Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Broken Social Scene | Haim | This Is The Kit

Broken Social Scene versuchen mit Hymnen die Welt zu retten, Public Service Broadcasting geht es zumindest um die Ehrenrettung des walisischen Bergbaus und was macht Andreas Dorau angesichts der desolaten politischen Weltlage? Er hat nichts anderes im Kopf als die Charts.

Von: Angie Portmann

Stand: 06.07.2017

Cover: This Is The Kit - Moonshine Freeze | Bild: Rough Trade

This Is The Kit - Moonshine Freeze

Mit "Moonshine Freeze" ist der Britin Kate Stabels und ihren immer wieder wechselnden Mitstreitern ein wunderschönes Folk-Album gelungen, das genauso an die sanften Klänge einer Vasthi Bunyan erinnert wie an aktuelle Namen wie Laura Marling oder Sharon van Etten. Während der Vorgänger noch von Aaron Dessner von The National in dessen Brooklyner Garage produziert wurde, stand diesmal PJ Harveys Stammproduzent John Parish an den Reglern. "Moonshine Freeze", das vierte Album von This Is The Kit, ist in Bristol entstanden, hätte aber auch (fast) vor knapp 50 Jahren in Kalifornien im Laurel Canyon aufgenommen werden können. (8 Punkte von 10)

Broken Social Scene - Hug Of Thunder

Schon immer hat das kanadische Kollektiv Euphorie, Chaos und sonische Schönheit auf's Wunderbarste miteinander verbunden. Und das gilt jetzt auch wieder für ihr jüngstes Werk "Hug Of Thunder". Mit dabei sind alle 15 Original-Mitglieder, von Kevin Drew über Leslie Feist, Emily Haines, Amy Millan bis zu Jason Collett. Nach 20 Jahren haben die Kanadier offensichtlich immer noch Bock auf das Kollektiv-Ding. Auch wenn viele der BSS-Mitglieder mittlerweile erfolgreiche Solo-Karrieren hingelegt haben und Broken Social Scene zur Super Super Group aufgestiegen ist. "Hug Of Thunder" ist kein wütendes Album, wie es gerade so viele gibt, sondern eine sehr positive Platte. Mit wunderbaren Chören, Melodien, die zu kosmischen Soundschleifen werden, psychedelischen Gitarren und epischen Drones. BSS klingen introvertiert und atmosphärisch um sich kurz darauf schon wieder in rauschhaften, hymnischen Soundscapes zu verlieren. Es geht um's Durchhalten, trotz teilweise apokalyptischer Zustände, ums glücklich sein und bleiben. Und so heißen die Songs auch "Stay Happy", "Hug Of Thunder" oder "Gonna Get Better". Das mag dem ein oder anderen zu hippiesk klingen, den Fans von Broken Social Scene, zu denen ich auch gehöre, dürfte dieses Album ein Fest sein. (8)

Public Service Broadcasting - Every Valley

Während Broken Social Scene versuchen, mit Hymnen die Welt zu retten, legen Public Service Broadcasting den Finger in die Wunde, die eine zynische und populistische Politik der Gesellschaft aktuell zufügt. Auf ihrem dritten Album "Every Valley" beschäftigt sich die Londoner Art Rock Band mit dem Niedergang der walisischen Bergbauindustrie und dessen Folgen für die Betroffenen. Frontmann J. Willgoose, Esq. hat sich offensichtlich tief in das Thema eingegraben, hat Tonnen von Sprachaufnahmen gesammelt und diese als Samples in seine Musik eingearbeitet. Er lässt dabei walisische Bergarbeiter genauso zu Wort kommen wie deren Frauen. In dem Song "They Gave Me A Lamp" feat. Haiku Salut geht es z. B. explizit um die Rolle der Frauen während des Bergarbeiterstreiks in Süd Wales in den 80er Jahren. Wie ernst der Band dieses Thema ist, zeigen auch die Videos dazu, die u. a. in einer stillgelegten Mine gedreht wurden. Und Public Service Broadcasting haben sich etliche Gastmusiker ins Boot respektive in den Minenschacht geholt. Der bekannteste davon dürfte wohl der Waliser James Dean Bradfield sein, der streitbare Sänger der Manic Street Preachers. Aber auch ohne Unterstützung von außen ist dieses Konzeptalbum ein beeindruckender Mix aus Zeitzeugen-Samples und treibendem Art Rock. Kraftwerk trifft auf Post Rock, Elektronik auf Gitarren. Eine ergreifende Geschichtsstunde, die noch dazu mühelos den Sprung ins Hier und Jetzt schafft. Denn genau dort, in jenen heruntergekommenen walisischen Bergarbeitergemeinden hatte die Mehrheit der Menschen im vergangenen Jahr für den Brexit gestimmt. "Every Valley" resultiert also genau daraus, aus diesem neuen Interesse ihres Frontmanns für Politik und Gesellschaft, einer Gesellschaft, die gerade dabei ist neue Klassen, neue Gräben zu installieren. (8)

