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Neuerscheinungen der Woche Arcade Fire | Herb Alpert | Manchester Orchestra

Arcade Fire zählt zu den einflussreichsten Indie-Bands unserer Tage: die kanadische Band veröffentlicht Album Nummer 5 mit einem Release-Konzert, das am Freitagmorgen um 2:30 Uhr unserer Zeit aus New York übertragen wird. Benjamin Gibbard ist Sänger der beliebten US-Band Death Cab For Cutie und erfüllt sich einen Musikertraum: der Mann mit der charismatischen Stimme covert sein Lieblinxalbum. Daneben stellen wir in der Neuheiten-Sendung u. a. die Werke von Katie Von Schleicher, Zwanie Jonson, Olaf Nicolai, Manchester Orchestra und Juanita Stein vor.

Von: Ralf Summer

Stand: 27.07.2017

Cover: Arcade Fire - Everything Now | Bild: Sony

Zwanie Jonson - Eleven Songs For A Girl

Er war Tour-Drummer für Helge Schneider, Fanta 4 oder Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen - Zwanie Jonson alias Christoph Kähler war Hamburgs bestgehütetes Pop-Geheimnis. Bis "Victoria" kam. Zwanies "Golden Song" (im Remix seines Entdeckers DJ Koze) wurde ein kleiner Radio-Hit - dank seines Einsatzes im preisgekrönten Sebastian Schipper-Films. Schipper, ebenfalls Freund von Zwanie, hat auch einen Text fürs neue Album beigesteuert - die Lyrics zum Opener "Heavy Sea" stammen aus einem gemeinsamen Urlaub vor 20 Jahren. "11 Songs For A Girl" ist nach längerer Pause Jonsons drittes Album - dazwischen arbeitete er u. a. mit Andreas Dorau an dessen neuer Platte. Zwanie 2017 kommt sehr entspannt daher: "Now You Got Me" ist der wohl sonnigste Westcoast-Song eines Hamburgers ever, "A Part Of It" erinnert an die frühe Englisch-Phase von Element Of Crime, "Be My Girl" ist Pool-Disco mit Saxophon und die Single "Disco Blue" ist moderner Blue-Eyed-Soul. Wie sagte doch DJ Koze so passend, als er vor zehn Jahren für Jonsons Debüt extra ein Sub-Label gründete: "Die Süsse und Freundlichkeit, die sich durch alle seine Songs zieht, lässt einen glauben, Zwanie stehe kurz vor der Erleuchtung". (7 Punkte von 10)


Benjamin Gibbard - Bandwagonesque

Nanu: "Bandwagonesque"!? So hieß doch die Durchbruchsplatte der schottischen Indie-Band Teenage Fanclub, das in manchen Magazinen Nirvanas "Nevermind" als Album des Jahres 1991 ausstach. 25 Jahre später hat es Benjamin Gibbard von vorne bis hinten gecovert. Der Sänger der beliebten US-Band Death Cab For Cutie (früher auch The Postal Service) erfüllt sich damit einen Traum: der Mann mit der einnehmenden Stimme war schon immer Fan von Norman Blakes Band und speziell dieser Platte:

"'Bandwagonesque' ist mein Lieblings-Album aller Zeiten. Es erschien in der wichtigsten musikalischen Phase meines Lebens. Es war so ein Spaß, die Stücke erst auseinanderzunehmen und dann wieder zusammenzusetzen!"

