Bayern 2 - radioTexte


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Lesung und Ratespiel Demokratie-Analyse mit Tocqueville und nemo

Mehr Gleichheit unter den Menschen heißt nicht automatisch mehr Freiheit für alle. Das war für Alexis de Tocqueville bereits vor mehr als 180 Jahren klar. Als einer der ersten Aristokraten erkannte der spätere französische Außenminister die Demokratie als die für die Zeit richtige Regierungsform an. Seine Lebensaufgabe sah er darin, die Demokratie zu "belehren", auf Gefahren hinzuweisen. Er warnte vor Despotismus, vor der Vereinzelung und der Rastlosigkeit der Bürger. Die letzte Lesung aus "Über die Demokratie in Amerika" mit Axel Milberg, im Anschluss: nemo mit Gast-Detektiv Georg M. Oswald.

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 02.01.2017

Demonstranten am Rande des "Women's March" in New York City am 21. Januar 2017 | Bild: picture-alliance/dpa

"Ich habe für demokratische Institutionen eine Neigung aus Verstand, aber ich bin Aristokrat aus Instinkt. Ich liebe voller Leidenschaft die Freiheit, aber nicht die Demokratie. Ich bin weder von der revolutionären noch von der konservativen Partei. Aber trotzdem halte ich mehr zu letzteren als zur ersteren."

(Alexis de Tocqueville)

Für ihn und seine politischen Ansichten gab und gibt es bis heute keine passenden Schubladen. Alexis de Tocqueville bezeichnete sich selbst als "Liberalen einer neuen Art", was die Paradoxien in seinem Denken und Leben vielleicht am treffendsten bündelt: Ein manchmal nostalgischer Aristokrat, der wusste, dass sein Stand dem Untergang geweiht war, ein Demokratiekritiker, der nur in der Demokratie die Zukunft sah, ein Freigeist, der nach Religion verlangte, ein Franzose, der die Amerikaner auch einmal loben konnte.

Portrait von Alexis de Tocqueville (1805-1859). Kollektion des Musée de l'Histoire de France, Château de Versailles

Sein zweibändiges Werk "De la Démocratie en Amérique" (1835/1840) machte den damals 30-jährigen Juristen schlagartig über die Grenzen Frankreichs berühmt, und er hat mit seinen Überlegungen zum demokratischen Zeitalter in Amerika und Europa einen Klassiker der vergleichenden Politikwissenschaft und Soziologie geschaffen, der seit mehr als 180 Jahren viel zitiert und an den Universitäten thematisiert wird. In unseren Tagen betitelt man den 1805 geborenen Spross einer alten normannischen Adelsfamilie gern als "Prophet des Massenzeitalters", da er Russlands und Amerikas Aufstieg zu den zwei beherrschenden Weltmächten voraussagte und auch schon damals vor der Gefahr einer umschlagenden Demokratie in Tyrannei und Despotismus ebenso warnte wie vor der Herrschaft der Ökonomie. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurden seine Aussagen Wirklichkeit.

"Die Demokratie belehren, wenn möglich, ihren Glauben beleben, ihre Sitten läutern, ihre Bewegungen ordnen, nach und nach ihre Unerfahrenheit durch praktisches Wissen ... ersetzen; ihre Regierungsweise den Umständen der Zeit und des Ortes anpassen; sie je nach Verhältnissen und Menschen ändern: das ist die erste Pflicht, die heute den Lenkern der Gesellschaft auferlegt ist. Eine völlig neue Welt bedarf einer neuen politischen Wissenschaft."

(Alexis de Tocqueville, Über die Demokratie in Amerika, Band 1, Einleitung)

Courage zur Demokratie!

Tocqueville war Untersuchungsrichter in Versailles, als er und sein Freund Gustave de Beaumont von der Regierung den Auftrag erhielten, eine Analyse des Rechtssystems und des Gefängniswesens in den Vereinigten Staaten vorzunehmen.

