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Beuys Revisited Zum 30. Todestag von Joseph Beuys

Hut und Weste, Fett und Filz: Kaum ein Künstler wurde so sehr auf einfache Chiffren gebracht wie Joseph Beuys - und bei kaum einem waren Person und Werk öffentlich so umstritten. Der Beuys-Kosmos ist eine Herausforderung.

Von: Beate Meierfrankenfeld

Stand: 20.01.2016

November 1965 in der Düsseldorfer Galerie Alfred Schmela: Zur Eröffnung der Ausstellung "... irgend ein Strang ..." blicken die Zuschauer zunächst von draußen wie durch das Schaufenster eines Geschäfts in die Galerieräume. Drinnen ist ein Mann zu sehen, dessen Schädel mit Blattgold auf Honig präpariert wurde. Dieser Mann geht beinahe zärtlich mit einem toten Hasen um: Er kriecht mit ihm über den Boden, die Ohren des Tieres im Mund, um seinen Kopf aufrecht zu halten, drückt es an sich - und er trägt es vor die an den Wänden ausgestellten Bilder. Nach Stunden wird die Tür geöffnet, die Besucher treten ein, und nun sitzt der Mann auf einem Hocker und wiegt den Hasen wie eine Mutter ihr Kind.

Der Aktionist

Mit der Aktion "Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt" eröffnete eine der ersten größeren Ausstellungen von Joseph Beuys. Jung war der Künstler damals mit 44 Jahren nicht mehr, doch er stand auch nicht am Anfang seiner künstlerischen Tätigkeit. Sein ganz eigener Kosmos an Themen und Formen hatte bereits Gestalt angenommen, in den folgenden 20 Jahren intensivster Arbeit sollte er immer weiter ausgestaltet werden.

Die Tafel aus der Duchamp-Aktion - 2011 in deutlich sterilerem Kontext im Beuys Museum Moyland in Bedburg Hagen

Das Beuyssche Werk ist von hoher Wiedererkennbarkeit und dennoch sperrig und rätselhaft, traditionelle Kunstformen sprengt es. Beuys, Jahrgang 1921, begann nach seinem Kriegseinsatz als Flieger 1947 sein Studium an der Düsseldorfer Kunstakademie. Nach einer Krise in den 50er-Jahren fand er in der Fluxus-Bewegung neue Ausdrucksformen in sogenannten "Aktionen". Für das Publikum konnten diese - siehe oben - durchaus verstörend sein: Für seine "Sibirische Sinfonie" von 1963 verdrahtete Beuys einen präparierten Konzertflügel mit einem toten, an eine Schiefertafel gehängten Hasen, dem später das Herz herausgenommen wurde, in "Das Schweigen von Marcel Duchamp wird überbewertet" (1964) setzte er dem Erfinder des "Ready-mades" den gestischen Aktionismus scheinbar dilettantischer Werkelei und einer buchstäblich eigenen Handschrift entgegen, indem er eine Fettecke zwischen zwei Bretter strich und sie mit einer grob geschriebenen Tafel des Aktionstitels konfrontierte. Bei einem Auftritt mit anderen Fluxuskünstlern an der Uni Aachen im Juli 1964, in der wieder Fett und ein Flügel, aber auch Säure, Filz und Kinderspielzeug zum Einsatz kam, eskalierte die Situation so sehr, dass Beuys sich mit einem erregten Zuschauer auf offener Bühne einen Faustkampf lieferte. Mit blutender Nase setzte er seinen Auftritt fort, hielt wie ein aufrechter Missionar ein Kruzifix hoch - um im nächsten Moment Schokolade ins Publikum zu werfen.

Wie leidenschaftlich und schweißtreibend Kunstdebatten mit und um Joseph Beuys sein konnten, zeigt dieses Video einer Diskussion aus dem Jahre 1970 mit Max Bill, Arnold Gehlen und Max Ben - und Beuys ohne Hut (Joseph Beuys Medien-Archiv / YouTube-Kanal Beuys TV):

Urerfahrungen, Basisstoffe

Der Schmerzensmann in Diensten der Kunst: Das Foto des verletzten Beuys mit Hut und Weste auf der Bühne wurde zu einem der ikonischen Bilder des Künstlers. Bei Beuys war die Kunst immer auch Arbeit am Mythos der eigenen Existenz. Ein Schlüsselmoment in diesem Mythos ist die Geschichte um seinen Absturz als Flieger im Krieg über der Krim: Der Verwundete soll von Tartaren gefunden und in ihre Hütte gebracht, gewärmt, am Leben gehalten worden sein. Die Filzzelte, das "Hantieren mit Fett und Milch und Quark", das sei, so Beuys später in seinem sehr speziellen Duktus zwischen Emphase und rheinischer Lakonie, "praktisch so in mich eingegangen".