Benjamin Gibbard

Gibbard folgt damit dem Song-by-Song-Coveralbum von Mutual Benefit, die im Vormonat Vashti Bunyans 1970er Brit-Folk-Klassiker "Just Another Diamond Day" nachspielten - als Teil der ambitionierten Album-Cover-Serie der US-Website Turntable Kitchen. The Pains Of Being Pure At Heart werden demnächst für Abonnenten dieser Serie Tom Pettys LP "Full Moon Cover" interpretieren. Gibbards Album erscheint digital und auf LP mit Bonus-Single. Fun Fact 1: "bandwagon" heißt im Englischen "mitlaufen"/"Mitläufer". Fun Fact 2: das Original-Cover zeigte einen Geldsack mit einer Dollar-Note drauf: Kiss-Bassist Gene Simmons hatte sich das Geldsack-mit-Dollar-Note-Symbol schützen lassen und danach Geld vom US-Label (Geffen Records) von Teenage Fanclub für die Verwendung eines solchen Symbols verlangt - und auch bekommen. Die Hits von "Bandwagonesque" (die Teenage Fanclub wiederum als Fans von Alex Chiltons Band Big Star offenbarte) waren damals "Star Sign", "What You Do To Me" und "The Concept" - der Song, dessen Gibbard-Cover schon seit ein paar Tagen durchs Netz schwirrt. (8)

Arcade Fire - Everything Now

Arcade Fire zählt zu den einflussreichsten Indie-Bands unserer Tage: die kanadische Band um das Musikerpaar Win Butler und Régine Chassagne veröffentlicht Album Nummer 5 mit einem Release-Konzert, das am Freitagmorgen um 2:30 Uhr unserer Zeit aus New York übertragen wird. Die Grammy- und Brit-Awards-gekrönte Formation aus Montréal hält weiter die Balance zwischen modernem Indie-Pop und süsslicher Charts-Tauglichkeit. Geholfen haben als Produzenten u. a. Thomas Bangalter (Daft Punk) und Steve Mackay (Pulp). Dementsprechend breit auch die Sound-Palette: von Abba-angehauchtem Radio-Pop ("Everything Now") über Punk ("Infinite Content") und Synthie-Pop ("Electric Blue") bis zu Dub ("Chemistry"). Inhaltlich beschäftigen sich Arcade Fire nicht nur mit modernen Zivilisations-Krankheiten wie das Ritzen ("Creature Comfort"), sondern auch mit einem der Polit-Themen dieser Tage: Fake News. So machten sie sich den Spaß und starteten eine Fake-Promo-Kampagne mit einer Fake-Werbe-Agentur namens "Everything Now" - die sich dann aber online von den Inhalten und Images der neuen Songs und Videos distanzierte. Kein Fake dagegen: die LP-Covers mit dem Titel wurden in 20 Sprachen übersetzt - es gibt also auch eine "Alles jetzt"-Ausgabe. Trotz aller Sympathie für Win, Régine & Co: sie sind angekommen - als "die Coldplay des Indie". (8)

Irmler / Oesterhelt - Die Gesänge des Maldoror

Weit weg vom Pop: diese Platte wurde von einem bald 150 Jahren alten Buch beeinflusst. "Die Gesänge des Maldoror" von Lautréamont wurde erst von den Surrealisten nach dem ersten Weltkrieg entdeckt und gefeiert. Damit dient den beiden süddeutschen Musikern wieder ein Roman als Inspirationsquelle. Passend die Instrumentierung mit Violine, Oboe, Flöte, Klarinette, Fagott, Tuba, Saxophon und Hörnern. Wir hören sechs Gesänge über den gefallenen Engel Maldoror, den satanischen Verführer, der Gott bestrafen will, weil der die Menschheit erschaffen hat. Schorsch Kamerun von den Goldenen Zitronen singt, Irmler sitzt an der Orgel, Oesterhelt am Piano, dazu Ringmodulatoren und analoge Synthis. Fans Neuer Musik sollten es sich überlegen: Uraufführung des Werks ist an diesem Wochenende im Faust Tonstudio (von Irmler) in Scheer/Donau - Samstag, 29.07., 20 Uhr, Sonntag, 30.07., 15 Uhr - mit der Stadtkapelle Scheer. (7)

