Bayern 2 - radioTexte


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Utopia entdecken "Früher war die Zukunft" - literarische Utopien

Auch wenn nunmehr Utopien als naiv gelten und ihr Ende beschrien wird: an den Träumen von einer alternativen, besseren Welt halten wir Menschen hartnäckig fest, insbesondere in der Literatur. Das Genre der Utopie ist eine der einflussreichsten literarischen Denkströmungen der abendländischen Tradition, beginnend mit den antiken Mythen des Goldenen Zeitalters bis zu den Schreckensvisionen des 20. Jahrhunderts. In drei Folgen begeben sich die radioTexte auf eine Odyssee durch das jahrhundertealte Universum der schriftstellerischen Fantasien - von Cyrano de Bergerac bis zu Oskar Maria Graf.

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 25.01.2017

Robinson Crusoe auf dem Mars (Film, USA 1964, Regie: Byron Haskin) | Bild: picture-alliance/dpa

Vor Kurzem vermeldeten mehrere Newsportale, dass George Orwells Negativutopie "1984" in den USA momentan das meistverkaufte Buch beim größten Versandhändler sei. Das lässt tief blicken, wie rosig sich offenbar zahlreiche Amerikaner ihre Zukunft ausmalen - angesichts des radikalen Regierungswechsels, des "Neusprechs" à la "alternative Fakten" aus Trumps Stab oder angesichts dessen eigenem Zwitschermix aus Fakten und Fiktionen.  Aber auch diesseits des Atlantik scheinen die Dauerdebatten um Flüchtlinge, Grenzen und Einkommensscheren, um betrügerische Großbanken und – konzerne, um Klimawandel oder die "Rentnerrepublik" nichts Positives zu versprechen. Für düstere Zukunftsvisionen wie Orwells Dystopie "1984" scheinen gute Zeiten angebrochen zu sein.

Ängste und Anti-Utopien

Der Boom solcher "Anti-Utopien" begann vor allem in der Zeit der industriellen Revolution, als die Maschinen ins Leben der Menschen vordrangen.

Willkommen im Überwachungsstaat: Richard Burton und John Hurt (im Vordergrund) in einer Filmszene aus George Orwells Dystopie "1984" (GB 1984)

Heute wird diese gefühlte Bedrohung wiederum aktuell im Zuge der rasanten Entwicklung im Bereich "Industrie 4.0". Kritiker dieser digitalen Vernetzung zwischen Maschinen, Geräten, Sensoren und Menschen fordern dringend gesetzliche Weichenstellungen und Initiativen zum Schutz gegen den schleichenden Kontroll- bzw. Freiheitsverlust der Bevölkerung.

"Utopia" - was ist ein idealer Staat?

1516, ein Jahr bevor Luther seine 95 Thesen verkündete und Magellan zu seiner ersten Weltumsegelung aufbrach, erschien "Utopia" von Thomas Morus, ein fiktiver Reisebericht über eine fantastische Insel, auf der alternative Lebenseinsichten, ein idealer Staat gelebt wird - als Gegenentwurf zum tatsächlichen englischen Alltag. Einige seiner Gedanken sind zwar den Staatsentwürfen von Aristoteles, Epikur und Platon entlehnt, doch als Ganzes betrachtet, in seiner literarischen Form des Reiseberichts, ist "Utopia" eine Neuheit.

"Utopia" avancierte nicht nur zum literarischen Klassiker, sondern wurde auch begriffsgeschichtlich prägend für eine der einflussreichsten literarischen Denkströmungen der abendländischen Tradition, beginnend mit den antiken Mythen des Goldenen Zeitalters bis zu den Schreckensvisionen und Katastrophenentwürfen des 20. Jahrhunderts.

