Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Algiers | Laurel Halo | Radiohead

Der Sommer hält Einzug im Pop-Jahr 2017: die Zahl der gewichtigen Veröffentlichungen geht nun schon langsam zurück. Doch mit der 20-Jahre-Jubiläums-Platte "OK Computer OKNOTOK" von Radiohead (inkl. Bonus-Material, das 1997 nicht veröffentlicht wurde), ist ein markantes Album dabei. Aber auch Wilco-Kopf Jeff Tweedy und sein geschmeidiges Solo-Werk "Together At Last" und die fulminanten Algiers mit ihrem Zweitling machen die Woche aus Indie-Pop-Sicht interessant.

Von: Ralf Summer

Stand: 22.06.2017

Cover: Laurel Halo - Dust | Bild: Hyperdub

Laurel Halo - Dust

Die Amerikanerin lebt seit drei Jahren in Berlin und feiert dort am Freitag (beim Atonal Festival) auch die Veröffentlichung ihrer 3. Platte: "Dust" scheint wieder auf Hyperdub, London - und zeigt Laurel Halo erstaunlich zugänglich. 2017 klingt sie wie eine elektronische Variante von Julia Holter (die auch mitwirkte), als ob die abstrakten Beats eines Flying Lotus mit einer weiblichen Sängerin zusammengebracht worden wären. Sie nennt sie "breezy, broken songs - heavy-hearted and obscure" - obskure, gebrochene Lieder, aufgenommen mit einer leichten Brise und schweren Herzens. Textlich im Dialog gehalten - zwischen verschiedenen Personen und Perspektiven - und technisch immer in Bewegung gehalten - zwischen Digital-Geklacker und Analog-Gefiepe. Visionärer Frickel-Pop, der am Experimental-Medien-Zentrum EMPAC in New York seinen Ausgangspunkt hatte. Daher die Saxophon-Sounds und Klavier-Einsprengsel - "ich wollte keine Platte haben, die zu ernst klingt". Ihr Humor zeigt sich auch bei einem der beiden deutschsprachiger Titel: "Arschkriecher" (daneben gibt es noch "Nicht ohne Risiko") - diese Künstlerin ist eine große Bereicherung. (8,5 Punkte von 10)

DJ Harrison - HazyMoods

Sein Vater war Radio-DJ in den USA, der Sohnemann lernte viele Instrumente, studierte Jazz und begann dann zu samplen - inzwischen hat er als DJ Harrison einige Mixtapes veröffentlicht - nun kommt beim renommierten kalifornischen Label Stones Throw ein instrumentales HipHop-Album raus - mit Abstechern Richtung Jazz und Soul. "RollSkate", "PianoJazz" und "KalimbaTale" heißen die herausragenden Tracks unter den vielen bemerkenswerten Instrumental-Skizzen von DJ Harrison, die nur 2-3 Minuten dauern. Devonne Harris aka DJ Harrison, hat "HazyMoods" auf Kassette aufgenommen - in einem von Musikern besetzten Haus in Richmond/Virginia, in dem er auch wohnt. Ungewöhnlicher Hausbesetzer-Sound. (8,5)             

Algiers - The Underside Of Power

Eine wütende, eine unberechenbare, eine nahegehende Platte. Algiers, die gerade als Vorband von Depeche Mode im Deutschland auf Tour sind, melden sich zurück mit einem klasse Album, das Themen wie Rassismus, Gewalt und Widerstand verhandelt. Die drei US-Amerikaner, die in Atlanta aufwuchsen und nun New York, Atlanta und London leben, haben eine moderne Form von Soul-Rock hinbekommen. Sänger James Fisher jobbt zum Beispiel in einem Nachtclub in New York an der Garderobe, in dem "immer die gleiche Dance-Music läuft" - und von vorwiegend weissen US-Amerikanern besucht wird: "während die Welt vor der Tür brennt, zählt für die Privilegierten nur die gute Laune". Algiers haben das, was Julian Warner vom Münchner Duo 1115 gerade im Zündfunk-Interview als "Afro-Pessimismus" bezeichnete. Ihre Inspirationen holt sich das Trio bei der Black Panther- und der Chicano-Bewegung. Aufgenommen hat Adrian Utley von Portishead, von ihm stammen all die alten Synthies, die wir hören - am Schlagzeug saß ex-Bloc Party-Drummer Matt Tong. (8)

