. Und mit dem Punk-Saxophon Kapitalismus, Rassismus und Homophobie der Marsch geblasen. Und weil Englisch allein nicht reichen könnte, singt Victoria Ruiz auch auf Spanisch. Der Rolling Stone bezeichnete sie als "Amerikas aufregendste Punk-Band", seit 2015 haben sie ein eigenes Online-Magazin. Auf Spark Mag legen sie z. B. die Spendenpraxis des 77jährigen Gründers des berühmten Coachella-Pop-Festivals offen: Philip Anschutz hat 200.000 Dollar für Gruppen in den USA gespendet, die gegen Lesben und Schwule arbeiten. Das geht natürlich nicht - für jemanden wie Victoria Ruiz, die sich als "Latinx" bezeichnet - das "x" meint 'neutrales Geschlecht', weder weiblich noch männlich. Produziert hat Guy Picciotto von den Post-Hardcore-Pionieren Fugazi. Die Frage ist: werden ihnen die Fans verzeihen, daß sie nun bei Sub Pop unterschrieben haben, dem großen Indie -Label in den USA? Mit Chören, doppelten Stimmen, leichten Keyboards und weniger Saxophon auf der Platte. Trotz allem: eine Band wie der perfekte Mix aus James Chance, The Gossip und Riot-Grrrl-Punk. (8 Punkte von 10)

Trailer Trash Tracys - Althaea

Der Name klingt nach Punk aus einem weißem Trailerpark vom Rande einer US-Stadt, doch die Trailer Trash Tracys sind zwei Dream-Pop-Musiker aus London. Über fünf Jahre haben die beiden für „Althaea“ gebraucht. Suzanna Aztoria und Jimmy Lee beschäftigen sich auf ihrem neuen Album ua mit philippinischer Karnevals-Musik, latein-amerikanischen Rhythmen und japanischem Tropical-Pop der 80er („Eden Machine“). Beim luftigen „Money for Moondogs“ erinnern sie an Stereolab und in „100 Aspects Of The Moon“ tauchen Hawai-Gitarren auf und verleihen ihnen einen Easy-Listening-Touch, der ihnen sehr gut steht. Das Stück „Siebenkäs“ bezieht sich auf den gleichnamigen Roman des Bayreuther Dichters Jean Paul in dem auch Hof, Selb und Augsburg vorkommen – im Buch taucht auch Pauls Wortschöpfung „Doppelgänger“ erstmals auf. Am 9.10. spielen sie in München in der Milla. (7,5)

Oneohtrix Point Never - Good Time

 In Cannes hat er den Preis für den besten Soundtrack des Jahres bekommen: Oneohtrix Point Nevers Score zu "Good Time" mit Robert "Twilight" Pattinson. Zum US-Kinostart des Bankraub-Dramas am 11.08. erscheint auf Warp die elektronisch gehaltene Filmmusik von Daniel Lopatin (sprich: Low-patten), dem New Yorker hinter dem Projekt. Seine Eltern wanderten aus St. Petersburg nach Boston aus - die Mutter arbeitete als Producer beim Radio, sein Vater war Ingenieur, spielte Klavier und Akkordeon und Covers und bei einer berühmten Rockband (The Flying Dutchmen) in Russland. Als Oneohtrix Point Never hat er sich in den letzten Jahren einen Namen als Konzept-Künstler gemacht. Einmal sampelte er sich für ein Album durch Heavy Metal - der Musik seiner Jugend - und verfremdete sie bis zur Unkenntlichkeit. Ein andere Mal verarbeitete der auch vom MoMa geschätzte Musiker digitale Preset-Sounds. Hier fährt eine Art anspruchsvolle Variante des "Drive"-Soundtracks auf - ohne den "Tick Of The Clock"-Hit, dafür mit Iggy Pop beim Stück "The Pure And The Damned". "Good Time" verwebt Synthie-Prog-Pop mit Library Music und New Age/IDM-Sounds zu einer dräuenden Sound-Mixtur. Funktioniert mit den gelegentlichen Strassen-Geräusch, Polizei-Sirenen und Stimm-Fetzen auch ohne Bilder. Kommt dann aber unheimlich daher. (7,5)

