Bayern 2 - radioTexte


92

Marie Luise Kaschnitz-Preis Michael Köhlmeier: "Der Mann, der Verlorenes wiederfindet"

Im Juli erscheint Michael Köhlmeiers neues Buch über den Heiligen Antonius, den begabten Prediger, der 30000 Menschen fesseln konnte, ein Megastar des 13. Jahrhunderts, zwischen Fiktion und Historie hinreissend erzählt in bester Köhlmeier-Manier. Für sein Gesamtwerk wird ihm nun am 21. Mai der "Marie Luise Kaschnitz-Preis" verliehen: Er sei "ein meisterhafter Erzähler, der von Buch zu Buch auf ebenso unterhaltsame wie hoch intelligente, traditionsbewusste wie eigensinnig-tollkühne Weise in grenzenlose Welten führt". Ausschnitte und ein Gespräch mit dem Autor gibt es vorab im "Offenen Buch".

Stand: 16.05.2017

Michael Köhlmeier | Bild: picture-alliance/dpa

Ein großartiger Erzähler ist Michael Köhlmeier; in seinen Sätzen, seiner Sprache schwebt ein musikalischer Zauber, von ganz eigenem Klang und Farbe. Manchmal ironisch, verspielt, dann wieder zart, berührend, artifiziell. Für sein vielfältiges Gesamtwerk, das 1982 mit der herrlich komischen Reise durch Toni Peverls Kopf begann, eine Sprachverdreher-Abenteuer-Reise, und über Hörspiele, Theaterstücke, Drehbücher, Erzählungen, Novellen und Romanen bis zu seinem neuesten Werk: "Der Mann, der Verlorenes wiederfindet" alles beinhaltet, was Sprache und geschriebenes Wort hergibt. Vielfältig ist sein Werk, für das der 1942 in Hard am Bodensee geborene Schriftsteller nun von der Evangelischen Akademie in Tutzing mit dem Marie Luise Kaschnitz-Literaturpreis ausgezeichnet wird.

"Michael Köhlmeier ist ein meisterhafter Erzähler, der von Buch zu Buch auf ebenso unterhaltsame wie hoch intelligente, traditionsbewusste wie eigensinnig-tollkühne Weise seine Leserinnen und Leser in grenzenlose Welten führt. In Romanen wie 'Abendland' (2007), 'Die Abenteuer des Joel Spazierer' (2008) oder 'Zwei Herren am Strand' (2014) treten teils historisch verbürgerte, teils frei erfundene Figuren auf, die sich als Abenteurer, Künstler, Historiker, Politiker, Schauspieler, Hochstapler, Musik- oder Naturwissenschaftler durch ein rasantes, mythenträchtiges, glanzvolles und verkommenes 20. Jahrhundert bewegen. Sein 2016 erschienener Roman 'Das  Mädchen mit dem Fingerhut' erzählt auf anrührende Weise von einem geflüchteten Geschöpf, das in einer ihm fremden Welt nach Orientierung sucht. Michael Köhlmeier erhält den Preis für sein Gesamtwerk."

Jury des Marie Luise Kaschnitz-Literaturpreises

Der große Erzähler

Von Homer über die Bibel und die Nibelungensage bis zu Shakespeare, seine Nacherzählungen antiker und klassischer Stoffe sind legendär, seine Verquickung von historischen Fakten mit Fiktion nicht minder. Wie zum Beispiel in dem Roman "Zwei Männer am Strand", in dem er Winston Churchill und Charlie Chaplin, zwei sehr unterschiedliche Giganten ihrer Zeit, eine Pfadfinder-Freundschaft andichtet, in der sie sich versprechen, wenn der "schwarze Hund", die Depression, ihr Leben wieder einmal verdüstert, sich gegenseitig zu Hilfe zu eilen, so phantasiert der Erzählkünstler nun in seinem neuesten Werk "Der Mann, der Verlorenes wiederfindet" dem Heiligen Antonius eine Geschichte hinzu, einem Mann, von dem man fast nichts weiß. Wie waren seine letzten Tage in Padua, wie war das Leben des begnadeten Predigers, was trieb ihn und was suchte er? Wer war der Megastar des 13. Jahrhunderts?