Thomas Morus "Utopia": Titelholzschnitt der Erstausgabe von 1516, spätere Kolorierung

Utopien sind, wörtlich genommen, "Nicht-Orte" (vom griechischen "topos", also "Platz" oder "Raum", der durch die griechische Vorsilbe ou- verneint ist), also ein ersehntes Nirgendwo. Schriftsteller siedeln ihre fantastischen "Nirgendwos" gern auf fernen Planeten, in kommenden Zeitaltern, im Inneren der Erde oder - und immer wieder - auf Inseln an. Daran hat sich auch nach Jahrhunderten nichts geändert, in denen berühmte und populäre Schriftsteller ihre vielfältigen Beiträge zur Utopie und ihren späteren Ausformungen geleistet haben: Francis Bacon, Daniel Defoe, Bernard Mandeville, Jonathan Swift, Mary Shelley, Aldous Huxley, Jewgeni Samjatin, H. G. Wells, George Orwell, Ernst Jünger, Walter Jens, Ursula K. Le Guin, Ray Bradbury, Marge Piercy, William Gibson oder Margaret Atwood sollen hier nur als einige wenige Beispiele stehen.

Eine Renaissance der literarischen Utopie scheint in postmodernen Zeiten unmöglich, erscheint der Entwurf einer idealen Weltordnung naiv, doch solange die Menschheit mit Krieg, Ungleichheit und Elend zu kämpfen hat, bleiben die "unendlichen Weiten einer fernen Zukunft", bleibt der schriftstellerische Ideenraum für literarische Wolkenkuckucksheime, erhalten.

Reisen zu utopischen Orten

Cyrano de Bergerac 1657

Hector Savinien de Cyrano, wie Cyrano de Bergerac eigentlich hieß, wurde 1619 in Paris geboren. Die heutige Popularität des französischen Schriftstellers beruht vor allem auf Edmond Rostands Versdrama "Cyrano de Bergerac" aus dem Jahr 1897 sowie mehreren filmischen Adaptionen, in dem der draufgängerische Cyrano als großer Fechtmeister auftritt, der vor allem gegen sich selbst einen inneren Kampf führt: Wegen seiner langen Nase leidet Cyrano zeitlebens an seiner unausgesprochenen Liebe für Roxane.

Eine der Verfilmungen des Cyrano-de-Bergerac-Stoffes von 1990 mit Gérard Depardieu

Von der Nase des echten Savinien Cyrano de Bergerac ist nichts Nachteiliges bekannt, angeblich konnte er sehr gut fechten, führte ein Dandyleben, wenn Geld zur Verfügung stand, und galt als belesener und vielinteressierter Freigeist, der ab 1650 an seinem Hauptwerk schrieb: zwei fantastische Romane über Reisen zu Mond und Sonne, aus denen heftige Gesellschafts- und Kirchenkritik spricht. Bergerac legt seinem Ich-Erzähler Gedanken in den Mund, für die der Franzose zur damaligen Zeit hätte schlimm bestraft werden können – der Mensch als Krone der Schöpfung wird darin entthront und es wird diskutiert, ob Gott nicht den Kohlkopf lieber habe als den Menschen. Der Protagonist berichtet von seinem Aufeinandertreffen mit Mond- und Sonnenwesen, die zum Teil schon die Erde besucht hatten, doch wegen der "Stumpfsinnigkeit" der Bewohner wieder abgereist waren.

"Gedenke doch daran, o du hochmütigstes aller Tiere, dass, wenn auch ein Kohlkopf, den du abschneidest, kein Wort sagt, er darum nicht weniger denkt; aber das arme Pflanzenwesen hat nicht wie ihr Organe, mit denen es brüllen kann: keine zum Zappeln, keine zum Weinen; es hat aber trotzdem welche, mit denen es sich über das Unrecht, das ihr ihm antut, beklagen kann."

(Aus Bergeracs Reise zum Mond, Konversation zwischen einem Mondmenschen und einem Erdenmenschen über den fehlenden Respekt der Menschen gegenüber Tiere und Pflanzen)

"L'autre monde "("Die andere Welt") ist einer der ersten Science-Fiction-Romane. Er wurde erst posthum (und zensiert) publiziert. Ob es nun ein Unfall oder Mord war, ist ungeklärt: 1654 wurde der Schriftsteller von einem herabstürzenden Balken lebensgefährlich verletzt und starb ein Jahr später mit nur 36 Jahren. Als satirischer Utopist wurde Cyrano de Bergerac zum Vorbild Jonathan Swifts.

