Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Cigarettes After Sex | London Grammar | Phoenix

Der kompakte Überblick über die Neuerscheinungen der Woche stellt die neuen Alben u. a. folgender Künstler vor: Big Thief, Sweet Baboo, Chuck Berry, Phoenix und Ani DiFranco...

Von: Thomas Mehringer

Stand: 08.06.2017

Cover: London Grammar - Truth Is A Beautiful Thing | Bild: Island

Phoenix - Ti Amo

Ein "Lisztomania" wird man auf der neuen Phoenix-Platte nur schwer finden, dafür eine Menge Gelati-Pop, Musik zum Eis-Schlecken bei 32 Grad - und das als Reaktion auf den schrecklichen Terror der letzten Monate, allem voran der Anschlag auf das Bataclan in Paris. Wir dürfen uns die Lebensfreude nicht nehmen lassen - diese Parole nehmen Phoenix auf "Ti Amo" richtig ernst, ohne sie wirklich konkret zu benennen. Mit 80er Synthie-Sound, Pathos und FlipFlops. Ich denke dabei an Ja, Panik, die zuviel "Eis am Stiel" gesehen haben, denn wie Ja, Panik deutsch und englisch vermischen, verquicken Phoenix hier englisch, französisch und italienisch miteinander. Den positiven Ansatz kann man unterstützen - aber man kann es damit auch übertreiben und das Gefühl habe ich bei "Ti Amo". (6,5 Punkte von 10)

Sweet Baboo - Wild Imagination

Sweet Baboo ist Stephen Black, der kommt aus Nord Wales, lebt jetzt in Cardiff und er ist vor drei Jahren Vater eines Sohnes geworden. Dem Jüngling ist das neue Album "Wild Imagination" gewidmet. Das sollte erst "Positive Recordings" heißen und zwar weil 2016 so ein bescheidenes Jahr war und er für seinen Sohn ein Album voller positiver Songs schreiben wollte. Hat er getan, aber das Ergebnis klingt nicht überbordend euphorisch, eher so, als würden die Beach Boys auf Stereolab treffen. Durchaus spannend, aber oft auch mit Längen. (6)

London Grammar - Truth Is A Beautiful Thing

Wer bin ich mit Mitte/Ende 20? An was soll ich glauben, und was kann ich guten Gewissens ablehnen in diesen schweren Zeiten? Darum geht es auf dem zweiten Album von London Grammar, dem Trio aus London. Um das "Big Picture", so heißt auch ein Song auf dem Album. London Grammar sind der emotionale Pep-Talk unter den neuen britischen Pop-Stars. Schon ihr Hit "Strong" vom Debütalbum hat vielen Jugendlichen Zuspruch und Halt gegeben. Musikalisch verlassen sie sich die drei Studienfreunde auf die glockenklare Stimme von Sängerin Hannah Reid, dabei wird um sie rum alles relativ reduziert gehalten. Die Jugend braucht Optimismus, London Grammar liefern ihn. (7)

Cigarettes After Sex - Cigarettes After Sex

Der traurigste Sadcore der Saison kommt von Cigarettes After Sex. Die Band kommt aus El Paso, Texas und kann es sich leisten, ihre ersten Singles, die über 80 Millionen Klicks auf Youtube haben, gar nicht erst mit ihr auf Debütalbum zu nehmen. Die Platte funktioniert trotzdem, weil sie unglaublich geschlossen daherkommt. Es wird eigentlich nur eine Stimmung, ein Gefühl bedient und das über 40 Minuten lang - aber ohne, dass es langweilig wird. Das können sonst nur die Slowcore-Meister von Spain, der Sound erinnert aber auch an das Duo Rhye, wegen der androgynen Stimme von Sänger Greg Gonzalez. Der mag am Liebsten Frauenstimmen, wie die von Hope Sandoval oder Julee Cruise. Trotzdem steckt für mich auch ein wenig Element Of Crime in Cigarettes After Sex - wenn auch unbewusst. (8)

Big Thief - Capacity

Big Thief aus Brooklyn veröffentlichen auf dem Label von Conor Oberst, auf Saddle Creek. Und wie alle Bands auf diesem Label sind Big Thief Geschichtenerzähler. Wir hören hier Geschichten über die verschiedensten Frauen, wir tauchen ein in ihren Alltag. Diese Platte könnte auch eine angesagte Anthologie-Serie auf Netflix mit starken Frauenfiguren sein. Wie bei einer Serie bleibt man hier - auch ohne Cliffhanger - Song für Song dran - bis zum bitteren Ende. Wir haben es hier mit einem starken Album zu tun, allerdings nicht so stark wie der Vorgänger. Trotzdem unter den Top 3 diese Woche. (8,5)

Sufjan Stevens, Bryce Dessner, Nico Muhly, James McAlister - Planetarium

Sufjan Stevens hatte ja mal das halsbrecherische Vorhaben, jedem US-Staat ein Album zu widmen. Das ist grandios gescheitert. Zum Glück für uns. Sonst hätten wir vielleicht nie so ein fantastisches Album wie sein letztes hören dürfen, "Carrie & Lowell" hieß das. Aber irgendwie hat Sufjan Stevens es mit größenwahnsinnigen Ideen, denn diesmal ist unser Sonnensystem dran: Planeten, Kometen, schwarze Löcher, darum geht es auf "Planetarium". Ein Album mit 17 ausschweifenden Tracks und der Grund, warum das hier funktioniert, hat drei Namen: Bryce Dessner, den kennen wir von The National. Und die Komponisten Nico Muhly und James McAlister. Die drei haben zusammen mit Stevens ein großartig, schwereloses Konzeptalbum aufgenommen, irgendwo zwischen Progrock und sinistrer Elektronik, zwischen Alien und Odysee im Weltraum. Und als nächstes dann bitte mal ein Konzeptalbum über die Weltmeere. (8,5)