Haim - Something To Tell You

Haim, das sind bekanntlich drei gutaussehende Schwestern aus Los Angeles, Kalifornien. Sie können singen, sind hervorragende Musikerinnen und schreiben ihre Songs größtenteils selbst. 2013 waren sie mit ihrem Mix aus Pop und R'n'B kurz mal der heiße Scheiß. Aber schon ihr Debütalbum "Days Are Gone" konnte dann die hohen Erwartungen nicht mehr ganz einlösen und war eine kleine Enttäuschung, zumindest für mich. Leider klingt jetzt auch wieder so mancher Song auf "Something To Tell You", ihrem neuen Album, nach allzu biederer 80er Jahre Konfektionsware, nach Pat Benatar oder Bananarama, nach hochmelodiösem Gebrauchs-Pop eben. Manchmal sind sie dann aber auch wieder ganz nah dran am perfekten Popsong, z. B. im Fall des Fleetwood Mac-haften, sanft funky swingenden "You Never Knew", mitgeschrieben vom tollen Dev Hynes fame of Blood Orange. Oder im sehr zeitgemäßen, mainstreamradiotauglichen Elektropop-Song "Ready For You". Auch Rostam Batmanglij von Vampire Weekend durfte mit den drei Schwestern Songs schreiben und mitproduzieren, darunter auch den durchaus charmanten Torchsong "Walking Away". Dem aber dann wieder ein Song wie "Right Now" folgt, mit einem fiesen Genesis-Schlagzeug zum Schluss. Wovon ich persönlich gern noch mehr gehabt hätte, das wären Songs wie "Night So Long" gewesen. Mit Matt Sweeney und seiner wunderbaren Gitarre. Kein glasklar durchprogrammierter Pop - glasklar sind hier nur die Stimmen der Haim-Schwestern im coolen Kontrast mit der warmen Americana-Gitarre von Matt Sweeney. Vielleicht hab ich ja mit Album Nummer Drei mehr Glück... (6,5)

Andreas Dorau - Die Liebe und der Ärger der Anderen

Um diese Platte in all ihrem Überfluss, den insgesamt 20 Songs, den 10 verschiedenen Produzenten und Co-Songschreibern, darunter so illustren Namen wie Carsten Friedrichs, Maurice Summen, Francoise Cactus, Wolfgang Müller und Moses Schneider, den vielen guten wie mittelguten Gags, um all das gebührend schätzen zu können, muss man nicht unbedingt Andreas Dorau-Jünger sein. Zwar kommt bei mir zwischendurch der Verdacht auf, dass hier etwas weniger vielleicht sogar mehr gewesen wäre. Denn nicht jeder Song auf dem neuen Dorau-Doppel-Album ist so unterhaltsam wie z. B. der Song "Radiogesicht". Und musikalisch geht's mehr oder weniger auf einem Erregungslevel dahin, man fühlt sich stellenweise fast eingelullt von Dorau und seinem Dada-Pop bzw. Disco-Fox. Aber diese Bedenken scheint Dorau nicht mit mir zu teilen. Er feiert am Veröffentlichungs-Tag keine Record-Release-Party in Berlin, sondern geht gleich einen Schritt weiter und lädt zur "Pre-Charts-Party"!  Möge die GFK mit ihm sein... (7,5)

