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"Ein sterbender Mann" Der neue Roman von Martin Walser

Martin Walser gehört zu den bedeutendsten Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur. Bis heute hat der preisgekrönte Schriftsteller rund drei Dutzend Romane, Erzählungen und Theaterstücke geschrieben, dazu Essays, Reden und Hörspiele. Mit "Halbzeit", "Ein fliehendes Pferd" oder "Ein springender Brunnen" wurde er weltberühmt. In seinem neuen Roman schreibt der 88-Jährige über das Altern und ein Sterben in Würde. Sein Protagonist Theo Schadt, 72, meldet sich nach der größten Enttäuschung seines Lebens bei einem Suizid-Forum an, bis er eines Tages eine Frau kennenlernt, die alles verändert.

Stand: 05.01.2016

Martin Walser | Bild: picture-alliance/dpa

"Ein sterbender Mann" - der neue Roman von und mit Martin Walser

"Man kann sich nur mit dem Altsein auseinandersetzen, nicht mit dem Sterben. Vom Sterben haben wir alle keine Ahnung, bis wir es erlebt haben. Also kann ich mich damit nicht auseinandersetzen", sagt Martin Walser, der am 24. März seinen 89. Geburtstag feiert. Trotzdem geht es in seinem neuen Werk genau um dieses Thema, um die Endlichkeit des Lebens und den freien Willen, das eigene Leben zu beenden. Theo Schadt, 72, meldet sich nachdem er alles durch den Verrat seines ältesten Freundes verloren hat, bei einem Online-Suizid-Portal an ...

Erschien am 8. Januar bei Rowohlt

"Liebe und sehr geehrte Schicksalsgenossen! Ich halte mich im Gegensatz zu Tristesse nicht für einen Totalversager, kann aber nicht weiterleben. In dieses Forum komme ich nicht, weil ich angejahrt suizidal bin, sondern weil mir etwas passiert ist, was offenbar keinem von euch passiert ist. Ich wurde verraten von dem einzigen Menschen, der mich nicht hätte verraten dürfen. Neunzehn Jahre innigste Beziehung. Eine Freundschaft, die nicht ihresgleichen hat. Er hat von mir äußerlich total profitiert; ich habe von ihm innerlich unendlich viel bekommen. Dann der Verrat. Erklärungslos. Nur als Handlung. Als Tatsache. Dass das möglich ist, sprengt alles, was ich bisher für menschenmöglich hielt, in die Luft. Stalin und Hitler hatten vermutlich Gründe, an die sie glaubten. Jeder Mörder weiß, warum er mordet. In meinem Fall gibt es nur die nackten Tatsachen. Verrat, und zwar so, dass meine Firma sofort liquidiert werden musste. Alle Angestellten entlassen. Der schärfste Konkurrent der Nutznießer meines Ruins. Das hat der Freund hingekriegt. Ich will sagen: Dass das möglich war, heißt, das ist menschenmöglich! Wenn das menschenmöglich ist, dann will ich, kann ich kein Mensch mehr sein – unter Tigern oder Ameisen jederzeit. Nicht mehr unter Menschen. Der Vertrauensverlust ist absolut. Die Notwendigkeit ist irreversibel."

aus: 'Ein sterbender Mann' von Martin Walser, erschienen im Rowohlt Verlag

In diesem Online-Forum erfährt Theo Schadt nun alle Varianten von Freitod. Aster meldet sich, eine Frau mit Todeswunsch, "irreversibel", schreibt sie, und dieses Wort erobert den "Nebenher-Schreiber" Theo Schadt sofort. Er ist dem Tod so nah wie noch nie. Doch dann passiert etwas, eine "Lichtexplosion", als er in der Münchner Schellingstraße im Tango-Laden seiner Frau an der Kasse sitzt: Jetzt will er leben wie noch nie. "Je näher du dem Tod bist, desto schöner ist es zu leben. Oder genauer gesagt: desto schöner wäre es zu leben."

Martin Walser - der streitbare Geist

Martin Walser, der große Denker und genaue Beobachter, wurde am 24. März 1927 als Sohn eines Gastwirts in Wasserburg am Bodensee geboren. Zehnjährig verliert er seinen Vater, mit zwölf Jahren beschäftigt er sich mit Dostojewski, Schiller und Nietzsche und schreibt erste Gedichte. 1943, Walser besucht die Oberrealschule in Lindau, wird er als Flakhelfer eingezogen. 1945 gerät er in amerikanische Gefangenschaft, wird bald entlassen und macht 1946 an seiner Schule in Lindau Abitur. Nach dem Studium der Literaturwissenschaft, Geschichte und Philosophie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Regensburg und der Eberhard Karls Universität in Tübingen beginnt er seine Karriere beim damaligen Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart.

"Die klingende Wochenpost" heißt die erste SDR-Sendung, für die der junge Walser Ende der 40er Jahre schreibt. Seiner erster kleiner Sketch läuft in der Rubrik "Die Nörgelecke der Hausfrau". Doch das Interesse des jungen Autors gilt der Literatur. Bereits 1952 kümmert er sich immer mehr um literarische Themen im Rundfunk. Er schreibt Hörspiele, lädt Schriftsteller zu Lesungen ein und entwickelt mit der sogenannten "Genietruppe" des SDR neue Sendekonzepte, zum Beispiel die Reihe "Zeichen der Zeit", mit Satiren, Reportagen, O-Ton-Collagen, Polemiken und bissigen Kommentaren versorgen die jungen Radio-Literaten ihre Hörer mit einer provokanten und unerschrockenen Kulturkritik.