"Das Eselswunder des heiligen Antonius von Padua", Gemälde von D.Beccafumi

"Zu den Fischen habe er gepredigt in Rimini, und die Fische hätten Wort für Wort seine Predigt mit ihren Mäulern nachgebildet, und Wochen danach habe ein Fischer einen Karpfen gefangen, von dessen Schnappen man Wort für Wort die Mahnungen des Heiligen habe ablesen können; mit Hilfe solcher Methoden sei die Botschaft des Evangeliums noch nie verbreitet worden."

aus: 'Der Mann, der Verlorenes wiederfindet'

Bei seiner letzten Predigt in Camposampiero war Antonius zusammengebrochen. Auf seine Bitte hin bringt man ihn nach Padua, doch der Pferdewagen hält schon auf Anraten der Padres in Arcella, wo er auf der Piazza auf einer Pritsche mitten in der gleissenden Sonne liegt, umringt von 3000 Leuten, die seiner Predigt gelauscht hatten und ihm gefolgt waren. Hier lag er und schaute in den Himmel und erinnerte sich an seine erste Predigt in der Kirche San Mercuriale in Forlì.

Erscheint am 24. Juli bei Hanser

"Die Erinnerung an seinen ersten Triumph, den schönsten, war ein Tanz der Verehrung. Er verehrte den, der in San Mercuriale von der Kanzel herab gesprochen hatte, und er durfte es tun, ohne sich selbst der Eitelkeit zu bezichtigen, denn nicht er war es gewesen, sondern ein anderer, der sich seine Zunge und seine Stimmbänder ausgeliehen und sich ihrer bedient hatte. Alle Predigten nach dieser ersten waren Nachahmungen gewesen. Er hatte dem nachgeeifert, der er gewesen war, ohne damals zu wissen, wer er war in dieser Stunde auf der Kanzel. Auch erinnerte er sich nicht, was er gesagt hatte; nur, dass er keine seiner vorbereiteten Wendungen gebraucht hatte, daran erinnerte er sich. Er war außer sich gewesen und hatte sein Haus einem anderen überlassen."

aus: 'Der Mann, der Verlorenes wiederfindet'

Ausschnitte aus der Novelle "Der Mann, der Verlorenes wiederfindet" vorab auf Bayern 2

Am Sonntag, dem 21. Mai, liest Michael Köhlmeier Auszüge aus seiner neuen Novelle über den Heiligen Antonius von Padua, die am 24. Juli bei Hanser erscheint und erzählt im Studio vom Schreiben und der Kunst des Erzählens, während ihn die Evangelische Akademie in Tutzing vom 19. bis zum 21. Mai für sein Lebenswerk mit dem Marieluise-Kaschnitz-Preis ehrt.
radioTexte - Das offene Buch, jeden Sonntag um 11 Uhr auf Bayern 2.
Redaktion und Moderation: Cornelia Zetzsche

Die wichtigsten Werke

Auszeichnungen (Auswahl)

Als Finalist beim Deutschen Buchpreis 2007

1976 Nachwuchsstipendium für Literatur des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst
1983 Rauriser Literaturpreis
1988 Johann-Peter-Hebel-Preis
1993 ORF-Hörspielpreis
1993 Manès-Sperber Preis
1997 Grimmelshausen-Preis
2007 Österreichischer Würdigungspreis
2007 Finalist für den Deutschen Buchpreis
2008 Bodensee-Literaturpreis
2011 Buch des Monats Dt. Akademie für Kinder- und Jugendliteratur
2014 Dr.-Toni-Russ-Preis
2014 Walter-Hasenclever-Literaturpreis
2014 Humanismuspreis des Deutschen Altphilologenverbands
2015 Düsseldorfer Literaturpreis
2015 Preis der Literatour Nord
2016 Österreichisches Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst
2017 Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung
2017 Marie-Luise-Kaschnitz-Preis


92