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Frank Arnold liest "Das ist bei uns nicht möglich" von Sinclair Lewis

Faschismus auf Amerkanisch? Nobelpreisträger Sinclair Lewis zeigt in seinem 1935 erschienenen Roman, wie das aussehen kann. In der vielbeschworenen "einzigen freien Nation der ganzen Welt" kommt Buzz Windrip 1936 legal an die Macht und errichtet eine blutige Diktatur. Frank Arnold liest aus dem Bestseller der 30er-Jahre in drei Folgen.

Stand: 28.04.2017

Buchcover "Das ist bei uns nicht möglich" von Sinclair Lewis | Bild: Aufbau Verlag, Montage: BR

"Diktatur? Kommt lieber zu mir in die Sprechstunde und lasst euer Gehirn untersuchen! Lächerlich, Amerika ist die einzige freie Nation der ganzen Welt." Trotz Hitler, Mussolini und faschistischen Bewegungen in England, Spanien und Ungarn grenzen sich die liberalen US-Amerikaner der 30er-Jahre selbstbewusst gegen alle faschistischen Tendenzen ab. Wer warnend auf die Gefahr hinweist, dass Senator Berzelius - genannt Buzz - Windrip die Präsidentschaftswahl gewinnt, der wird Paranoiker und Monomane geschimpft und belehrt: "Das Land ist zu groß für eine Revolution. Nein, nein! Bei uns nicht möglich."

Sinclair Lewis (1885-1951)

Diese Beschwörungsformel macht Sinclair Lewis zum ironischen Titel seines Romans, den er von Mai bis August 1935 im Eiltempo schreibt und der im Oktober gleich zum Bestseller wird. Viele Theater adaptierten den Roman für die Bühne. Die 1936 beim Amsterdamer Exilverlag Querido erscheinende deutsche Übersetzung wird im Deutschen Reich gleich verboten.

Erst 1986 bringt der Leipziger Verlag Gustav Kiepenheuer den Roman des ersten US-amerikanischen Literaturnobelpreisträgers wieder heraus, aber erst 2017, nach der Wahl von Donald Trump zum US-amerikanischen Präsidenten, rückt der Roman des 1885 geborenen Schriftstellers wieder in den Fokus. In den USA wird der Roman auch jetzt wieder an einigen Theatern auf die Bühne gebracht.

Der Hass auf die Eliten und die Intellektuellen siegt

Er werde "aus Amerika wieder ein stolzes, reiches Land machen", verspricht Buzz Windrip den Verbitterten und Abgehängten im Roman. Mit seinem wortreichen Hass auf die Presse, die "den Leuten" ihre Lügen aufschwätze und reich werde durch "Verleumdung von Staatsmännern", mit seiner rassistischen Hetze gegen die Juden, die Schwarzen und die "gelben Hunde", mit seinem romantischen, erzreaktionären Frauenbild - die rotwangige, Pfannkuchen backende Vielfachmutter am Herd - gewinnt Romanheld Windrip 1936 die Wahl. Am 21. Januar 1937, einen Tag nach Amtsantritt, etabliert er sich als Alleinherrscher und ruft den Kriegszustand aus. Bald herrschen im ganzen Land Gewalt, Not, Misstrauen und Angst.

"Selbst die übermütigsten jungen Männer besuchten immer weniger Lokale, weil niemand, der nicht Uniform trug, in diesen Tagen gern auffallen wollte. Unmöglich, irgendwo zu sitzen, ohne das Gefühl, dass Spitzel dich ansahen. So blieb denn alle Welt zu Hause – und fuhr erschrocken auf bei jedem Schritt, der draußen ging, bei jedem Telefonanruf und wenn ein Efeuzweig am Fenster raschelte."

aus: Das ist bei uns nicht möglich von Sinclair Lewis

Dorothy Thompson - Sinclair Lewis' Ehefrau - in Deutschland an der Quelle

Dorothy Thompson

Sinclair Lewis' erhellende Analysen des Faschismus, seine Beschreibungen, wie sich die Diktatur nach und nach bis in die letzten Winkel des privaten und gesellschaftlichen Lebens hineinfrisst und alles verseucht, fußen auch auf der Arbeit seiner zweiten Ehefrau, der US-amerikanischen Journalistin Dorothy Thompson.

Dorothy Thompson arbeitet von 1924 bis 1934 im Berliner Büro der New York Evening Post, interviewt mehrmals Adolf Hitler und entwickelt insgesamt eine intime Kenntnis Nazideutschlands. In ihrem 1932 erschienenen Buch "I Saw Hitler" zeichnet sie Hitler als den Prototyp des kleines Mannes, der aber über theatralisches Talent, medienwirksame Strahlkraft und die besondere Fähigkeit verfüge, Menschen aus allen Schichten an sich zu binden. Mit größter Sorge beäugt sie die "Hilflosigkeit" und: ja, die "Fügsamkeit" der Liberalen, während der Faschismus ganz Europa in die Zange nimmt:

"In einem Land nach dem anderen, unter diesem oder jenem Banner, verlieren die Menschen ihre Freiheit, freiwillig geben sie ihre Freiheit auf und überantworten sie der Staatsgewalt."

Dorothy Thompson in einem Brief an Sinclair Lewis

Buzz Windrip erntet Hitlers Beifall

Sinclair Lewis siedelt die Handlung des Romans an einem fiktiven Ort in Vermont an und lässt sie 1939 mit dem Ausbruch eines Bürgerkriegs enden. Bei Weitem reichen die Schrecken seiner Fiktion der Diktatur nicht an die tatsächlichen Schrecken des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust heran. Aber in seiner Fiktion versäumt es Lewis nicht, den US-amerikanischen Umsturz des Systems von den Nazis loben zu lassen - Buzz Windrip ist danach auf dem "richtigen" Weg, nur noch nicht weit genug ...

"Erst Wort für Wort und dann in verständliches Englisch übersetzte er aus dem Völkischen Beobachter die folgende eindrucksvolle Würdigung seines Chefs: Amerika hat großartig begonnen. Niemand wünscht dazu dem Präsidenten Windrip ehrlicher Glück als wir Deutschen. Der Kurs geht zweifellos auf die Errichtung eines völkischen Staates hin. Unglücklicherweise ist der Präsident noch nicht bereit, mit der liberalen Tradition ganz zu brechen. Den Juden gegenüber hält er noch immer eine zweideutige Stellung aufrecht. Doch lässt sich mit Sicherheit voraussehen, dass die Logik der Entwicklung ihn zu einem Wechsel seiner Haltung zwingen muss. Ahasver, der Ewige Jude, wird immer der Feind eines freien selbstbewussten Volkes bleiben, und auch Amerika wird noch einsehen, dass man sich mit dem Judentum ebenso wenig verständigen kann wie mit der Beulenpest."

aus: Das ist bei uns nicht möglich von Sinclair Lewis

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Frank Arnold

Sinclair Lewis: "Das ist bei uns nicht möglich". Übersetzt von Hans Meisel. Überarbeitet und mit einem Nachwort von Jan Brandt. 448 Seiten, Aufbau Verlag, 24 Euro

Aus dem Roman liest in drei Folgen: Frank Arnold
Redaktion und Moderation: Judith Heitkamp
4. , 11. und 18. Mai auf Bayern 2.

Die ganze Lesung erscheint bei Argon als Hörbuch.


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