Lesung mit Joachim Höppner

Tommaso Campanella 1602

Der italienische Philosoph, Dominikaner, Dichter und Politiker Giovanni Domenico alias Tommaso Campanella (1568 - 1639) verfasste 1602 sein bekanntestes Werk "Civitas solis" oder der "Sonnenstaat".

In diesem visionären Gesellschaftsentwurf ist alles Gemeinbesitz. Die Bewohner des Sonnenstaates, die die Sonne als Ebenbild Gottes anbeten, werden (unter strengen Strafen) angehalten, ein von körperlichen und geistigen Arbeiten erfülltes Leben zu führen, das sie gesund und kräftig hält, so dass auch ihr Nachwuchs, dessen Erzeugung und Erziehung komplett in Staatshänden liegt, nur Gutes weitervererbt bekommt. Jeder Mensch in der Sonnenstadt ist zur Arbeit verpflichtet, und ausnahmslos jeder Dienst werde als ehrenhafter angesehen, so Campanella, der seine Staatsutopie (wie Platon oder auch Thomas Morus in ihren utopischen Texten) dazu nutzt, die Realität zu kritisieren, in der die Masse "knechtisch" schuften müsse, während die "restlichen Müßiggänger" durch ihre Faulheit, Geiz und Wucher sich selbst und das Volk verdürben.

Zeitgenössisches Bild von Galileo Galilei, der eine enge Korrespondenz mit Campanella führte

Campanellas "Sonnenstaat" entstand im selben Jahr, in dem er aufgrund seiner Unterstützung einer Verschwörung gegen die spanische Herrschaft in Süditalien sowie den Klerus zu lebenslanger Haft verurteilt worden war. Das war noch Glück im Unglück: Nach seinem Geständnis des Hochverrats unter schwerer Folter hätte man ihn eigentlich mit dem Tode bestraft. Ein Arzt diagnostizierte später jedoch Unzurechnungsfähigkeit bei Campanella, wodurch nach damaliger Auffassung der Tod als Rechtsmittel ausgeschlossen war. 27 Jahre verbrachte der Brieffreund Galileo Galileis in den Kerkern Neapels und in St. Elmo.

Seine Begnadigung durch den spanischen Vizekönig 1626 verdankte er wohl seinem unermüdlichen Schreiben im Kerker sowie seiner klugen "Öffentlichkeitsarbeit" bei Freunden und einflussreichen Persönlichkeiten. Bis zu seinem Tod 1639 waren Campanellas Schriften wie auch seine Person umstritten und in Gefahr. Erst nach seiner Flucht nach Frankreich 1634 wurde seine Lebenssituation etwas entspannter - er wurde sogar von Kardinal Richelieu und dem König empfangen, der ihm eine Pension zusicherte.

Lesung mit Horst Raspe

Louis-Sébastien Mercier 1771

Erstmalig wird hier in die Zukunft - statt in die Ferne - gereist und fantasiert. Louis-Sébastien Mercier, 1740 in Paris geboren, schrieb zunächst aufklärerische Romane, philosophische Essays und Dramen, bis er sich der utopischen Literatur, bzw. der sich langsam entwickelnden Science-Fiction widmete.

Der Ich-Erzähler schläft im Jahr 1769 ein und erwacht als siebenhundertjähriger Greis im Jahre 2440. Er beginnt nun ein Paris jenseits absolutistischer Strukturen zu entdecken, eine Gesellschaftsform, in der Gewaltenteilung und Föderalismus herrschen, die Kolonien wie auch lasziver Luxus und Prostitution Teil der französischen Geschichte geworden sind. Merciers "neues Paris" hat die Bastille abgerissen, die Tuilerien sind für jedermann begehbar, die öffentlichen Brunnen fördern reinstes Wasser zutage, es gibt moderne Krankenhäuser und eine funktionierende, humanere Justiz.