Die New Yorker Wall Street um 1850

Im Mai 1931 betraten die zwei Franzosen erstmals amerikanischen Boden und brachten ihre offizielle Mission effektiv hinter sich, um danach New York und Umgebung, Boston, Philadelphia, Baltimore und Washington zu erkunden und weiter über den ganzen Kontinent zu reisen - vom kanadischen Norden den Mississippi hinunter bis zum südlichen New Orleans. Knapp ein Jahr später gingen Beaumont und Tocqueville an Bord eines Schiffs Richtung Le Havre. Die mehr als 7000 gesammelten Meilen auf amerikanischem Boden dienten eigens ihrer privaten "Mission", nämlich Frankreich Mut zu machen für notwendige Reformen. Aus dem Blickwinkel des alten Europa lag es zu der Zeit jenseits aller Vorstellungskraft, dass man in Amerika Europas Zukunft finden könne. Mit der Publikation des ersten Bandes von "Über die Demokratie in Amerika" 1835 hat Alexis de Tocqueville dieses Vorurteil nachhaltig aus dem Weg geräumt.

Wo liegt die Balance zwischen der Gleichheit aller und der Freiheit?

"Sollte die Freiheit in Amerika jemals untergehen, so wird man dafür die Allmacht der Mehrheit verantwortlich machen müssen, die die Minderheiten zur Verzweiflung trieb und sie zwang, zu Gewalttätigkeiten zu greifen. Man wird dann Zeuge der Anarchie sein, aber sie wird als Folge des Despotismus eintreten."

(Alexis de Tocqueville)

Axel Milberg liest Auszüge aus Tocquevilles Demokratie-Analyse, die bis heute an Universitäten thematisiert wird.

Ausgehend von dem Grundsatz, das Ziel jeder demokratischen Verfassung liege in der Gleichheit als Vorbedingung der größtmöglichen politischen Freiheit stellt er anhand seines umfangreichen Recherchematerials die demokratische Entwicklung Amerikas vor, zeigt auf positive, aber auch auf negative bzw. freiheitsgefährdende Aspekte dieser noch jungen, modernen Regierungsform - immer in Hinblick darauf, inwiefern sie übertragbar wäre auf Europa, auf Frankreich.

Für ihn stand fest: Im Streben nach Gleichheit liegt der Motor der westlichen Zivilisationen, die Entwicklung zur modernen Demokratie sei ein gottgewolltes, unaufhaltbares Schicksal. Und das würde die Menschen verändern. Diesen Aspekt thematisierte der Publizist in dem 1840 erschienenen zweiten Teil seiner Untersuchung: Wie nämlich beeinflusst die Demokratie das geistige Leben, die Gefühlswelt, die Sitten der Amerikaner? Und wie verträgt sich die grundsätzlich angestrebte Gleichheit aller mit der bürgerlichen Freiheit des Individuums?

Die dunkle Seite der Demokratie

"Die Mehrheit hat in den Vereinigten Staaten also eine gewaltige tatsächliche Macht und eine fast ebenso große Macht als die öffentliche Meinung, und steht sie einmal in einer Frage fest, so gibt es sozusagen keine Hindernisse, die sie, ich sagte nicht, aufhalten, aber noch nicht einmal in ihrem Vordringen verzögern könnten, und die ihr die Zeit ließen, die Klagen derer anzuhören, die sie auf ihrem Wege erdrückt."

(Alexis de Tocqueville)

In dieser Machtposition der Mehrheit liegt nach Tocqueville der "Keim zur Tyrannei", den es einzugrenzen gilt. Auch sieht er in der Demokratie die Gefahr der Vereinsamung des Menschen, die den Despotismus begünstige. Denn die Gleichheit stelle die Menschen eben nur "nebeneinander", ohne sie durch ein gemeinsames Band zusammenzuhalten. Lösungen für diese mögliche dunkle Seite der Demokratie sieht der französische Jurist beispielsweise in der (Pflicht der) Bürgerbeteiligung in öffentlichen Angelegenheiten, um dem "Individualismus" entgegenzuwirken, sowie - und das mag überraschen - in der Religion, am Festhalten an etwas Übersinnlichem inmitten einer Umgebung, die von der "Liebe zu materiellen Gütern" dominiert sei.

