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Neuerscheinungen der Woche Alt-J | Noga Erez | Saint Etienne

Der kompakte Überblick über die Neuerscheinungen der Woche stellt die neuen Alben u. a. folgender Künstler vor: Benjamin Booker, Alt-J, Marika Hackman, Dan Auerbach und Cody ChesnuTT...

Von: Matthias Hacker

Stand: 01.06.2017

Cover: Noga Erez - Off The Radar | Bild: City Slang

Sant Etienne - Home Counties

In den 90ern waren sie mit ihrer Mischung aus Dance- & Indie-Pop sogar für den allerersten Mercury Music Prize nominiert. Danach folgten peu a peu einzelne Charterfolge, aber aus heutiger Sicht haben sie keinen großen Fußabdruck hinterlassen. Immer wieder hat die Band mal Pausen eingelegt, diesmal fünf Jahre. "Home Counties" enthält jetzt 16 Songs, auf denen sie sich an ihren Teenie-Jahren abarbeiten und sich nostalgisch an die Zeit in der Vorstadt erinnern. Diese Erinnerungen verblassen allerdings bei der musikalischen Austauschbarkeit der Songs. Zum beiläufigen Durchhören aber durchaus geeignet. (4 Punkte von 10)

Richard Dawson - Peasant

Richard Dawson ist der britische Captain Beefheart. Der schrullige Folk-Sänger aus Newcastle mutiert auf Peasant zum mittelalterlichen Barden. Er schrammelt auf seiner Akustik-Gitarre, lässt Fanfaren erklingen und protzt mit imposanten Arrangements und Chören. Sein Zweitling ist das wohl ungewöhnlichste und interessanteste Album in dieser Musik von Morgen. Sehr speziell, aber großartig. (9)

Marika Hackman - I'm Not Your Man

Mit Alt-J teilt sich Marika Hackman den Produzenten. Schon als Teenagerin liebt sie Grunge und spielt Schlagzeug in einer Coverband. Zusammen mit ihrer Freundin Cara Delevigne - dem heutigen Supermodel. Sie schlägt den Weg zur Solomusikerin ein. Jetzt erscheint ihr zweites Album. Das möchte man nach einer langen kaputtgegangenen Beziehung hören. Und man möchte von Marika Hackman am Küchentisch getröstet und therapiert werden. Denn bei all den komplizierten Irrungen und Wirrungen der Liebe, findet sie harte, ehrliche Worte, ohne die Liebe zu verteufeln. Sie schildert eine frustrierte Beziehung anhand einer glimmenden Zigarette. Sie berichtet von unangenehmen Eifersüchteleien in "My Lover Cindy" und es gäbe noch weitere schöne Beispiele. Sie begeistert mit ihrer Offenheit  und verwandelt Verletzlichkeit in Selbstbewusstsein. Alles zum angenehm leichten Sound ihrer Grunge-Gitarre. (8)

Alt-J - Relaxer

Sie zählen zu den erfolgreichsten Indiebands der letzten fünf Jahre. "An Awesome Wave" hat den Mercury Prize gewonnen, "This Is All Yours" war für den Grammy nominiert. Die acht Titel auf Relaxer sind gute Songs, aber nicht herausragend. Vor allem hat das Trio das meiste Pulver schon mit den ersten beiden Vorab-Singles verschossen. Beide haben auf so viel hoffen lassen. Der Opener "3WW" könnte auch als Ry-Cooder-Soundtrack durchgehen, dann kommt die typische Alt-J Hit-Single "Cold Blood". Es folgt ein uninspiriertes Cover von House Of The Rising Sun. Und auf Platz 4 schon der letzte große Song: "Hit Me Like That Snare." (7)

Noga Erez - Global Fear

Noga Erez lebt und arbeitet in Tel Aviv. Und die außergewöhnlichen Lebensumstände in Israel verarbeitet sie auch in den Texten. Sie singt gegen den Überwachungsstaat, gegen sexuelle Übergriffe und gegen Intoleranz an. Ihr Debüt heißt "Off The Radar". Aber sie ist auf dem Radar. Sie ist ein Naturtalent. Ob als Jazzsängerin früher oder jetzt eben als Elektrokünstlerin. Es wirkt nicht so, dass sich Noga Erez hier in ein angesagtes Elektropop-Korsett zwängt, sondern eine neue Ausdrucksform für sich gefunden hat. (8)

Cody ChesnuTT - My Love Divine Degree

2002 erschien "The Seed". Das ist der Song, dem Cody ChesnuTT seinen Ruhm zu verdanken hat. Ihm und The Roots. Die haben den Song etwas aufgefrischt und in dieser Version landete "The Seed 2.0" dann später auf Platz 1 in den USA und in England. Auch in Deutschland in den Top-Ten. 15 Jahre später landet Cody ChesnuTT selbst plötzlich in einem Studio mit Kanye West und Bon Iver. Das war der Ausgangspunkt für sein neues Album. Das zeigt den alten Soulman Cody ChesnuTT, aber im Laufe der Platte auch den zeitgemäßen Popmusiker. Er ist ein Gutmensch und Gutmusiker. Mit seiner Musik will er nämlich positive Energie und Spiritualität verbreiten. Das fehle nämlich der heutigen Generation wie er im Zündfunk erzählt hat: "In meiner Kindheit war die Musik voller Liebe und Aufbruchsstimmung. Aber von meiner Generation zur nächsten haben wir das verloren. Heute hat die Musik eher negative und zerstörerische Energie. Das hat alles mit den sozialen Umständen zu tun, die geschaffen worden sind." (9)

Roger Waters - Is This The Life We Really Want?