1996 mit Marcel Reich-Ranicki sechs Jahre vor dem Roman "Tod eines Kritikers"

1953 liest Martin Walser bei der "Gruppe 47". Diese Gemeinschaft von Schriftstellern und Publizisten setzt sich für ein neues, demokratisches Deutschland ein und bestimmt das Bild der westdeutschen Literatur bis in die 60er Jahre. Zwei Jahre später wird das literarische Schaffen Walsers mit Erscheinen des Erzählungenbandes "Ein Flugzeug über dem Haus" erstmals von der Öffentlichkeit wahrgenommen. Für seine Erzählung "Templones Ende" erhält er seinen erste Auszeichnung, den Preis der "Gruppe 47".
Es folgen Theaterstücke, für seinen ersten Roman "Ehen in Philippsburg" wird Walser 1957 mit dem Hermann-Hesse-Preis ausgezeichnet. In den sechziger Jahren setzt sich Walser wie viele andere linke Intellektuelle für die Wahl von Willy Brandt zum Bundeskanzler ein. 1964 ist er als Zuhörer beim Auschwitz-Prozess in Frankfurt. Er engagiert sich gegen den Vietnamkrieg, reist nach Moskau. 1988 spricht Walser im Rahmen der Reihe "Reden über das eigene Land", dass er die deutsche Teilung immer als schmerzende Lücke empfand, mit der er sich nicht abfinden will. Diesen Stoff macht er auch zum Thema seiner Erzählung "Dorle und Wolf".
Mit der Novelle "Ein fliehendes Pferd" erlangt der Schriftsteller Weltruhm. Immer wieder beschäftigt er sich mit Antihelden, Gescheiterten und Zweifelnden. 1981 wird er mit dem "Georg-Büchner-Preis" ausgezeichnet.
Zu einem Eklat kommt es am 11. Oktober 1998, bei seiner Dankesrede für den "Friedenspreis des Deutschen Buchhandels". Darin kritisiert Walser die "Instrumentalisierung" von Auschwitz und behauptet, die permanente Thematisierung des Holocaust erziele letztlich den Effekt des Wegschauens. Die Rede löst eine öffentliche Kontroverse mit Ignatz Bubis aus, dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, in deren Verlauf Bubis Walser "geistige Brandstiftung" vorwirft. Der Streit wird nach einem gemeinsamen Gespräch beigelegt, Bubis nimmt seinen Vorwurf zurück.

Auszeichnungen (Auswahl)

2008 Corine-Ehrenpreis für sein Lebenswerk

1962: Gerhart-Hauptmann-Preis
1965: Schiller-Gedächtnis-Förderpreis
1980: Schiller-Gedächtnispreis
1981: Georg-Büchner-Preis
1981: Ehrengabe der Heinrich-Heine-Gesellschaft
1990: Großer Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste
1990: Carl-Zuckmayer-Medaille
1990: Ricarda-Huch-Preis
1992: Friedrich-Schiedel-Literaturpreis
1992: Aufnahme in den Orden Pour le mérite für Wissenschaft und Künste
1993: Franz-Nabl-Preis
1994: Großes Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland
1996: Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg
1998: Friedenspreis des deutschen Buchhandels
1999: Autor des Jahres 1998 (Wahl durch die deutschen Buchhändler)
2002: Julius-Campe-Preis
2002: Alemannischer Literaturpreis
2006: Finalist für den Deutschen Buchpreis mit "Angstblüte"
2008: Corine-Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten, für sein Lebenswerk
2009: Weishanhu-Preis vom The People’s Literature Publishing House China
2015: Friedrich-Nietzsche-Preis

Der Schriftsteller Martin Walser

Am 8. Januar erscheint "Ein sterbender Mann", sein neuer Roman über die Liebe, das Altsein, Verrat und den Tod und den Anspruch, den eigenen Todeszeitpunkt selbst zu bestimmen. Und das ist nicht der einzige aktuelle Kommentar, Martin Walser ist wie immer ein sehr wacher Zeitgenosse.
"radioTexte - Das offene Buch" sendet ab 10. Januar Auszüge aus dem Roman als Autorenlesung, denn Walser ist sein bester Interpret. Zu hören auf Bayern 2 und ungekürzt als Hörbuch, eine Koproduktion mit dem Argon-Verlag. Moderation: Cornelia Zetzsche, im Gespräch mit Martin Walser.

Martin Walser und sein neuer Roman "Ein sterbender Mann" auf Bayern 2


radioTexte - Das offene Buch, in drei Folgen ab 10. Januar jeweils um 11 Uhr

Diwan - Das Büchermagazin, am 9. Januar 2015, 14.05 Uhr (Wiederholung 21.05 Uhr)

Redaktion und Moderation: Cornelia Zetzsche


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