Moon King - Hamtranck '16

Daniel Benjamin kommt aus den USA und aus dem Shoegaze - nun dockt er auf seiner neuen Mini-LP als Moon King bei Disco an. Aber eher schüchterne Indie-Disco. Zwei Jahre nach seinem Debüt als Moon King nun also schon eine Richtungs-Änderung. Vielleicht weil er dachte, seinen frühen Sound kennt man schon von Slowdive oder Ride. Nun also der Move - nach seinem Umzug nach Detroit liebäugelt er auch etwas mit Munich Disco - wie beim Opener "Come Around". Pitchfork fühlt sich bei dem Stück gar an "I Feel Love" von Donna Summer und Giorgio Moroder erinnert. Für mich geht es auf "Hamtranck '16" eher Richtung Unknown Mortal Orchestra, Junior Boys oder Chromatics. (7,5)

Kutmah - Trobbb!

Justin McNutty ist Sohn einer ägyptischen Mutter und eines schottischen Vaters. In Brighton probierte er sich am Plattenspieler aus, dann zog er nach Los Angeles und eröffnete 2004 in Hollywood den Club "Sketchbook" - dort zog er vor allem HipHop-Heads an, die sich Beats von Labels wie Mo'Wax oder Jazz Fudge anhörten - u. a. kam Flying Lotus gern in den Laden. 2010 passierte dann das Unglaubliche: Beamte der US-Bundespolizei dringen in Justins Wohnung ein, bringen ihn in eine Strafanstalt nach New Mexico und schieben ihn nach England ab, wo er nun wieder lebt. Und das alles ohne kriminellen Hintergrund und mit Rechnung für zwei Monate Gefängnis, wie  McNutty sagt. Nun sein Debüt als Kutmah - größtenteils instrumental - dabei die Rapper Gonjasufi und Jonwayne aus seiner alten Heimat von der US-Westcoast. Die meisten der Tracks auf "Trobbb!" sind experimentell, schwer, noisy, dystopisch. Kutmah wollte ein Album für Einzelgänger hinkriegen: "Kennst du diese Platten, diesen Sound haben à la 'Hey, ich bin auf einem Festival!' Nun, ich wollte genau das Gegenteil davon machen." Für seinen Kumpel Flying Lotus gilt als "einer der einflussreichsten DJs des Beat-Movements". (7)

Jen Cloher - Jen Cloher

Das vierte Album der australischen Rock-Musikerin, die auch als Musik- und Rechte-Anwältin in Melbourne bekannt ist. Außerdem betreibt sie das Milk! Label - gemeinsam mit ihrer Partnerin, der gefeierten Courtney Barnett. In "Forgot Myself" thematisiert sie ihre Beziehung, die darunter leidet, daß Courtney so oft so weit weg ist. "Man möchte natürlich bei seinem Partner sein und die großen Momente in deren Leben miterleben, aber zeitgleich hat man zu Hause ein eigenes Leben. Es ist leicht, sich selbst zu vergessen". Clohers Platten wurde schon mit The Velvet Underground und Crazy Horse verglichen und für zwei Pop-Preise in ihrer Heimat nominiert - wo sie als weibliches Aushängeschild der Punk-/DIY-Szene der 4-Millionen-Einwohner-Stadt gilt. Das neue Album ist "ein dreifaltiger Brief an die Liebe, Musik und Australien", wie sie sagt. Ihre Texte sind bissiger und poetischer geworden. Es geht aber auch um Shoegazer, Volksabstimmungen, Vorbilder und gleichgeschlechtliche Heirat. Apropos: in den USA wird sie mit Courtney touren - Jen und sie machen nun das Beste draus. (7)

Mocky - How To Hit What And How Hard

Mocky hat das 2017er Album "Pleasure" von Feist mitgeschrieben und co-produziert. Nun veröffentlicht er Teil 4 seiner "Moxtape"-Serie - die EP spielte der kanadische Multi-Instrumentalist wieder mal fast im Alleingang ein - bei "Desiree" half sein Kumpel (Chilly) Gonzales. Aufgenommen in seiner Wahlheimat Los Angeles und sound-mäßig angelehnt an die Songs aus der Sesamstrasse. Der Titel "How To Hit What And How Hard" bezieht sich aufs Aufstellen und Hämmern/Nageln der Schlagzeugwände im neuen Studio. Damit jeder sein "How To Hit What And How Hard" selbst probieren kann, können Fans die Spuren der Songs einzeln bekommen. (7)

