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In memoriam Joachim Kaiser - im Bergwerk des Zauberers

Kulturkritiker aus Berufung, Universalgelehrter, intellektuelle Instanz: Zur Erinnerung an Joachim Kaiser eine Sendung, in der er erklärt, warum Thomas Manns "Der Zauberberg" zu seinen ersten Leseerlebnissen gehörte.

Stand: 12.05.2017

Kulturkritiker Joachim Kaiser | Bild: picture-alliance/dpa

"So wie er Partituren lesen kann, so kann er auch Texte lesen und fängt nicht gleich mit dem Überbau an, mit der Ideologie der Literatur, sondern geht immer auch sehr handwerklich an diese Sachen heran. Das habe ich an ihm immer sehr geschätzt, dass er eine große Hochachtung vor dem Schreiben hat. Und sein musikalisches Ohr hat ihm die Möglichkeit gegeben, die Textur eines Textes zu begreifen."

Der Autor und Verleger Michael Krüger über Joachim Kaiser

Stationen eines Kritikers

Seine Laufbahn begann mit einem Paukenschlag. Als sich 1951 keiner imstande sah, Theodor W. Adornos Buch "Musik und Katastrophe. Über die Philosophie der Neuen Musik" zu besprechen, griff der 23-jährige Joachim Kaiser kurzerhand zur Feder und verfasste seine erste Rezension. Was danach folgte: Adornos Einladung, seine Mitarbeit bei den "Frankfurter Heften", die "Gruppe 47", die Begegnungen mit Ingeborg Bachmann, Gustaf Gründgens, Fritz Kortner, Artur Rubinstein, Maria Callas, Leonard Bernstein, Günter Grass, Anne-Sophie Mutter, Christoph Schlingensief, seine zahlreichen Bücher über Musik, Theater und Literatur - das sind mehr als Stationen eines erfolgreichen publizistischen Lebens.

"Da offensichtlich das Talent, sich über Musik zu äußern, ein selteneres und für nicht Fachleute und für nicht Musiker ein verwunderlicheres ist als das Talent mit Worten auf Worte zu reagieren, wurde ich als Musikkritiker viel bekannter und noch viel mehr gemocht, denn als Literatur- oder Theaterkritiker. Obwohl ich immer finde, dass meine Literaturkritiken mindestens so gut sind, wie die Sachen die ich über Musik schreibe."

Jochaim Kaiser im Gespräch mit Antonio Pellegrino

Das Radio als Zuhause

Joachim Kaiser Werdegang ist unzertrennlich mit der ereignisreichen Kulturgeschichte des Nachkriegsdeutschlands verbunden, die er entscheidend beeinflusst hat. Und bis heute begeisterte er mit seinen Kenntnissen und gelungenen Urteilen weit über die Grenze Deutschlands hinaus Künstler, Kritiker Kollegen, Leser und Radio-Hörer. Seine berühmten Reihen "Kaiser's Corner", "Wie ich sie sah", die literarische Raterunde "Wer war's", die "Zeitschriftenschau" und "Der Treffpunkt", die er für den Bayerischen Rundfunk - und vor allem für das Nachtstudio - jahrelang moderierte, gehörten zu den beliebtesten Radio-Sendungen. "Ich muss eine Stimme haben, der die Leute gerne zuhören. Dabei erinnert sie mich an einen Tilsiter Hafenarbeiter", sagte er nicht ohne Koketterie, und fügte hinzu: "Wer sich über Kunst äußert, sollte es so tun, dass es jeder verstehen kann". Die Hörer wussten es zu schätzen, wenn dieser "1945er-Demokrat" (wie er sich selbst definierte) komplizierte Werke für jeden sinnlich erfahrbar erklärt und erläutert und dabei stets auf die von ihm eingeforderte "Werktreue" hinwies.

"Jeder Rundfunkvortrag ist unter anderem eine erotische Angelegenheit. Man muss ein bisschen den Gegenstand lieben über den man spricht und man muss auch die Menschen lieben, zu denen man spricht. Nun kann man sich zum Eros weiß Gott nicht zwingen, aber es gibt doch Gott wer weiß wieviele schlaue Menschen, bei denen man sich zu Tode langweilt. Und es gibt andere, denen man ganz gerne zuhört. Wenn meine Stimme auf manche Hörer so wirkt, dass sie gerne zuhören, dann ist das ein großes Geschenk."

Joachim Kaiser im Gespräch mit Antonio Pellegrino

Joachim Kaiser, geb. 1928 in Milken/Ostpreußen. Nach der Flucht aus Ostpreußen zu Kriegsende Besuch des Gymnasiums in Hamburg. Studium des Musikwissenschaft, Germanistik, Philosophie und Soziologie in Göttingen, Frankfurt a.M. und Tübingen. 1951 Beginn der journalistischen Laufbahn als Theater-, Literatur- und Musikkritiker. Auf Einladung von Hans Werner Richter ab 1953 Teilnahme an den Treffen der Gruppe 47. 1958 Abschluss der Promotion über „Grillprazers dramatischen Stil“. Ab 1959 in der Kulturredaktion der Süddeutschen Zeitung. Publikationen u.a. zu wegweisenden Pianisten, Entwicklungen in der Klavierkunst und zum Werk Richard Wagners. Zahlreiche Auftritte im Fernsehen und im Hörfunk. Am 11. Mai 2017 ist Joachim Kaiser in München gestorben.

Im Bergwerk des Zauberers

Joachim Kaiser Im Gespräch mit Antonio Pellegrino
über Thomas Manns "Der Zauberberg"
Lesung: Thomas Loibl
BR 2009


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