"Ganz von Rührung durchdrungen, sagte ich zu meinem Nachbarn: O wie sehr steht die Menschlichkeit bei euch in Ehren! Der Tod eines Bürgers ist Anlass zur Trauer für sein ganzes Vaterland! - Unsere Gesetze, versetzte er, sind ja auch weise und menschenfreundlich: Sie haben alle mehr die Besserung zum Ziele als die Bestrafung." (Mercier, Das Jahr 2440)

Zeitgenössischer Stich von der Verhaftung Robespierres im Juli 1794

Louis-Sébastien Mercier war ein Vielschreiber mit Aufklärungswillen, ebenso ein Flaneur, der größte Fan seiner Geburtsstadt, der er mit seinem bekannten Werk "Le Tableau de Paris" (1781) ein Denkmal setzte, auch den dunklen Seiten der Metropole. Dieses Buch wie auch sein berühmtestes, zunächst anonym publiziertes Werk "Das Jahr 2440", avancierten in jenen Zeiten zu Bestsellern. Sieben Jahre später, 1778, stand Merciers utopischer "Traum aller Träume" auf dem Index.

Die Revolution in seinem Heimatland begrüßte Mercier in vollen Zügen, doch die Begeisterung hielt nicht lange vor - nur der Tod Robespierres sollte Mercier, der 1814 als weitgehend vergessener Autor in Paris verstarb, vor der Guillotine bewahren.

"Pressefreiheit ist das wahre Maß gesellschaftlicher Freiheit. Ein Anschlag auf die eine ist die Zerstörung der anderen. Aufklärung ist angewiesen auf Auswirkung. Ihr Zügel anlegen zu wollen, ist ein Verbrechen an der Menschheit."
(Louis-Sébastien Mercier: Das Jahr 2440)

Lesung mit Wolfgang Büttner

Samuel Butler 1872

Der englische Schriftsteller, Komponist, Maler und Gelehrte Samuel Butler (1835 - 1902)

Die Neugier treibt einen Schafsfarmer in diese unbekannte, ferne Region "jenseits der Berge". Doch das verheißungsvolle Land entpuppt sich bald als Farce, als Zerrbild seiner Heimat, des viktorianischen Englands: Kinder gelten bei den Erewhoniern als Plage und Zumutung, Lehrer sind Professoren der "Unvernunft", die das Denken hemmen statt fördern sollen, Mörder, Diebe und Betrüger erhalten verständnisvolle therapeutische Behandlung, während Armut, Krankheit, Behinderung als kapitales Verbrechen geahndet wird. Banken werden dort wie Kirchen angesehen, und Technik wird als Teufelszeug tabuisiert, da einst prophezeit wurde, dass die Maschinen sich über die Menschen erheben würden. Das Tragen von Uhren beispielsweise kann Grund für Gefängnishaft sein.

"Nach ihrer Auffassung hören die Ungeborenen nicht auf, die Verheirateten zu plagen und zu peinigen; sie schweben unablässig um sie herum und lassen ihnen keine Ruhe, weder körperlich noch seelisch, bis sie die Betreffenden so weit haben, dass sie gewillt sind, ihnen Schutz und Schirm zu gewähren. (...) Niemand hätte eine Recht, Kinder zu zeugen, da man nie wissen kann, was für ein Elend man damit über ein Wesen bringt, das nicht unglücklich sein kann, solange es nicht geboren ist."
(Samuel Butler, Erewhon)

Der 1835 in britischen Nottinghamshire geborenen Samuel Butler treibt mit seinem 1872 zunächst anonym erschienenen utopischen Roman ein satirisches Spiel mit der zeitgenössischen Gesellschaft, auch sprachlich: "Erewhon" ist ein Anagramm des englischen "Nowhere" (nirgendwo), was eine ungefähre Übersetzung von "Utopie", von "Utopia", dem genrebezeichnenden Werk von Thomas Morus ist. Auch viele Personennamen im Buch sind anspielungsreiche Anagramme von englischen Namen - der einheimische Betreuer des Protagonisten beispielsweise heißt "Nosnibor" und liest man den Namen rückwärts, wird "Robinson" daraus. Der quasi schiffbrüchige Held Samuel Butlers hält es bei den Erewhoniern nicht lange aus und fliegt in einem Ballon davon - auch ein Seitenhieb des Autors auf den in der Literatur des 19. Jahrhunderts oft verwendeten Kniff der Reise- bzw. Abenteuerliteratur.

