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Traumstadt Vilnius Mit Cornelius Hell ins Gastland der Buchmesse

Labas Litauen! Leipzig begrüßt bei der diesjährigen Buchmesse den südlichsten der Baltikumstaaten als Ehrengast: der beste Anlass, um mit Autor und Übersetzer Cornelius Hell nach Vilnius zu reisen, der barocken Metropole, die wegen der vielen Kirchen als "Jerusalem des Nordens" bewundert wird. Antonio Pellegrino im Gespräch mit dem geübten Vilnius-Flaneur Cornelius Hell, dessen Essays Siemen Rühaak liest.

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 08.03.2017

"Wo heute die Paläste von Vilnius in den Himmel ragen, rauschten im 13. Jahrhundert noch immer dichte Wälder. Der riesige Ur, König der litauischen Wälder, weckte dort mit seiner kräftigen Stimme hundertjährige Eichen aus ihrem Schlaf, Wolfsgeheul tönte über den Wellen der prächtigen Neris udn schwand in der Ferne; wie von den Gewässern des Flusess getragen breitete es sich über ganz Litauen aus."

(Anfang der Gründungslegende von Vilnius)

Als Großfürst Gediminas Anfang des 14. Jahrhunderts einen Berg hinaufritt, um einen Ur zu verfolgen, soll ihm an dieser Stelle im Traum ein riesiger Wolf erschienen sein, der einen eisernen Panzer trug und so laut heulte, als würden noch hundert weitere Wölfe in ihm stecken. Diesen Traum deutete des Großfürsten Oberpriester so: "Der eiserne Wolf bedeutet, dass an dieser Stelle eine feste Burg und eine Stadt gebaut werden soll, die zur Hauptstadt deines Staates wird. Die hundert anderen Wölfe aber, die in seinem Inneren heulten, bedeuten die künftigen Einwohner, die dich und den Ruhm dieser Stadt in der ganzen Welt berühmt machen werden".

Wasserburg Trakai (nahe Vilnius)

Gedeutet, getan: 1323 verlegte tatsächlich Gediminas die Hauptstadt seines Reiches an das in die Neris mündende Flüsschen Vilnia ("kleine Welle") und zog von der etwa dreißig Kilometer entfernten Inselburg Trakai auf den Berg, der heute Gediminas-Berg heißt. Im Gegensatz zu den anderen beiden baltischen Hauptstädten Riga und Tallinn war Vilnius keine Kolonialstadt, sondern eine genuin litauische Gründung.

"Und schaue ich hinunter auf das Vilnius von heute, das nicht nur aus Trümmern und Asche, sondern auch aus der sowjetischen Tristesse wiederauferstanden ist, dann könnte ich glauben, der legendäre Traum des Großfürsten habe sich bewahrheitet. Und das Vilnius eine Traumstadt ist. Meine Traumstadt. Die ich nicht aufhören werde, zu erkunden."

(Cornelius Hell, Der eiserne Wolf im barocken Labyrinth)

Traumstadt Vilnius

Cornelius Hell ist zu Gast im BR-Studio und berichtet von Vilnius und der litauischen Literatur.

1984 reiste der österreichische Literaturkritiker, Germanist und Autor Cornelius Hell zum ersten Mal in die litauische Hauptstadt, damals noch Teil der Sowjetunion, um einen Lehrauftrag an der Universität anzutreten. Der gebürtige Salzburger stürzte sich nicht nur in die ihm fremde Kultur, sondern auch in diese neue Sprache mit den vielen Diminutiven, in denen sich "ganze emotionale Welten" verbergen, die man nur schwer ins Deutsche übertragen könne, ohne naiv zu klingen, so berichtet der heute auch als Übersetzer aus dem Litauischen gefragte Cornelius Hell, der uns mitnimmt auf seine Streifzüge durch die Altstadt und durch die bewegte Vergangenheit der litauischen Hauptstadt.

"Litauen verkleinert alles, was er gern hat"

Litauisch ist die archaistische indoeuropäische Sprache, die es in unseren Tagen noch gibt. Als Literatursprache musste sie sich allerdings erst einmal sowohl gegen das Polnische der Oberschicht im litauisch-polnischen Doppelstaat und gegen das Latein der katholischen Kirche durchsetzen. So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass erst 1547 das erste litauische Buch erschien in Gestalt des protestantischen Katechismus von Martynas Mažvydas. So weit man in der Stadtgeschichte zurückgehen kann, war Vilnius jedoch immer eine mehrsprachige Stadt - Jiddisch, Polnisch und Russisch wurde gesprochen, heute kommt natürlich Englisch noch hinzu.

Blick auf das moderne Vilnius

Das diesjährige Gastland der Leipziger Buchmesse (knapp 3 Mio. Einwohner) ist heute einer der politisch dynamischsten Staaten Europas. Im Mittelalter war Litauen eine der europäischen Großmächte und seit 1795 unter russischer Oberhoheit. Doch 1918 erlangte der baltische Staat seine Unabhängigkeit zurück - bis 1940 die sowjetischen und ein Jahr später die deutschen Besatzer kamen. 1944 wurde das Land durch die Rote Armee zurückerobert. Ein über 10-jähriger Partisanenkampf gegen die sowjetische Annexion sowie massive Deportationen nach Sibirien folgten. 1990 erlangten die Litauer im Zuge der „Singenden Revolution“ erneut ihre Unabhängigkeit, seit 2004 gehören sie zur Europäischen Union.

Ein ganz persönlicher Reiseführer

In seinen Streifzügen durch die "Traumstadt des Großfürsten" erinnert Cornelius Hell an den Gründungsmythos von Vilnius, entführt uns in die verwinkelten Gassen der Altstadt, die zu den größten Osteuropas zählt und beschreibt deren Plätze, Paläste und Plattenbauten. Cornelius Hell berichtet von seinen persönlichen Erinnerungen und städtebaulichen Favoriten der barocken Metropole, die seit 1994 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt und aufgrund der an die 70 Kirchen und Klöster die Beinamen "Jerusalem des Nordens" oder, je nachdem, wen man fragt, "Rom des Ostens" trägt.

Cornelius Hell: "Eiserner Wolf im barocken Labyrinth"

Schauspieler, Sänger und Theaterregisseur Siemen Rühaak entführt uns in den radioTexten nach Vilnius, die Hauptstadt Litauens.

Der Schauspieler Siemen Rühaak liest am Dienstag, 21. März 2017 in den radioTexten um kurz nach 21.00 Uhr aus Cornelius Hells Spaziergängen durch Vilnius.

Moderation: Antonio Pellegrino

Studiogast: Cornelius Hell, der fünf der 26 litauischen Neuerscheinungen, die auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt werden, ins Deutsche übertragen hat.

"Der eiserne Wolf im barocken Labyrinth. Erwachendes Vilnius" ist im Picus Verlag erschienen.

Die Sendung steht Ihnen als Podcast, Stream und in der Bayern2-App zur Verfügung.


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