Katie Von Schleicher - Shitty Hits

Eine neue Stimme aus Brooklyn: nach einem Tape legt Katie Von Schleicher nun ihr Debüt vor: aufgenommen auf Bandmaschine - um so ihrem Klangvorbild Paul McCartney näher zu kommen. Katie wollte an "sunny radio burners from the 70's" anknüpfen, kommt aber wesentlich dunkler daher. Man merkt, dass sie auch viel Jeff Buckley-Balladen hörte. Und dass die Platte unter keinem guten, emotionalen Stern stand: "Manchmal liebt man das, das einen nicht zurückliebt. Einen Versuch sollte dieses Gefühls-Experiment wert sein." So erklärt sich auch das Motto ihrer Platte: "good time songs you can have a bad night with". Am besten klappt das beim Country-Pop-Stück "Paranoia" und der zweiten Single "Life Is A Lie", eine Art "slow ride durch New York". Für Indie-Folk-Fans von Sharon Van Etten oder Eleanor Friedberger. Mit Humor (siehe Albumtitel). (7,5)

Golden Retriever - Rotations

Ein US-Duo auf dem renommierten US-Label Thrill Jockey (Tortoise, The Sea & Cake, Howe Gelb), das man hierzulande noch nicht so gut kennt. Matt Carlson und Jonathan Sielaff arbeiten normalerweise allein - mit Modular-Synthies und Klarinette. Ihr Sound ist instrumental-zurückgenommen, meist soundtrackig bis meditativ - aber auch Dissonanzen haben ihren Platz. Fürs achte Album nahmen sie erstmals mit einem Kammermusik-Ensemble auf - Violine, Horn, Flöte, Oboe, Vibraphon, Percussion und Orgel - denn aufgenommen wurde in der "Old Church" von Portland - und finanziell unterstützt durch ein Künster-Stipendium der Stadt Portland/Oregon. Schöne Begegnung an der Brücke zwischen E- und U. (7)

Manchester Orchestra - A Black Mile To The Surface

Was nun: Fleet Foxes für die Massen oder doch Mumford for Arme? Kollege Roderich Fabian prophezeit dieser US-Band den großen Durchbruch. Überraschten sie 2016 als Soundtrack-Zusammensteller des irren Films "Swiss Army Man", in dem sie den Score nur mit Stimmen und ohne Instrumente aufnahmen, so erwartbar durch die Mitte gehen sie auf Platte. Sänger Andy Hull ist frisch gewordener Papa und berichtet davon, wie er "im Leben angekommen ist". Mit Olli Schulz haben sie in Deutschland einen großen Fan, wir schauen ihre Vorband an. Seid umschlungen, Stadien dieser Welt. (6,5)

Species Fishes - Trip Trap

Cover: Species Of Fishes - Trip Trap | Bild: Galaxiid

Ein in der Heimat geschätztes russisches Electronic-Duo - Star-DJ Nina Kraviz bringt nun ihr 1996 Album wieder raus. Es grummelt und blubbert und als die Handwerker vor der Haustür stehen, höre ich sie sagen: da muss es sein. Hereinspaziert in die experimentelle Welt von Igor Koladny und Vitaly Stern. Als Species Of Fishes machen sie seit 25 Jahren in Moskau Sound. Meist in langen Homesessions. Stern hat schon auf dem niederländischen Industrial-Label Staalplaat veröffentlicht und nun entdeckt sie Mrs Kraviz wieder. Für "Trip Trap" startet sie sogar ein neues Sublabel: Galaxiid. File under: Ambient / IDM / Electronica. (6,5)

Juanita Stein - America

Man kennt die Australierin vielleicht als Teil ihrer Indie-Rock-Band Howling Bells, in der auch ihr Bruder Joel spielt. Die gerade 40 gewordene Sängerin und Rhythmus-Gitarristin legt nun ihr Solo-Debüt vor. Eine Abhandlung über die USA - geschrieben im Tourbus unterwegs im Vorprogramm mit The Killers oder Coldplay. Die Bühne wurde ihr quasi in die Wiege gelegt: sie ist Tochter einer Schauspielerin und eines Musikers. Danach studierte sie Theater und Literatur, entdeckte Nirvana und wechselte zur Musik. Für diverse US-Magazine zählt sie inzwischen zu den wichtixten Frauen im Indie. Mit Brandon Flowers (The Killers) spielte sie beim World Economic Forum in Davos und mit dem Kaiser Chiefs-Drummer hatte sie kurzzeitig eine Band. Juanita kriegt hier die Kurve und verweigert sich dem drohenden Mainstream-Pop - sie spielt lieber Indie-Folk mit kurzen Ausflügen in den Country. Aber ein dunkler Country, wie ihn ein Hunter S. Thompson gesehen hätte - an der Kreuzung zwischen "Paris, Texas" und "Badlands". Und gespielt auf der Gitarre einer Australierin. Stein dachte dabei an Roy Orbison, Lee & Nancy oder Patsy Cline. (7,5)