Tocqueville als "Täter" in der Politik

Nach seinem frühen Ruhm als Autor blieb Alexis de Tocqueville als Politiker recht blass. Ab März 1839 war er Abgeordneter in der gemäßigten Opposition, bekämpfte - erfolglos - die Sklaverei.

Die Karikatur Alexis de Tocquevilles von Honore Daumier 1849

Nach der Februarrevolution 1848 war Tocqueville einer der führenden Vertreter der Konservativen, gestaltete als Mitglied der Gesetzgebenden Versammlung die neue Verfassung mit, konnte hier jedoch seine Ideale nicht durchsetzen. 1849 übernahm Tocqueville das Auswärtige Amt, trat aber zwei Jahre später zurück, als Louis Napoléon, der spätere Napoléon III., in einem Staatsstreich die Macht ergriff. Nach diesen Enttäuschungen zog er sich ins Privatleben, ins Schreiben zurück, verfasste seine "Souvenirs" sowie sein zweites Hauptwerk "L'Ancien Régime et la Révolution". "Ich bin als Denker mehr wert denn als Täter", so zog der Jurist, Autor, Historiker und Politiker, der 1859 in Cannes starb, sein selbstkritisches Fazit.

Was ist uns heute die Demokratie wert?

Fast zweihundert Jahre nach dem Entstehen dieser ersten großen Studie zur Demokratie verdeutlichen Tocqevilles Überlegungen das zähe Ringen um dieses neue Phänomen der Demokratie, das wir heute und hierzulande als so selbstverständlich hinnehmen. Und steht die Demokratie - im Zuge der digitalen Entwicklung - nicht grundsätzlich auf dem Spiel?

"Die Konzerne haben schon jetzt die Fähigkeit, jeden zu beeinflussen, etwa ob und wen die Menschen wählen", so Jaron Lanier in der FAZ.

Der Virtual-Reality-Experte und Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels Jaron Lanier bezeichnete unser leichtfertiges Abgeben von Entscheidungsgewalt an Konzerne als "digitalen Maoismus"; diesen freiwilligen Kontrollverlust könnte man nicht nur auf soziale Netzwerke oder smarten Fahr- oder Wohnkomfort beziehen. Auch auf politischer Ebene gäbe es Möglichkeiten, Maschinen (sprich: Konzernen) Regierungsmacht zu übertragen. Nicht umsonst erhielten erst kürzlich Trump, Clinton und Co. Konkurrenz, als der Supercomputer der Firma IBM als Kandidat für die amerikanischen Präsidentschaftswahlen 2016 aufgestellt wurde. Noch handelte es sich hierbei um einen Werbegag.

Axel Milberg und Georg M. Oswald in den radioTexten am Dienstag

Ab 10. Januar 2017 liest der bekannte Tatort-Star und preisgekrönte Interpret zahlreicher Henning-Mankell-Romane in vier Folgen ausgewählte Passagen aus Tocquevilles bahnbrechender Studie "Über die Demokratie in Amerika" in den radioTexten am Dienstag, immer um kurz nach 21.00 Uhr auf Bayern 2.

Zu Gast bei nemo: Georg M. Oswald, der bis vor kurzem den Berlin Verlag leitete, will sich wieder vollends dem Schreiben widmen.

Am Dienstag, 31. Januar eröffnet Antonio Pellegrino im Anschluss an die Lesung die erste nemo-Raterunde in diesem Jahr!

Neben dem bewährten bibliophilen Duo Elisabeth Tworek und Andreas Trojan nimmt der Jurist, Schriftsteller und Verleger Georg M. Oswald als Gast-Detektiv im BR-Studio Platz. Im Frühjahr erscheint sein neuer Roman „Alle, die du liebst“ (Piper).

Mit neuem Hörerrätsel!

Moderation: Antonio Pellegrino

Zum Nachhören als Podcast, Stream und in der Bayern 2 App verfügbar


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