1115 - Post-Europe

"Abgefahren" könnte man die Musik von 1115 bezeichnen. Denn sie fahren so wild hin und her, dass ich nicht mehr mitkomme, kurz vorm Aussteigen bin, aber dann doch dran bleibe, weil ich nicht abgehängt werden will. Einfach abgefahren. 1115 ist ein Duo aus München, zusammen mit Markus Acher und Cico Beck von The Notwist haben sie ein großartiges Debütalbum aufgenommen, die erste EP kam schon letztes Jahr, auch über das Notwist-eigene Label Alien Transistor. Die Platte "Post-Europe" läuft für mich unter dem Label "Weird Techno". (7,5)

V. A. - American Epic: The Sessions

Das erste Mal, dass Amerika sich selbst hören konnte - ein schöner Untertitel für eine dreiteilige Doku, die seit dem Mai in den USA zu sehen ist. Darin geht's um die 1920er Jahre in den USA, als das Radio anfing, Popmusik zu spielen und Pop hieß damals: Country, Gospel, Cajun, auch hawaiianische Musik. Pop war damals unglaublich divers, das will der britische Regisseur Bernard MacMahon mit seiner Doku "American Epic" zeigen. Musikalisch unterstützen ihn dabei T Bone Burnett und Jack White. Die beiden haben Stars von heute ins Studio geholt, um die Songs von damals mit der Technik von damals aufzunehmen. Stars wie Elton John, die Avett Brothers oder NAS. Eine tolle Zeitreise, die ab jetzt im Plattenladen ist, auf den Film auf BluRay müssen wir leider noch ein wenig warten. (7,5)

Ani DiFranco - Binary

Ani DiFranco ist Aktivistin, Labelchefin und Songwriterin. Jetzt bringt sie ihr zwanzigstes Album raus, "Binary" hat sie das genannt, also zweiteilig. Eine Anspielung auf den Zustand ihrer Heimat, der USA. DiFranco hat das Album kurz vor der Präsidentschaftswahl geschrieben und wenig überraschend festgestellt: dieses Land ist tief gespalten. Darum geht's auf "Binary", manchmal ironisch, manchmal knallhart. Mit dabei: Maceo Parker und Bon Iver. Große Namen also, auch große Themen, leider versackt die Musik hier ein wenig, obwohl Ani DiFranco so stolz ist auf ihren New Orleans-Sound, den sie nur Crescent City Funk nennt, also urbanen Funk auf Halbmond. (6,5)

Chuck Berry - Chuck

Mit dem Song "Lady B. Goode" schließt sich der Kreis. "Johnny B. Goode" hat 1955 einen gewissen Chuck Berry auf die Spur gebracht. Am 18. März dieses Jahres  ist Chuck mit 90 Jahren gestorben. Bis zuletzt hat er an neuer Musik gearbeitet, seine Familie hat sich entschieden, sie zu veröffentlichen, weil ihn die Arbeit in den letzten Jahren angeblich so zufrieden gemacht hat. Vielleicht will man aber einfach nicht auf das Geld verzichten. Wer weiß? Jedenfalls erscheint morgen das Album "Chuck".  Acht von zehn Songs darauf sind neu und von Berry geschrieben, wie das eben gehörte Lady B. Goode oder der Song "Good Boys", der zusammen mit Tom Morello und Nathaniel Rateliff aufgenommen wurde und das hört man: der Song und ganze Album klingen ziemlich frisch. Wenn Chuck noch leben würde, würde man sagen: Unglaublich, wie munter er mit 90 daherkommt. Auf jeden Fall werden wir ihn in bester Erinnerung behalten. So oder so: Danke, Chuck, für alles. (7)

Lindsay Buckingham & Christine McVie - Lindsay Buckinghma & Christine McVie

Cover: Lindsey Buckingham Christine McVie - Lindsey Buckingham Christine McVie | Bild: East/West

Fleetwood Mac sind zurück - fast. Zwei Mitglieder machen erstmals zusammen eine Platte: Lindsay Buckingham und Christine McVie. Als Duo bringen die beiden ein gemeinsames Album raus. Ein Spätwerk, was irgendwie in den frühen 80ern hängengeblieben ist. Die Überführung in einen modernen Sound ist total missglückt - vielleicht aber auch gar nicht gewollt. Das Songwriting ist dementsprechend seicht. Die Hardcore-Fleetwood-Fans werden nicht so viel damit anfangen können, die warten lieber weiter auf eine neue Platte mit Stevie Nicks. (5)

Tindersticks - Minute Bodies: The Intimate World Of F. Percy Smith (Soundtrack)

Stuart A. Staples von den Tindersticks ist unter die Regisseure gegangen. Sein Protagonist: F. Percy Smith. Der hat Anfang des 19. Jahrhunderts die ersten Natur-Dokumentation gedreht, 1945 ist er gestorben und hat Unmengen von Filmmaterial hinterlassen. Die hat Stuart A. Staples zu einem neuen Film zusammen komponiert, "Minute Bodies" hat er ihn genannt: The Intimate World Of F. Percy Smith, so der Untertitel. Darum herum hat Staples mit einem Großteil der Tindersticks auch gleich den Soundtrack eingespielt. Im Film sieht man Mikroben und Zellen wandern, sich rhythmisch bewegen, und dazu hat Staples den perfekten instrumentalen Soundtrack komponiert, der aber ohne Natur-Kontext überhaupt nicht funktioniert. (5,5)