The Districts - Popular Manipulations

Das Indie-Rock-Quartett aus dem US-Bundesstaat Philadelphia mit seinem dritten Album. Nach einigen Maxis bot ihnen Fat Possum Records einen Vertrag an - das Label, bei dem auch die Felice Brothers, The Walkmen oder die Wavves veröffentlich(t)en. „Popular Manipulations“ verhandelt Gier, Angst, Manipulation und gebrochene Herzen. Viele gebrochene Herzen - bei den vier jungen Herren. Ihre Platte kommt schon mal gut an bei den Bookern im Lande: ihre D-Tour wird erweitert. The Districts spielen ua am 19.9. in München im Strom und am 29.9. am Nürnberg im Club Stereo. (7)

David Rawlings - Poor David's Almanack

Rawlings kommt aus Rhode Island, spielte als Gast auf Alben von Bright Eyes oder Ryan Adams - in den USA ist er bekannt als Partner von Gillian Welch, der Americana-Queen. Welch wirkte auch auf seinem Debüt mit, ebenso Musiker von Tom Petty. Auch auf der neuen Platte "Poor David's Almanack" arbeitete das Paar Rawlings/Welch wieder zusammen. Aufgenommen in ihrem eigenen Woodland Sound Studios in Nashville, Tennessee. Außer in Song 2, dem schnellen "Money Is The Meat In The Coconut", läßt es der Songwriter und Gitarrist ruhig angehen - eingespielt auf einer Gitarre aus dem Jahr 1935, die er auf dem Dachboden eines Freundes fand - ohne Saiten - und ohne zu fragen, restaurierte er die Epiphone Olympic für die Platte. "Als ich sie das erste Mal spielen konnte, wußte ich: ich liebe diese Gitarre", sagt Rawlings. Hochkarätige Musiker aus dem Country/Folk-Umfeld der Beiden stimmen auf der Platte ein. (6,5)

Paul Kelly - Life Is Fine

Ein Australier der bei uns nicht sehr bekannt ist - auch wenn ihn der Herausgeber des Rolling Stone-Magazins, David Fricke, über den grünen Klee lobt: "Er ist einer der feinsten Songwriter, die ich je gehört habe". Kelly, Sohn einer philippinischer Mutter, ist im australischen Radio viel zu hören: seine Songs "To Her Door" und "Treaty (feat. Yothi Yindi)" gehören zu den am häufigsten im australischen Radio gespielten Stücken heimischer Künstler. Es gibt zwei Tribut-Alben auf denen junge Bands seine Lieder covern - und einen Dokumentar-Film über ihn. Sein erstes Buch wurde in der Hörbuch-Version ua von Cate Blanchett und Russell Crowe gelesen. Queen Elizabeth II heftete ihm den "Order Of Australia" an - ein Ehrenzeichen für außerordentliche Verdienste. An seinem Status wird wohl auch das 28. Album in 32 Jahren nichts ändern: ein Songwriting-/Pop-Grand Seigneur Down Under und hier: "unter ferner liefen". (6,5)

Rat Boy - Scum

2016 gewann Jordan Cardy den "Best New Artist"-Award des NME - als Rat Boy. Nun legt der 21jährige Engländer sein Debüt vor. Er klingt nach einer modernen Variante von Jamie T. Mit dieser Party-Platte wird der Kunst-Student aus Essex und seine Band durch die Decke gehen - der gutgelaunte Rave-Rap-Pop sollte absolut Open-Air-Festival-kompatibel sein - mit vielen Singles fürs Jugend-Radio wie "Sign On", "Fake ID", "Laidback", "Get Over It" oder "Move". Die Hymne "Revolution" kann man zwischen Gorillaz oder The Charlatans spielen. Rap-Superstar Kendrick Lamar ist schon Fan: er sampelte Rat Boys Stück "Knock Knock Knock" für sein letztes Album "DAMN" - beim Stück "LUST". Cardys Label sieht ihn als "Beastie Boys der Generation Brexit". Rat Boy war sein Spitzname in der Schule - er wurde als Legastheniker gehänselt. Nun kann er sich an all den Mitschülern rächen. (ohne Wertung, da das komplette Album nicht rechtzeitig zur Verfügung gestellt wurde)