Roger Waters würde wohl auch gerne positivere Vibes verbreiten, kann aber nicht. Der Ex-Basser von Pink Floyd sieht eher schwarz für unsere Zeit. 25 Jahre nach seiner Album-Dystopie "Amused To Death" findet er sich heute in eben jener unwirklichen und beängstigenden Welt wieder, die er damals prophezeit hat. Er stellt die Frage: "Is This The Life We Really Want?". Und die Frage drängt sich schon auf bei all der Terror-Paranoia, der unmenschlichen Flüchtlingspolitik und dem drohenden Atomkrieg, wie er meint: "Wir hatten immer Alpträume vom Atomkrieg, aber heute haben wir das nicht mehr. Das ist aber nicht gut. Denn er ist näher als je zuvor, seit der Kubakrise 1961." Schon auf der Revival Tour zum Pink Floyd-Album "The Wall" hat er während des Songs "Pigs" Donald Trumps Gesicht auf die Leinwand projizieren lassen. Und auf dem Album knüpft er mit seiner Kritik an. Leider waren nur wenige Songs der Platte vorab verfügbar. (Ohne Wertung)

Dan Auerbach - Waiting On A Song

Hauptberuflich ist er Gitarrist bei den Black Keys. Aber er produziert auch viele Alben wie für Dr. John, Bombino oder Lana Del Rey. Und bei den Black Keys und Lana Del Rey hat er schon gezeigt, wie gut er die Register der Nostalgie ziehen kann. Aber "Waiting On A Song" ist schon sehr eklektisch. Der perfekte Soundtrack für ein Eis-Am-Stil-Remake oder eine Grillparty. Für jeden 70er-Jahre-Fan ist etwas dabei: Beach Pop, Folk, Surfpop, Rockabilly, Soul, Country. Es ist es zu viel. Und dann hat er auch noch Mark Knopfler und Folklegende John Prine ins Studio geholt. "Waiting On A Song“ heißt das Album. Am Ende hat man dann sehr viele unterschiedliche Songs, aber ein Album wie einen Fleckerlteppich. (6)

Benjamin Booker - Witness

"Im Februar 2016 habe ich erkannt: Ich bin ein Songwriter - aber ohne Songs". Das sagt Benjamin Booker im Rückblick auf alles, was er vor seinem neuen Album aufgenommen hat. Sehr selbstkritisch. Deswegen ist er dann nach Mexiko aufgebrochen. Dort hat er sich von fast allen heimischen Einflüssen isoliert und angefangen neue Songs aufzuschreiben. Diese sind nicht mehr ganz so rau, seine Stimme aber schon noch. Aber die Songs haben in der Tat mehr Finesse. (7)

Kraftklub - Keine Nacht für Niemand

Kraftklub gehören zu den guten, erfolgreichen Bands in Deutschland. Ihre Songs waren kein Einheitsbrei. Vor allem waren sie ironisch. In einer Welt, wo Max Giesingers und Cros nur noch von den großen wahren Emotionen singen, tut's gut, wenn die Leipziger beispielsweise das "Leben ruinieren" wollen. Verschwendung statt Gefühlsduselei. Kraftklub spielen aber leider viel seltener mit Ironie und Witz. Musikalisch landen sie bei banalem Fun-Punk und übertreiben es mit pathetischen Arrangements. Weder ein Element-Of-Crime-Cover noch die gutgemeinten Zitate zu DÖF oder Stereo Total stimmen da versöhnlich. Ist das schon der Ausverkauf einer guten Band? Nein, aber es ist auch nicht weit dahin. Es ist nur nicht annähernd so gut wie die Vorgänger-Alben. Und gemessen an der Sympathie für diese Band doch eine Enttäuschung. (4)

Ikonika - Distractions

Die Londoner Elektro-Produzentin veröffentlicht auf Hyperdub ihr erstes Album nach vier Jahren. Und bei ihr hat sich viel getan. Sie arbeitet jetzt auch mit 80er Synthies, Grime und R'n'B-Einflüssen. (7)

Pixx - The Age Of Anxiety

Pixx ist das musikalische Alter Ego von Hannah Rogers aus Chipstead - einem Ort im Süden Londons. Pixx ist der Spitzname ihrer Großmutter. Ihr Debüt ist sehr ambitioniert, aber geglückt. Die Zeit an der BRIT-Kunstschule, wo schon Amy Winehouse und King Krule waren, hat sich ausgezahlt. (7)