Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Beth Ditto | Fleet Foxes | Ride

Kevin Morby kommt mit einem ziemlich großartigen Stück Indie-Folk-Rock um die Ecke, enttäuschend das neue Werk der Fleet Foxes, die nach sechs Jahren Pause nicht zu ihrer alten Form zurückfinden. Dazu Neues von Beth Ditto, Portugal. The Man, Goldie, Steve Earle & The Dukes und Lorde.

Von: Angie Portmann

Stand: 15.06.2017

Cover: Ride - Weather Diaries | Bild: Pias

Kevin Morby - City Music

Kevin Morbys tolles Vorgänger-Album "Singing Saw" war im April vergangenen Jahres schon Album der Woche im Zündfunk. Und das wunderbare "I Have Been To The Mountain‎" daraus war die Zündfunk-Single des Jahres 2016. Der Mann hat also einen Ruf zu verlieren. Ein gutes Jahr später steht jetzt schon der Nachfolger im Regal: "City Music". Ging es in "Singing Saw" noch um die Einsamkeit in den Bergen, sind es diesmal die Städte, die Morby inspiriert haben. "Es ist ein Mix-Tape, ein Fiebertraum, ein Liebesbrief, all jenen Städten gewidmet, die mich nicht loslassen, die alle in mir drin stecken", so Kevin Morby. New York und LA - für Morby wichtige Stationen in seiner Biographie: New York war für den jungen Texaner in den Nullerjahren Sehnsuchtsort und Sprungbrett zugleich, dort schloss er sich den Woods an und gründete zusammen mit Cassie Ramone The Babies. In Los Angeles ist dann sein Solo-Debüt "Harlem River" entstanden, eine erste Hommage an New York. "City Music" setzt diese Verehrung urbanen Lebens fort, je einsamer desto besser. Kernstück ist der gleichnamige Song "City Music", in dem der 29-jährige zur Hochform aufläuft. Aber auch der Opener "Come To Me Now" ist schon jetzt ein Klassiker. Zwar nennt Morby selbst dieses Album eine "bessere Resterampe" - aber selten klangen Reste so gut wie diese hier. (8 Punkte von 10)

Fleet Foxes - Crack-Up

"Crack-Up" - der Albumtitel ist einem Essay von F. Scott Fitzgerald entliehen.

Sechs Jahre nach "Helplessness Blues", ihrem famosen Laurel Canyon-Rock-Update, ist die Indiefolkband aus Seattle zurück. Schuld an der langen Auszeit war u. a. Sänger Robin Pecknold, der sich an der Columbia University in New York für ein Bachelor Studium eingeschrieben hatte. "Crack-Up" heißt nun die neue Platte der Fleet Foxes und ich muss gestehen: Mich bekommen sie damit nicht. Und ich hab's wirklich versucht. Hab versucht, mich für die immer noch Wahnsinns-Harmonien zu begeistern, diesen unglaublich elaborierten, satten Sound, die vielen Klangspielereien, die typischen Fleet Foxes-Gitarren - alles da, alles glänzt, alles wunderbar soweit. Was mir fehlt, sind die Songs. Zu oft verlieren sich die Fünf im schieren Wohlklang, im Experiment, Melodien schwirren ziellos durch das Album wie Schmetterlinge über eine Blumenwiese. Die Band hat ihren Stil selbst mal als "baroque harmonic pop jams" bezeichnet, das mag gern einmal so gewesen sein, aber dann ist "Crack-Up" die Rokoko-Version davon. Eine sehr fantasievolle, verspielte Variante, elegant und dekorativ, aber ohne genügend Substanz, sprich ohne genügend gute Songs, um insgesamt auch ein auf Dauer relevantes Album abzugeben. (6,5)

Steve Earle & The Dukes - So You Wanna Be An Outlaw

Wir kommen vom arty Fleet Foxes-Folk zum straighten Country-Rock eines Steve Earle. Sieben Mal war Steve Earle verheiratet, seit 2014 ist er von seiner letzten Frau, der Singer/Songwriterin Allison Moorer getrennt. Auf seinem neuen, seinem 21. Album "So You Wanna Be An Outlaw" hängt er dieser Beziehung immer noch nach. Drogen und Alkohol hat der 62jährige abgehakt, die Frauen offensichtlich noch nicht. Steve Earle ist Romantiker und "So You Wanna Be An Outlaw" ein Album über die Liebe und deren Verlust. Liebevoll eingespielt von The Dukes, der Begleitband von Steve Earle, dem Grammy-prämierten Musiker, Autor und Schauspieler aus Austin, Texas. (7)

Goldie - The Journey Man

Goldie, der Godfather of Drum'n'Bass, legt nach 19 Jahren Pause mit "The Journey Man" sein drittes Soloalbum vor. Bevor ich mir das angehört hab, hab ich allerdings erst "Timeless" in den Player geschoben: Goldies Drum'n'Bass-Überalbum aus dem Jahr 1995 macht auch 2017 seinem Namen noch alle Ehre. "The Journey Man" kann da in keinster Weise mithalten. Den Break Beats fehlt oft der Druck, die Synthieflächen wirken deplatziert und der Gesang mittelmäßig. Überhaupt wird viel zu viel gesungen auf diesem Doppelalbum, ruhige, gefühlsduselige Soulballaden, die Goldie sicher nicht als Spitzen-Songwriter etablieren werden. Goldie sieht sich ja selbst gern als Regisseur, der zusammen mit anderen Musikern, Arrangeuren und Tontechniker etwas Magisches kreiert. Das hat meiner Meinung nach auf "The Journey Man" definitiv nicht funktioniert. Es ist mir schwer gefallen, das Album durch zu hören. Und niedliche Kinderstimmen-Samples haben auf Drum’n’Bass-Alben schon gleich dreimal nichts verloren. (6)

Beth Ditto - Fake Sugar

"Fake Sugar" - Stevia klingt ja auch nicht so gut.