Radiohead - OK Computer OKNOTOK 1997-2017

Es war ein Quantensprung für den Brit-Pop vor 20 Jahren und das erste Nummer-1-Album der Band zuhause im UK. "OK Computer" war das dritte Werk von Thom Yorke & Co und machte die Band weltberühmt: 4,5 Millionen Alben wurden verkauft. Hits wie "Karma Police", "No Surprises" oder "Paranoid Android" zählen heute zu den Klassikern der Formation aus Oxford. Die Platte mit ihren komplexen Arrangements und ihren Texten, die von modernder Entfremdung künden, zählt zum Kanon der 90er - in vielen Jahrzehnt-Listen liegt "OK Computer" weit vorne. Zum 20. Jubiläum der Veröffentlichung bringen Radiohead nun eine Sonder-Edition "OKNOTOK" in die Läden und Portale - mit 11 Bonus-Songs aus den Sessions von damals. Acht von ihnen waren schon Singles-B-Seiten, drei sind ganz neu ("I Promise", "Lift" und "Man Of War"). Bei Stücken wie der neuen Single "I Promise" fragt man sich, wieso der tolle Song liegenblieb - nach hinten raus merkt man doch den (gitarren-dominierten) Zahn der Zeit. For fans only. (CD1: 9 / CD2: 7)

               F.S.K. - Ein Haufen Scheiß und ein zertrümmertes Klavier

Am 3. Oktober 2015 führte die Freiwillige Selbstkontrolle aus München ihr Auftragswerk "Ein Haufen Scheiß und ein zertrümmertes Klavier" auf - in Berlin im Haus der Kulturen der Welt. Die beiden rund 20 Minuten langen Stücke sind eine Art Hommage an den italienischen Futuristen Luigi Russolo - er gilt als erster Noise-Künstler und von ihm stammt das vielzitierte Manifest "L'Arte die Rumori"/"The Art Of Noise" von 1913. Er wird am Ende von Stück 1 auch zitiert und textlich mit den Pop-Stücken "Bass - How Low Can You Go" von Simon Harris und  Public Enemys "Bring The Noize" verbunden. Ist da ein Beat drunter? Ja, die Aufnahmen wurden von Berghain Club-DJ Marcel Dettmann nachbearbeitet. Von mir aus hätte Kollege Thomas Meinecke gern sprechsingend assoziieren dürfen - über Lärm, Stille und Klang. So sind es lediglich drei von 43 Minuten - der Rest ist Instrumental. (7,5)

Der Plan - Unkapitulierbar

Als das Goethe Institut vor ein paar Jahren die Wander-Ausstellung "Geniale Dilletanten" auf Weltreise durch die Museen schickte, durfte diese Band nicht fehlen. Neben den Einstürzenden Neubauten, Die Tödliche Doris, Malaria, Ornament & Verbrechen, Palais Schaumburg, F.S.K. und DAF war auch Der Plan an Bord der Ausstellung. Nun, 25 Jahre hat sich die Formation aus Düsseldorf in Original-Besetzung wieder im Studio getroffen und ein neues Album aufgenommen. Moritz R, Kurt Dahlke aka Pyrolator und Frank Fenstermacher haben sich das selbstbewusste Motto "Unkapitulierbar" ausgegeben. Auf ihrem Ata Tak-Label veröffentlichten sie DAF, Andreas Dorau und Element Of Crime. Fenstermacher war mit den Fehlfarben unterwegs, Moritz R entwarf Cover für Depeche Mode und Dahlke produzierte Edgar Froese (Tangerine Dream). Als Andreas Dorau 50 wurde, lud er seine alten Kumpels ein und Der Plan merkte: wir sollten wieder ins Studio! Einmal mehr merkt man ihr Motto: mehr Kunst in die Musik, mehr Musik in die Kunst. Am meisten bleibt die Dada-Pop-Single "Lass die Katze steh'n" hängen - und das melancholische "Flohmarkt der Gefühle". (7,5)   

