Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Briana Marela | Girl Ray | Randy Newman

In einer Augustwoche wie dieser gibt es wenig Schatten, wenig Platz im Biergarten und auch nur wenig relevante Plattenveröffentlichungen, alles Mangelware. Wenn man aber doch etwas davon ergattert, fühlt es sich oft ganz wunderbar an. In der Musik von Morgen diesmal ein neues Werk vom amerikanischen Chef-Satiriker Randy Newman, die bezaubernden Girl Ray aus London und der legendäre Melvins-Drummer Dale Crover.

Von: Angie Portmann

Stand: 03.08.2017

Cover: Briana Marela - Call It Love | Bild: Jagjaguwar

Girl Ray - Earl Grey

Girl Ray, das sind die 19jährige Poppy Hankin und Iris McConnell, zwei Freundinnen, die sich seit ihrer Schulzeit im Norden Londons kennen. Zusammen mit der Bassistin Sophie Moss sind sie Girl Ray und machen charmant-melancholischem Folk im Stil der 70s. Dazu kommt ein Hauch britischer Indie-Pop der 80er, der sehnsüchtig-süße C86-Sound von Bands wie z. B. den Pastels. Plus die cool-lässige Aura wie sie z. B. auch der Film "The Virgin Suicides" von Sophia Coppola hat. Zart, unschuldig und trotzdem subtil irritierend. Wir hören Bläser, Streicher und sogar ein Windspiel. Die Arrangements sind ausgefeilt, die Harmoniegesänge Beach Boys reif. Auf dem 13 minütigen "Earl Grey (Stuck In A Groove)" werden Girl Ray sogar psychedelisch, bleiben aber trotzdem immer ganz bei sich. Girl Ray liefern auf ihrem Debüt "Earl Grey" klassische "teenage tragedy songs", nur ohne tödlichen Ausgang. (8 Punkte von 10)

Soccer Mommy - Collection

Wer Girl Ray jetzt für eine Ausnahme-Band hält und behauptet die Indie-Gitarren seien trotzdem tot, dem wird gleich nochmal vehement widersprochen, diesmal von der ebenfalls 19jährigen Sophie Allison alias Soccer Mommy. Von ihr stammt das schöne Zitat: "You can't say indie rock is dead. It's just being taken over by women." Auf ihrem Debüt "Collection" präsentiert uns Soccer Mommy zum einen einige ältere Stücke, die bereits auf ihrer Bandcamp-Seite zu hören waren plus etliche neue Song, alle von Sophie "DIY" Allison selbst geschrieben und produziert. Wie Girl Ray treiben auch Soccer Mommy die klassischen Teenage-Themen um. Es geht ums ver- und entlieben, um Frustrationen, Träume und ums erwachsen werden. Die Musikerin aus Nashville und ihr melancholischer Indie-Rock bzw. Bedroom-Pop kommen extrem lässig und souverän um die Ecke. Wer den Sound von Profi-Slackern wie Mac DeMarco schätzt, der dürfte auch mit Soccer Mommy glücklich werden. Ein bittersüßer Sommersoundtrack, der dessen Ende schon vorwegnimmt. (7,5)

Lal & Mike Waterson - Bright Phoebus (Re-Release)

1972 trennte sich die britische Folkband The Watersons. Die beiden Geschwister Lal & Mike Waterson taten sich daraufhin zum Duo zusammen und nahmen in einer Woche "Bright Phoebus" auf. Die Folkszene war damals relativ unbeeindruckt davon, die Reaktionen waren durchwachsen und so ist die Platte wieder in der Versenkung verschwunden. Erst mit den Jahren sollte das Album Legenden-Status erlangen. Mittlerweile gilt "Bright Phoebus" als Meilenstein des Folk-Noir bzw. Sergeant Pepper-Album der Folkmusik. Zu den Bewunderern der Watersons zählen heute Arcade Fire, Stephen Malkmus, Billy Bragg, Jarvis Cocker und Richard. Jetzt ist ein Re-Release dieser ungewöhnlichen und lange verschollenen Platte plus bisher unveröffentlichter Demosongs erschienen. Und auch 2017 weiß diese Platte mit ihrem reduzierten, rohen und einzigarten Sound zu beeindrucken. (8)