Everybody's darling Beth Ditto: Man kennt und schätzt sie als die Ex-Sängerin von Gossip, mittlerweile aber mehr noch als Rolemodel in Sachen Selbstbestimmtheit und Geschlechterkampf, als Gay-Ikone, schwergewichtige Lagerfeld-Muse mit eigener Modekollektion und als Kämpferin in Sachen Bodyshaming. Auf ihrem Solodebüt "Fake Sugar" klingt die 36-jährige US-Amerikanerin jetzt wahlweise nach Dolly Parton, Bonny Tyler, Chrissie Hynde oder U2. Eine knallbunte Mischung an mehr oder weniger explosiven Popsongs, chartskompatibel und in der Regel sehr tanzbar. Und selbst wenn Ditto ins allzu Triviale abzurutschen droht, ihre mitreißende "Get up, stand up"-Attitüde macht so einiges wieder wett. (6,5)

Lorde - Melodrama

2013 hatte Lorde ihr Debüt "Pure Heroine" veröffentlicht und war damit weltweit zum Shootingstar geworden. Die damals erst 16-jährige Neuseeländerin hatte sich mit ihrem abgeklärt-lakonischen Popentwurf schnell Millionen von Fans erspielt. Songs wie "Royals" oder "Team" waren schlaue Beschreibungen eines Teenager-Lebens im aufregend unaufgeregten Elektro-Pop-Gewand im Stil von The XX oder Lana del Rey. Und weil ein neues Lorde-Album natürlich wieder ein Megaseller werden dürfte, also bei der Plattenfirma ein absolutes Top-Thema ist, wurde es vor dem offiziellen Veröffentlichungstermin auch dementsprechend unter Verschluss gehalten. Mit "Green Light" ist ein für Lorde-Verhältnisse fast euphorischer Popsong darunter, der darauf hindeuten könnte, dass die mittlerweile 20-jährige ihre smarte Nüchternheit etwas aufgegeben hat. (ohne Wertung)

Portugal. The Man - Woodstock

"Woodstock" ist das achte Studioalbum der Band.

Portugal. the Man aus Alaska haben ihr neues Album "Woodstock" genannt. Der Titel macht schon klar, wohin die Reise geht - mit den Hardcorewurzeln der Band hat das auf alle Fälle nichts mehr zu tun. Eher mit hippie-esken Klängen, allerdings in einem sehr zeitgemäßen Outfit. Und wer könnte da wieder besser behilflich gewesen sein als Brian Burton, besser bekannt als der Produzenten-Tausendsassa Danger Mouse. Sein unverwüstliches Gespür für die rechte Dosierung von Melodie, Groove und Mitklatsch-Moment hat schon so manche Band in die Charts gewuppt. Das wird auch diesmal wieder funktionieren, die Single "Feel It Still" läuft schon fleißig im Radio, und momentan wirbt damit auch Apple für sein neues iPad. Nach 13 Jahren Bandgeschichte wirken Portugal. The Man auf "Woodstock" manchmal schon erschreckend alt, ja nostalgisch. Das liegt nicht an ihrem von Danger Mouse gepimpten Pop, sondern an Texten wie "When I was young, always go below the midnight sun, those days are gone, but I’m still glowing". Allerdings ist dieses Glühen ein sehr verhaltenes Glühen, aber es groovt ganz beschwingt, immerhin. (7)

Ride - Weather Diaries

Dass alte Helden nach über zwanzig Jahren Pause plötzlich wieder auftauchen, ist mittlerweile nichts Ungewöhnliches mehr. Wir leben im Reunion-Zeitalter. Aber: Nicht immer gelingen diese Comebacks, manchmal sind sie sogar höchst peinlich. Nicht so im Falle der alten Shoegaze-Helden Ride. Ihre Wall of Sound ist auf "Weather Diaries" vielleicht nicht mehr ganz so beeindruckend wie noch Anfang der 90er, aber ihr neues Album ist durchaus ein adäquates Statement einer Band ohne die es angeblich Oasis nie gegeben hätte. Denn erst der Erfolg von Ride erlaubte es damals Creation Records weitere Bands unter Vertrag zu nehmen und aufzubauen. (7,5)

V. A. - Monika Werkstatt

Mit der Kompilation Monika Werkstatt feiert Gudrun Gut das 20-jährige Jubiläum ihres Labels Monika Enterprise. Dazu haben sich etliche Monika-Musikerinnen in der Uckermark getroffen und völlig frei von herkömmlichen Studiozwängen Musik aufgenommen. Dabei waren u.a. AGF, Beate Bartel, Lucrecia Dalt, Islaja, Barbara Morgenstern, Sonae, Pilocka Krach usw. – entstanden ist ein sehr abwechslungsreiches, tatsächlich losgelöst wirkendes Doppelalbum zwischen Ambient, Improvisation, Experiment und Song. (7)