Jeff Tweedy - Together At Last

Wir kennen und schätzen ihn als Kopf von Wilco - der bekannten Alternative Country-Pop-Band aus Chicago. Tweedy hat nun eine Art Best-Of-Akustik aufgenommen. Elf Lieder aus seiner Feder - für Wilco und die Nebenprojekte Golden Smog und Loose Fur, das er zusammen mit Wilco-Drummer Glenn Kotche und Jim O'Rourke (Gastr Del Sol/Sonic Youth) betrieb (von da stammt "Luminated Cat"). Intime Übersetzungen von Tweedy-Kompositionen aus den letzten drei Dekaden bzw über 20 Alben. Weitere Ausgaben sollen folgen - in seiner "Loft Acoustic Sessions"-Serie. Alte Wilco-Songs wie "Via Chicago", "I Am Trying To Break Your Heart" und "In A Future Age" tauchen im neuen, reduzierten Gewand auf. Die Veröffentlichung der Platte fällt zusammen mit dem Wilco-Festival "Solid Sound" - drei Tage Musik und Comedy in North Adams/Massachusetts. (7,5)

Roedelius/Kasar - Einfluss

Der eine ist ein Urgestein des Krautrock - Hans-Joachim Roedelius, 82 - bekannt für seinen Formationen Cluster und Harmonia. Der andere, Arnold Kasar, ist 30 Jahre jünger, ist Pianist, kommt aus dem elektronischen Berlin der 90er und war Produzent fürs Label Sonar Kollektiv - sozusagen das Compost Label Berlins. Hans-Joachim Roedelius, der auch James Murphy vom LCD Soundsystem zu seinen Fans zählen kann (der New Yorker wünschte sich hier in seinem Gästemix vor Jahren ein Stück von HJR), Kosmischer Kurier, kann auf über 100 Veröffentlichungen seit den frühen 70ern zurückblicken und wird nun mit dieser Platte geehrt: die renommierte Deutsche Grammophon bringt seine neue die Koop-Platte raus - das älteste Label der Welt kennt man für seinen Klassik-Katolog aber auch für LPs von Philip Glass, Max Richter und Jarvis Cocker/Chilly Gonzalez. Nun diese geschmackvolle Klavier+Knister-Platte. Für Hauschka,- Ambient- und Soundtrack-Fans. (7)                    

King Gizzard & The Lizard Wizard - Murder Of The Universe

Was für eine Band, was für eine Energie: manche Musiker schaffen nur alle fünf Jahre eine Platte - diese Gruppe schafft fünf Alben in einem Jahr. Die Australier sind gut in der Zeit und haben nun in der Jahresmitte die dritte Platte fertig. Die sieben Herren singen diesmal vom Untergang der Menschheit und dem Ende des Planeten. Bleibt die Frage: was auf den beiden kommenden Platten von 2017 verhandelt werden wird? Die Entdeckung einer neuen Welt? Ohne Menschen ?? Soja-Protein-Maschinen herrschen über alles? Vielleicht sollten wir die beiden Kurzfilme ansehen, die die Psychedelik-Rocker aus Melbourne gedreht haben: das verspulte, Sci-Fi-angehauchte "Han-Tyumi, The Confused Cyborg" (13 Minuten Dauer) und "The Lord Of Lightning vs Balrog". (6,5)

Spain - Live At The Lovesong

Aufgenommen in einer Bar namens "Love Song" in der Heimat e34 Americana-Formation, in Los Angeles. Josh Haden, Bassist und Sänger von Spain seit den 90ern, hat mit seiner Kombo zwischen Mai 2016 und März 2017 in besagter Bar in L.A. gespielt (sie gehört zum historischen Regent Theater, ist über 90 Jahre alt) und dort gastierten sie jeden Dienstag. Diese Dienstage in einer Art "Film Noir"-Bar werden nun auf LP gepresst. Das Besondere und auch das Störende daran: die Band hat die Mikrophone so aufgestellt, daß man auch das Publikum hört, das den ein anderen Martini schlürft und sich nicht unleise unterhält - wie man es heute auch bei uns von Konzerten leider kennt. Das Gequassele bei den ruhigen Nummern stört. (6,5)