Herb Alpert - Music Volume 1

Mit 82 Jahren und 72 Millionen verkaufter Platten widmet sich der berühmte Trompeter und Arrangeur aus L.A. Standards der Pop- und Jazz-Geschichte. Er interpretiert "Imagine" von John Lennon, "Michelle" von den Beatles oder "C'est Ci Bon", das ihm einst Django Reinhardt vorspielte. Nur wenigen Musikern ist ein derartiger Signature-Sound vergönnt: auch im 55. Jahr seiner Karriere erkennt man einen Herb Alpert-Song sofort. Es ist seine Sehnsuchts-Trompete, sein Mix aus Jazz, Funk und dem lateinamerikanisch - beschwingten Tijuana Brass Band-Sound. Mit "Sugarfoot" gönnt uns der Alt-Meister sogar eine neue Komposition. Ungewohnt: die leichten Beats, die nun zum Teil mitpluckern. Gleich beim Opener "Flamingo" z. B. - einem Instrumental, das er schon einmal, 1966, aufgenommen hat. Die Beats hätte es nicht gebraucht. (6,5)       

Ben Lukas Boysen & Sebastian Plano - Everything

Eingespielt als 4-stündiger-Soundtrack für ein Computerspiel - vom Londonder Erased Tapes (Nils Frahm u. a.) auf Albumlänge gekürzt. Die beiden in Berlin ansässigen Komponisten erzeugen auch ohne Bilder bzw die durchgehende Erzählung des Philosophen Alan Watts bleibende Momente. Die Washington Post ist von "Everything" begeistert: "ein starkes Stück - ein extravagantes und erfolgreiches Projekt". Fans von Ambient/Score/Neo-Klassik sollten sich die beiden Namen merken: Ben Lukas Boysen und Sebastian Plano. Anspieltipps: "Infinite Day" und "Reaching Light". (6,5)

Olaf Nicolai - In The Woods There Is A Bird...            

Veröffentlicht vom Münchner Label Public Possession und soeben gekürt mit dem Karl-Sczuka-Preis 2017 - dem international renommierten Preis für Radiokunst. Olaf Nicolai, Professor für Bildhauerei und Grundlagen des dreidimensionalen Gestaltens an der Akademie der Bildenden Künste München, legt ein 30-Minuten-Werk auf LP vor, das wie die Tonspur von Demos, Krawallen und Aufmärschen daherkommt. Aufgenommen fürs Radio - aber nicht vor'm Radio mitgeschnitten. Die Sonder-Auflage kommt mit Landkarte und Kalender daher, auf denen man sehen kann, wann und wo die Geräusche entstanden sind - erschienen bei Koenig Books, London. Zur Verfügung gestellt von den internationalen Radio-Korrespondenten der ARD und des Deutschlandradios. Geholfen hat Musikkollege Frank Bretschneider, Labelkollege auf Raster Noton von Olafs Bruder Carsten. Entstanden ist die Arbeit als Olaf Nicolais Beitrag für die Documenta 2017 in Kassel. Man lernt Polizeisirenen, Hubschrauber, Pfiffe, Schüsse, Heulen und Rauschen zu zerlegen, zu analysieren und neu zu deuten. Der Titel stammt aus einem Rimbaud-Gedicht. Schön auch die Discogs-Klassifizierung der Platte: "Non-Music/Sound Art". (ohne Wertung