I Salute - Her Confidence

I Salute waren zuletzt mit den Leoniden auf Tour, spielten teilweise vor ausverkauften Hallen, ein toller Einstieg für ein Duo, das eben erst sein Debütalbum auf Four Music, also gleich bei einem Major, veröffentlicht hat. I Salute sind ein Noise-Rap-Duo aus Berlin bzw. Leipzig. Sören Geißenhöner und Magnus Wichmann. Sie rappen auf deutsch und englisch, werfen inflationär mit Fremdwörtern um sich, verstören mit unzeitgemäßen Vokabeln wie Aderlass, Gelüsten und Gebaren, liefern aber gleichzeitig tolle Indie-Hooks. "Her Confidence" ist ein irritierendes Debüt, in dem Kant und Freud genauso auftauchen wie die Beats von Asap Rocky. Wie Casper verbinden die beiden Rap mit Indie-Gitarren, tun alles, um sich nicht festlegen zu müssen. Musikalisch wie textlich. I Salute wollen weird und anders klingen als der Rest, was ihnen auch gelungen ist. Schließlich war die Jugend im schönen Tangermünde in Sachsen-Anhalt schon langweilig genug. (7,5)

Randy Newman - Dark Matter

Neun Jahre nach "Harps And Angels" veröffentlicht das musikalische Schwergewicht mit der nasalen Stimme, veröffentlicht Randy Newman, ein neues Album: "Dark Matter".  Mit seinen orchestralen Soundtracks von großen Hollywood-Produktionen (wie "Toy Story" oder "Monster Inc.") hat sich Randy Newman mittlerweile eine goldene Nase verdient. Seine Fans lieben ihn aber vor allem für seine eher raren eigenen Alben, auf denen er oft nur mit Band bzw. seinem Piano zu hören ist. Auf "Dark Matter" verbindet der Chefsatiriker der amerikanischen Singer/Songwriter nun beides. Er schreibt lakonische Szenen mit Putin oder den Kennedy-Brüdern als Hauptdarstellern und kombiniert sie mit orchestralem Bombast. Einer der Höhepunkte dieses Spektakels ist  gleich der erste Song ("The Great Debate"), eine Diskussion zwischen Religion und Wissenschaft. Eine kleine Mini-Oper, in der Randy Newman selbst von den streitenden Charakteren angegangen wird. Schön auch "Brothers", eine Unterhaltung zwischen John F. - bzw. "Jack" - und Bobby Kennedy kurz vor der Schweinebucht-Invasion in Kuba, die in einem Abgesang auf Celia Cruz endet, dem einzigen, was Kennedy an Kuba zu interessieren scheint. Jetzt könnte man an diesem Album vielleicht bemängeln, dass der ansonsten politisch so pointierte Newman keinen Trump-Song auf seinem Album hat. Ist aber vielleicht auch besser so. Denn Newman hatte schon einen Song über Trump geschrieben - allerdings mit einem nicht ganz unkritischen Inhalt: und zwar hatte er darin die Größe ihrer Penisse verglichen. Ein Textauszug: "My dick's bigger than your dick / It ain't braggin' if it's true / My dick's bigger than your dick / I can prove it too..." (8)

Dale Crover - Fickle Finger Of Fate

Erst vor einem Monat haben die legendären Melvins ihr erstes Doppelalbum in ihrer über 30jährigen Bandkarriere veröffentlicht, schon legt ihr Drummer Dale Crover nach. Diese zeitliche Nähe ist natürlich nicht unklug, denn so können beide gemeinsam auf Tour gehen, um ihre neuen Alben zu promoten. Wer aber dabei vorne steht ist klar: die Melvins natürlich. Denn selbst wenn sich Dale Crover mit „Fickle Finger Of Fate" einen Lebentraum erfüllt hat, an das große Melvins-Mutterschiff kommt er weder in Sachen Songwriting noch Weirdness ran. Zwar ist unter den 20 Songs bzw. Drumsnippets durchaus erstaunliches geboten, z. B. herrlich psychedelisch verschleppte Balladen in heavy Slowmotion, von Crover mehr oder weniger im Alleingang eingespielt. Aber Crover bleibt nach wie vor unübertroffen im Doppelpack, also Dale Crover plus Buzz Osborne. Aber mit "Fickle Finger Of Fate" ist zumindest schon mal die Frage der Vorband geklärt. (7)