Butlers satirisches Hauptwerk in der Tradion der utopischen Literatur inspirierte spätere Autoren der Moderne, die ebenfalls Genre-Klassiker verfassen sollten, von H. G. Wells über Shaw bis zu George Orwell.

Lesung mit Robert Michal

Edward Bellamy 1888

Sie erinnern sich an Monsieur Mercier und "Das Jahr 2440"...?

Auch bei Edward Bellamy, 1850 in Chicopee, Massachusetts geboren, erwacht der Protagonist aus einem außergewöhnlich langen Schlummer: Nach einer Art Hypnosebehandlung kommt Julian West, ein junger Mann um die dreißig Jahre, nicht am einem Septembermorgen des Jahres 1887 zu sich, sondern im Jahr 2000 - immerhin befindet er sich nach wie vor in Boston.

Doch durch seine Heimatstadt weht nunmehr erstaunlich saubere Luft, man bezahlt mit sogenannten Kreditkarten, Frauen und Männer sind gleichberechtigt und Bildung verdienen am meisten diejenigen, die die schlechtesten Voraussetzungen dafür haben.

"Ich bin mir sicher, dass die Welt heute himmlisch ist, verglichen mit dem Zustand in früherer Zeit."
(Julian West in: Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf das Jahr 1887)

Bellamys Zukunftsvision eines amerikanischen Sozialstaats wurde nach seinem Erscheinen im Jahr 1888 ein internationaler Bestseller und überrascht auch heute noch mit manchen Ideen, die tatsächlich Wirklichkeit geworden sind. Seine Hoffnung auf einen Triumph des vernünftigen Menschenverstandes in einhundert Jahren allerdings erfüllte sich nicht.

Lesung mit Günther Sauer

Karl May 1910

Der fantastische Ort Sitara erscheint an verschiedenen Stellen im Spätwerk des 1842 geborenen Karl Mays, einer der meistgelesenen deutschen Schriftsteller, dessen Werke - vor allem die um Kara Ben Nemsi, Hadschi Halef Omar sowie Old Shatterhand und Winnetou - in zahlreichen Verfilmungen und mehr als 300 Hörspielen weiterleben. Ende des 19. Jahrhunderts allerdings war May gesundheitlich und psychisch angegriffen durch zahlreiche Gerichtsprozesse, öffentliche Angriffe durch die Presse und dadurch forcierte sinkende Verkaufszahlen seiner Bücher.

In seinem Roman "Im Reich des Silbernen Löwen IV" oder in "Ardistan und Dschinnistan I" (1907/1908) wird Sitara als "Land der Sternenblumen" beschrieben, offenbar irgendwo zwischen Nahem und Fernem Osten gelegen. Doch in Mays Autobiografie "Mein Leben und Streben"(1910) findet man als Eingangskapitel "Das Märchen von Sitara". Hierin ist das "Sternenblumenland" zum Planeten mutiert.

"Wenn man von der Erde aus drei Monate lang geraden Weges nach der Sonne geht und dann in derselben Richtung noch drei Monate lang über die Sonne hinaus, so kommt man an einen Stern, welcher Sitara heißt. Sitara ist ein persarabisches Wort und bedeutet eben Stern."
(Beginn des Märchens von Sitara, Karl May)

Auf diesem fernen Himmelskörper beschreibt May die antagonistischen Länder Ardistan, das höllische "Land der Gewalt - und Egoismusmenschen" und Dschinnistan, das unirdische Land der "Edelmenschen".