Melvins - A Walk With Love And Death

Cover: Melvins - A Walk With Love And Death | Bild: Pias/Ipecac

So wie Dorau uns seit Jahrzehnten mit seinem skurrilen Humor großartig unterhält, tun das auch die Melvins - mit kleinen musikalischen Unterschieden. Auf ihrem neuen, ihrem ersten Doppelalbum (noch eine Parallele zum Kollegen Dorau), auf "A Walk With Love And Death" machen die Melvins ungeachtet aller musikalischen Trends wieder stoisch ihr Ding. Seit 1983 wächst ihr Output Jahr für Jahr. Nach den Butthole Surfers haben sie diesmal mit Joey Santiago von den Pixies, Teri Gender Bender (Le Butcherettes) und Anna Waronker (That Dog) zusammengearbeitet. Teil eins dieses Doppelalbums ist quasi eine reguläre Rock-Platte mit durchwegs unterhaltsamen Melvins-Metal, dunkel und staubtrocken, aber für ihre Verhältnisse relativ aufgeräumt. Teil zwei ist der Soundtrack zu dem gleichnamigen Kurzfilm von Jesse Nieminen und liefert eine Menge Gimmicks, um ehrlich zu sein, nichts anderes als das. Wir hören die seltsamsten Comic-Schnipsel, Filmausschnitte, Field Recordings aus dem seit je her super weirden Experimentierkasten von Buzz Osborne und Dale Crover. Durchgeknallter Gitarren-Dadaismus, verzerrt bis an die Schmerzgrenze und manchmal auch darüber hinaus, Frank Zappa wär vermutlich begeistert gewesen, vom klassischen Melvins-Fan ganz zu schweigen. (7,5)

Andromeda Mega Express Orchestra - Vula

Nach nichts geringerem als der Wahrheit sucht Daniel Glatzel, Zentrum und Leiter des 18köpfigen Andromeda Mega Express Orchestras aus Berlin. Und das mittlerweile auch schon seit über zehn Jahren. Wer Glatzel auf seiner Suche begleiten will, braucht Zeit und ein offenes Ohr, denn Durchzappen lässt sich hier nichts. Dafür ist "Vula" zu komplex, zu vielschichtig, zu anspruchsvoll, auch zu schnell, was seine Wandlungen und Sprünge angeht, vom Jazz zur Neuen Musik, zur Klassik, von HipHop-Beats à la J Dilla über einen kurzen Ausflug in Richtung Surfrock bis zum orchestralem Bach, "Vula" ist wie ein musikalisches Schlaraffenland, man kommt aus dem Staunen nicht heraus. (8)

V. A. - Jeff Özdemir & Friends Vol. 2

Wie Monde kreisen auf dieser Kompilation die Musiker um den Planeten Jeff Özdemir. Mehr oder weniger bekannte Musiker wie F.S. Blumm, Christian Kohlhaas oder Sonja Polligkeit drehen ihre gemütlichen Runden um den Fixstern Özdemir. Alles bewegt sich in slowmotion, sphärische Synthieflächen geben dem ganzen zusätzlich einen kosmischen Anstrich, Hektik existiert hier nicht, nicht in diesem Teil der Galaxie . Und so stellt man sich auch den Plattenladen von Jeff Özdemir sofort als einen Ort vor, in dem sich ungestört und völlig entspannt nach neuen Platten, neuen Sounds graben lässt. Der 33rpm Store liegt mitten in Berlin, Kreuzberg, auf dem assoziierten Label erscheint vor allem der Output der Freunde von Özdemir, einer deutsch-türkischen Clique, die ursprünglich aus Bremerhaven kommt, jetzt aber in Berlin ihr Zuhause gefunden hat. Dazu gehört z. B. auch die Band Faruk Green, bei der Adem Mahmutoglu alias Jeff Özdemir Keyboard gespielt hat. Aber trotz der vielen Freunde und Einflüsse ist die Kompilation "Jeff Özdemir & Friends Vol. 2" ein sehr entspannter, homogener Mix aus Soul, Dub, Pop, Jazz und Electronic. Mit Streichern, Posaunen, Gitarren, den unterschiedlichsten Stimmen in den verschiedensten Sprachen und eben dem omnipräsenten Keyboard von Jeff Özdemir. (7,5)

 Schneider Kacirek - Radius Walk

Auf ihrem Debüt vor drei Jahren hatten Stefan Schneider (Kreidler/To Rococo Rot) und Sven Kacirek noch ihre Kenia Erfahrungen verarbeitet. Mit Hilfe von repetitiven Drums und analogen Synthesizern. Auf "Radius Walk" verfolgen die beiden den eingeschlagenen Pfad weiter. Wir hören live eingespielte, hypnotische Drums, hoch komplexe Rhythmen, feine Clicks'n'Cuts und dunkle Drones. Dazu kommt auf drei Stücken die experimentier- und improvisierfreudige Stimme der Schwedin Sofia Jernberg. (7)