Bayern 2 - radioTexte


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Amanda Lee Koe "Ministerium für öffentliche Erregung"

Voller Empathie für das Leben und die Menschen sind die 14 Stories, die unter dem Titel "Ministerium für öffentliche Erregung" versammelt sind. Genau das Gegenteil, das die Metropole Singapur mit ihrer Cleanness und auf Kapital ausgerichteten Gesellschaft ausstrahlt. "Erregung" ist dort nicht gewünscht. Geschichten, zart und direkt, melancholisch, voll emotionaler Tiefe und schräger Typen, die nicht viel Platz haben in diesem straff durchorganisierten, streng regierten Stadt-Staat. In Amanda Lee Koes Kurzgeschichten spricht die Empathie.

Stand: 05.12.2016

Amanda Lee Koe | Bild: Kirsten Tan

Deddy Haikel, ein Popmusiker aus Singapur

Singapur ist eine Stadt der Superlative. Sie ist die sauberste Stadt, sie hat am meisten Verbotsschilder, gehört zu den zehn Städten der Welt, die am meisten Touristen haben und sie gehört zu den zehn teuersten Städten der Welt. Hier hat das Kaisu-Konzept seine Wiege, dass man immer der Beste sein will und Angst hat zu verlieren, eine gedrillte Gesellschaft, in der alles der Staat regelt, schon ein kleines Blatt auf dem Boden erregt Ärgernis. Auf dieser Folie zeichnet Amanda Lee Koe ihre Charaktere. Sie erzählt von Außenseitern und Querköpfen, von unglücklich Liebenden und vom Zusammenleben unterschiedlicher Ethnien, von reichen Chinesen und künstlerisch begabten Malaien, wie etwa Deddy Haikel, der sich in Ling Ko Mui, den heißen Feger von Flamingo Valley, verliebt hat.

"Flamingo Valley"

Singapur, die Stadt mit den meisten Verbotsschildern

"Du bist ein Niemand, hatte mir der Kaufmannssohn ins Ohr gesagt, als mich seine Männer festhielten. Du bist ein Nichtsnutz, der den ganzen Tag unter den Palmen im Schatten sitzt, abends vor zehn Leuten in einem Pub dumme Lieder spielt. Wenn ich dich hier noch mal sehe, findest du den Kopf eines Schweins vor der Tür deines Vaters. Meine Männer sind überall: Wenn du mit ihr sprichst, hast du am nächsten Morgen einen parang in deinen Nieren stecken – glaub nicht, dass ich das nicht durchziehe. Er trat meine Gitarre kaputt und spuckte mir ins Gesicht. - Hast du auch nur eine Sekunde geglaubt, dass sie wirklich mit einem malaiischen Jungen zusammen sein würde?
Da wusste ich, dass ich es schaffen musste. Meine Gitarre war mein Leben. Ich stahl Geld aus einer chinesischen Apotheke und kaufte mir eine neue, übte tagein, tagaus."
aus: "Ministerium für öffentliche Erregung"

Und Deddy Haikel schafft es, wird ein berühmter Popstar in Singapur. Der heiße Feger vom "Flamingo Valley", jenem künstlich angelegten, exklusiven Wohnviertel in Singapur, heiratet aber standesgemäß, einen reichen Chinesen samt Rolls Royce. Jahrzehnte später trifft sich das einstige Liebespaar wieder, in einer Pflegestation. Deddy Haikel nach zwei Herzinfarkten, Ling Ko Mui in geistiger Verwirrung.

Amanda Lee Koe unterwegs in Singapur

"Es gibt Dinge, die sich durch die Nebelschwaden der Erinnerung kämpfen, es gibt Dinge, die man mit sich herumträgt, die unwichtig sind, die einen herunterziehen, aber man wird sie nicht los, und es gibt nur eine Möglichkeit, sie über Bord zu werfen, nämlich selbst über die Planke zu gehen."

Amanda Lee Koe

Literatur-Star Amanda Lee Koe im "Offenen Buch"

Der Debüt-Band "Ministerium für öffentliche Erregung" von Amanda Lee Koe, dem Shootingstar der Literaturszene, wurde ein Jahr nach seinem Erscheinen zu den zehn besten englischsprachigen Büchern Singapurs der letzten 50 Jahre gewählt. Am Sonntag, dem 11. Dezember, spricht sie mit Cornelia Zetzsche über ihre Geburtsstadt Singapur, über das Leben dort und über ihr Schreiben. Der Schauspieler Wolfgang Maria Bauer liest die erste der vierzehn Geschichten mit dem Titel "Flamingo-Valley" und folgt dem malaiischen Musiker durch sein Leben. "radioTexte - Das offene Buch", jeden Sonntag um 11 Uhr auf Bayern 2. Regie: Eva Demmelhuber, Redaktion und Moderation: Cornelia Zetzsche

Amanda Lee Koe

Amanda Lee Koe wurde 1987 in Singapur geboren. Da gab es das "National Theatre" schon gar nicht mehr, in dem ihr Protagonist Deddy Haikel auftrat und wegen des Abrisses, seinen ersten Herzinfarkt bekam. Das Theater, das fast 4000 Leute fasste und in dem Legenden wie Louis Armstrong, Shirley Bassey oder The Bee Gees auftraten, musste 1986 einer Schnellbahn weichen. Amanda Lee Koe wuchs in einer fast "bücherlosen" Familie auf. Auch das Schulsystem in Singapur ist sehr zielorientiert, lässt künstlerischer Freiheit und Phantasie keinen Platz, trotzdem entdeckte sie eines Tages das Schreiben für sich.
Amanda Lee Koe lebt in Singapur und New York. Sie arbeitet als Herausgeberin ihres eigenen Literaturjournals Ceriph, für das Designstudio StudioKelaido sowie als Literaturredakteurin für den Esquire. 2013 war sie "Honorary Fellow des Iowa International Writing Program". Für den im gleichen Jahr erschienenen Kurzgeschichtenband wurde sie 2014 mit dem Singapore Literature Prize for English Fiction ausgezeichnet und 2016 mit dem Singapore Book Award for Best Fiction. 2014 stand Amanda Lee Koe auf der Longlist für den Frank O’Connor International Short Story Award.

Unterwegs in Singapur


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