"Also in Dschinnistan Glück und Sonnenschein, dagegen in Ardistan ringsum eine tiefe, seelische Finsternis und der heimliche weil verbotene Jammer nach Befreiung aus dem Elende dieser Hölle! Ist es da ein Wunder, daß da unten im Tieflande eine immer größer werdende Sehnsucht nach dem Hochlande entstand? Daß die fortgeschrittenen unter den dortigen Seelen sich aus der Finsternis zu befreien und zu erlösen suchen?" (Das Märchen von Sitara)

Der Stern Sitara mit seinen Bewohnern, die von Ardistan nach Dschinnistan streben, fungiert also aus der Feder Karl Mays als dessen utopischer Lebensentwurf für die Menschheit. Seine Autobiografie von 1910 beginnt er so: "Ich bin im niedrigsten, tiefsten Ardistan geboren, ein Lieblingskind der Not, der Sorge, des Kummers". Mit Beginn des 20. Jahrhunderts - nach seiner Orientreise - versuchte sich der Bestsellerautor von seinen Abenteuergeschichten zu lösen, experimentierte, verfasste symbolische, literarisch anspruchsvollere Romane mit pazifistischen Tendenzen.  Kurz vor seinem Tod Ende März 1912 erhielt der Erfinder Winnetous und Old Shatterhands noch einmal jubelnde Anerkennung, als er in Wien den friedensorientierten Vortrag "Empor ins Reich der Edelmenschen" hielt.

Lesung mit Rolf Illig

Oskar Maria Graf 1949

"Schreiende Raubvögel kreisten wieder in der öden Luft, und Miasmen von Brummfliegen und giftigen Insekten überwölbten da und dort die frei liegenden Haufen der Tierkadaver und verwesten Menschenleichen. Zerstörte verfallene Siedlungen und Agrostädte tauchten auf. Weite Strecken waren vereist und machten einen gespenstisch toten Eindruck. Endlich stießen die ersten Erkundungstruppen auf treibende, verwilderte Haufen, die bei ihrem Anblick oder beim Überfliegen der Aeroplane kopflos auseinanderjagten und erst nach vielen Stunden eingefangen werden konnten. Viele dieser Gefangenen waren verseucht und schon todessiech. In ihren zerfressenen Gesichtern lebten nur noch die Augen."

(Aus: Oskar Maria Graf, Die Erben des Untergangs)

Oskar Maria Graf und die Schauspielerin Helen Hayes 1958 in München

Es mag kurios erscheinen, doch der New Yorker vom Starnberger See hat auch seinen Beitrag zur Utopie geleistet. Fragt man Oskar Maria Graf allerdings selbst, dann sieht es etwas anders aus. Denn der 1938 ins amerikanische Exil geflohene Anarchist und Pazifist nannte seinen "Roman einer Zukunft" keine "effektvoll-geistreiche Utopie", sondern sah das erstmals 1949 unter dem Titel "Die Eroberung der Welt" publizierte Werk als "realistischen Problemroman" an.

Seit 1959 trägt diese Schilderung einer Welt nach dem dritten Weltkrieg den Titel "Die Erben des Untergangs" und stellt drastische Resultate menschlicher Hybris vor - apokalyptische Landschaften, bewaffnete Banden, eine verrohte Nomadengesellschaft. Und doch: zuletzt entsteht eine andere Welt mit neuer "Weltverfassung". Ihr erster Satz: "Der Mensch ist frei, und sein Feld ist die Welt."

Lesung mit Georg Kostya

Die radioTexte am Dienstag blicken in einer dreiteiligen Reihe auf die nicht ganz so berühmten Fantastereien von Autoren aus mehreren Jahrhunderten zurück.

Welcome to Utopia - "Früher war die Zukunft"

Ausflüge zu literarischen Utopien aus mehreren Jahrhunderten:

am 7., 14. und 21. Februar 2017 in den radioTexten am Dienstag,
kurz nach 21.00 Uhr auf Bayern 2

Moderation: Antonio Pellegrino

Die Sendungen stehen Ihnen als kostenfreier Podcast, als Stream auf dieser Website oder in der Bayern2 App zum Nachhören zur Verfügung.


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