Nach der Akademie-Entlassung: Aktion "Heimholung des Joseph Beuys" in einem Einbaum über den Rhein

Tatsächlich wurde der junge Funker wohl sehr viel schneller von einem Suchtrupp aufgespürt und in ein Lazarett gebracht, als häufig berichtet, und auch die Behauptung, er habe fortan ein Metallimplantat im Schädel getragen, gehört ins Reich der Legende. Dennoch ging das Archaische in Motiv und Material in Beuys' Werk ein - von raumfüllenden Environments wie "Feuerstätte" bis zu intimen, schwebenden Zeichnungen mit Hasenblut. Und bisweilen erschien der Meister selbst wie ein Schamane, ein Guru. Als Professor an der Düsseldorfer Akademie jedenfalls zog er viele Studenten an, und weil er sich bei ihrer Aufnahme nicht an die Vorgaben der Lehrbürokratie hielt, geriet er in Streit mit seiner Hochschule und wurde 1972 entlassen. Beuys, der Magier und Debattierer, konnte sich in endlosen Kunstmonologen ergehen, die manchmal noch rätselhafter waren als sein Werk. Er konnte, was häufig übersehen wird, aber auch sehr ironisch sein: Seine Entlassung zum Beispiel kommentierte er mit einem Multiple, für das er ein Foto seines Abgangs durch ein Polizeispalier mit der Zeile "Demokratie ist lustig" versehen hatte. Und die weihevolle Atmosphäre im Zentrum der Anthroposophie, von der Beuys sich bekanntermaßen vielfach anregen ließ, mit dem Satz: "Die Mysterien finden am Hauptbahnhof statt, nicht im Goetheanum."

Die Idee einer "sozialen Plastik"

Beuys suchte nach Urformen und Urerfahrungen - die technische Moderne wird bei ihm in ausdrücklich versimpelten, existenziell verstandenen Apparaturen wie dem "Erdtelefon", der "Honigpumpe" oder der "Capri-Batterie" aus Glühbirne und Zitrone reflektiert, die Welt der Medien spielt, anders als etwa bei seinem Fluxus-Kollegen Nam June Paik, keine Rolle. Oder nur in der technischen Schrumpfform der Tafel als Medium der Verlautbarung. Das alles hat auch etwas Rückwärtsgewandtes, gleichzeitig blickte Beuys konzeptionell nach vorn: Seine Vision für Kunst und Gesellschaft war eine demokratische Gemeinschaft von Kreativen.

"Denn dies ist die große Fälschung, die immer wieder fabriziert wird, bösartig und bewußt entstellt wiedergegeben wird, dass, wenn ich sage: jeder Mensch ist ein Künstler, ich sagen wolle, jeder Mensch ist ein guter Maler. Gerade das war ja nicht gemeint, sondern es war ja die Fähigkeit gemeint an jedem Arbeitsplatz, und es war gemeint, die Fähigkeit einer Krankenschwester oder die Fähigkeit eines Landwirtes als gestalterische Potenz und sie zu erkennen als zugehörig einer künstlerischen Aufgabenstellung. Das war ja gemeint."

Joseph Beuys zu seinem wohl berühmtesten Satz, Rede in der Reihe 'Sprechen über Deutschland' an den Münchner Kammerspielen 1985

Beuys' Idee einer "sozialen Plastik", die jeden Menschen als "Mitgestalter", als "Plastiker oder Architekten am sozialen Organismus" verstand, war ebenso avantgardistisch wie seine Utopie direkter Demokratie. Auf der documenta 5 richtete er 1972 ein "Büro der Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung" ein, in dem er täglich zehn Stunden Dienst tat. Und solche Mammut-Echtzeit-Projekte und ihre Grundbegriffe ließen sich vielleicht sogar aus der ganz und gar analogen Welt des Joseph Beuys - in der die Speichermedien Fett und Filz, Honig und Talg sind und das Gespeicherte nicht Daten, sondern Energien - ins digitale Heute übertragen. Vielleicht ist das die Grundspannung bei Beuys: überwache Zeitgenossenschaft und eine insistierende Suche nach Antworten in aufgeladenen Urbildern.

Der Zeitgenosse und der Mystiker

Besonders sinnfällig wurde diese Spannung in einer Aktion, in der kein totes, sondern ein lebendes Tier eine wichtige Rolle spielte. 1974 flog Beuys nach New York, ließ sich noch vor der Landung in Filz wickeln und so in einem Ambulanzwagen in ein Galerie-Loft in Manhattan fahren. Dort betrat er einen von Maschendraht abgetrennten Raum - und traf auf einen Kojoten. Drei Tage lang waren Mensch und Tier für jeweils acht Stunden zusammen, dann wurde Beuys wieder abgeschirmt zum Kennedy Airport gebracht. Ein hoch künstliches Setting: Draußen New York, drinnen in einem abgeschotteten Kunstkontext ein Präriebewohner und ein deutscher Mann mit Filzdecke, Hut und Weste. "I like America und America likes me", so der Titel der Aktion.

Beuys arbeitete, obwohl er 1975 einen Herzinfarkt erlitt, unermüdlich. Bereits im Folgejahr bespielte er mit der Installation "Straßenbahnhaltestelle" den Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig, 1977 und 1982 nahm er erneut an der documenta teil, unter anderem mit seinem Großprojekt "7000 Eichen" im Stadtgebiet von Kassel unter dem Motto "Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung" - Angst vorm Kalauer hatte Beuys nicht. 1982 war er beim Gründungsparteitag der Grünen dabei, trat aber später vom Plan, für den Bundestag zu kandidieren, doch wieder zurück. Am 23. Januar 1986 starb Joseph Beuys in seinem Atelier.

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"Streiten über Fett und Filz"
Eine Bestandsaufnahme zum 30. Todestag von Joseph Beuys

Von Tilman Urbach

Tilman Urbach hat sich auf Spurensuche gemacht und mit frühen Weggefährten der Düsseldorfer Akademie über den scheuen Studienanfänger, mit seinem Biographen HP Riegel über manch geschickt inszenierten Kunstcoup und mit dem Künstler Johannes Stüttgen über das kryptische Werk des Joseph Beuys gesprochen.

Donnerstag, 21. Januar 2016, 20.03 Uhr
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