Guantanamo Baywatch - Desert Center

Vorband einer anderen Legende, nämlich von Dick Dale, waren schon einmal diese drei ausgesprochen gutaussehenden Herrschaften hier: Guantanamo Baywatch. Und damit ist auch schon klar, wo das Brett lang läuft, es geht in Richtung Surf Rock. Seit 2010 liefern Guantanamo Baywatch salzigen, sandigen, schamlos verschwitzen Surf-Rock-Garagen Punk.  Mit "Desert Center" veröffentlichen die drei aus Portland jetzt ihr viertes Album. Darauf zu finden sind rohe Surf-Rock-Instrumentals, cool-abgehangene Crooner wie "Blame Myself" und ungeschliffener Garagen-Punk. Laut Band ging es ihnen diesmal vor allem darum, die neuen Songs auch im betrunkenen Zustand noch spielen zu können und sind nach eigener Aussage höchst zufrieden mit dem Ergebnis. Denn Guantanamo Baywatch sind eine Live-Band durch und durch. Und so wie die Cramps Rockabilly gefährlich und schmutzig klingen lassen konnten, machen auch Guantanamo Baywatch aus Dick Dales Surf Rock eine nicht unbedingt sehr komplexe, aber doch aufregende Angelegenheit. (7)

Sudan Archives - Sudan Archives (EP)

Bereits erschienen, aber bisher noch nicht in der Musik von Morgen aufgetaucht, ist die großartige Sudan Archives-EP von Brittney Denise Parks alias Sudan Archives. Die 23-jährige aus Los Angeles hat hier mit ihrer Violine, experimenteller Elektronik, Elementen aus afrikanischem Folk und 90's R'n'B plus ihrer faszinierenden Stimme einen ganz besonderen Soundkosmos geschaffen, geheimnisvoll und unglaublich elegant. Toller Release auf Stones Throw, der trotz seiner Vielschichtigkeit einen sehr homogenen, ja insgesamt fast flauschigen Eindruck macht. (8)

Eagles Of Death Metal - I Love You All The Time: Live At The Olympia In Paris

Während eines Eagles Of Death Metal-Konzerts am 13. November 2015 im Pariser Club Le Bataclan hatten bewaffnete Männer das Gebäude betreten, das Feuer auf das Publikum eröffnet und 89 Menschen erschossen. Nach den Terroranschlägen von Paris hatte Frontmann Jesse Hughes wiederum mit äußerst kontroversen Äußerungen für Aufmerksamkeit gesorgt.  Er beschuldigte die Mitarbeiter des Bataclan, mit den Terroristen zusammengearbeitet zu haben und behauptete auf den Straßen Moslems gesehen zu haben, die den Anschlag feierten. Zwei französische Festivals strichen die Band daraufhin von ihrem Line-Up. Mit "I Love You All The Time - Live At The Olympia In Paris", dem Live-Mitschnitt ihres Auftritts am 16. Februar 2016 versuchen die Eagles of Death Metal die Wogen zu glätten, die die Äußerungen von Jesse Hughes aufgeworfen hatten. Ohne diese dramatische Vorgeschichte wäre dieses Livealbum vermutlich völlig unbeachtet geblieben bzw. wahrscheinlich nie erschienen. (6)

Brian Marela - Call It Love

Etwas ratlos lässt mich die neue Platte von Briana Marela aus Seattle zurück. Den Vorgänger hatte Marela noch in Reykjavik zusammen mit dem Sigur Ros-Produzenten Alex Somers aufgenommen. Ein ruhiges, eher ambientes Album, aber insgesamt stimmig. Auf ihrem neuen Release "Call It Love" hat Marela jetzt versucht, diesen Ansatz mit flotteren Pop-Beats zu kombinieren, was meiner Meinung nach nicht ganz funktioniert. Produktionstechnisch sehr ambitioniert, Briana Marela hat Musik-Technologie studiert, aber insgesamt zu unentschlossen. (6)