Bayern 2 - radioTexte


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Heiko Ruprecht liest "Ein Monat auf dem Land" von Joseph Lloyd Carr

Stotternd und mit ständigen Zuckungen im Gesicht kehrt Tom Birkin aus dem Ersten Weltkrieg zurück. Seine Frau verlässt ihn. Der Restaurator lässt London für einen Sommer hinter sich und nimmt einen Auftrag in Oxgodby an. Das Dörfchen in Nordengland wird ihm zu einer "Oase des Friedens". Heiko Ruprecht liest die Geschichte des britischen Schriftstellers Joseph Lloyd Carr, die die Kritiker zum Schwärmen brachte, als sie endlich auch auf Deutsch erschien.

Stand: 13.04.2017

J. L. Carr "Ein Monat auf dem Land" | Bild: DuMont

Heute bekommen traumatisierte Soldaten, wenn sie Glück haben, eine Psychotherapie. Restaurator Tom Birkin, Mitte zwanzig, versucht allein auf dem Land die Hölle der Schützengräben des Ersten Weltkriegs hinter sich zu lassen. Und das funktioniert. Vor allem auch wegen seiner Tätigkeit dort, die ihn voll in Anspruch nimmt. Er hat den Auftrag, ein mittelalterliches Fresko des Jüngsten Gerichts, das jahrhundertelang unter Schmutz und dilettantisch aufgetragenen Farbschichten verborgen war, freizulegen. Nicht, dass eine kunstsinnige Dorfgemeinschaft ihn bestellt hätte - die Restauration ist Bedingung für eine Erbschaft, in deren Genuss die Kirchengemeinde kommen will. Die Ankunft in dem winzigen Dorf ist ernüchternd, es regnet in Strömen. Aber schon als Tom Birkin am ersten Morgen in seinem Quartier im Glockenturm aufwacht, schöpft er neue Hoffnung.

"Das Wunderbare war indes, dass ich in dieser Oase des Friedens gelandet war und mir einen Sommer lang über nichts anderes den Kopf zerbrechen müsste, als dieses Wandgemälde freizulegen. Und wer weiß, vielleicht könnte ich anschließend einen Neuanfang machen und vergessen, was der Krieg und die Streitereien mit Vinny bei mir angerichtet hatten, und ein neues Kapitel in meinem Leben auf- schlagen. Das war es, was ich brauchte, dachte ich – einen Neuanfang, und hinterher würde ich vielleicht kein allzu Versehrter mehr sein. Nun, die Hoffnung hält uns aufrecht."

aus: Ein Monat auf dem Land

Zwei Dorf-Fremde werden Freunde

Zuversicht flößt ihm bald auch der ebenfalls von Auswärts angereiste Archäologe Charles Moon ein, der neben der Kirche Grabungen macht - ebenfalls beauftragt von den Testamentvollstreckern - und bereits Fundamente einer etwa 600 Jahre alten Kapelle aufgespürt hat. Auch Moon ist Soldat gewesen und lockt den sichtlich versehrten Birkin bald entschlossen aus seinem Schneckenhaus, bringt ihn zum Reden. Auch die Dorfbewohner - zunächst sehr skeptisch und distanziert - kommen näher, klettern aufs Gerüst, reden mit dem Restaurator und versorgen ihn schließlich mit allerlei Köstlichkeiten. Es war nicht zuletzt der Pfarrer, der sie Sonntags von der Kanzel aus dazu gebracht hat:

J.L.Carr; Ein Monat auf dem Land

"... jedenfalls schickte sie mir jedes Mal einen Happen von dem, was in ihrer Küche gerade hervorgebracht worden war - Hasenpastete, ein paar Scheiben Johannisbeer-Teekuchen, zwei, drei Quarktörtchen. Und so wurde im Lauf dieser Wochen einem begeistert applaudierenden Londoner con bravura ein großartiges Spektrum North Riding’scher Spezialitäten präsentiert, Gerichte, die Mrs. Ellerbeck ihrer Mutter zuzubereiten geholfen hatte, und die wiederum ihrer Mutter, und die … Hin und wieder teilte ich diese großzügigen Gaben mit Moon, der es wieder einmal auf den Punkt brachte – indem wir das äßen, betrieben wir eine Art Einwegarchäologie."

aus: Ein Monat auf dem Land

Eine Idylle - aus der Ferne betrachtet

Joseph Lloyd Carr (1912-1994) legt diese rührende Geschichte von den heilenden Kräften der Provinz Tom Birkin selbst in den Mund, der das Ganze als Ich-Erzähler munter Revue passieren lässt: aus einer Distanz von fast 60 Jahren, durch und durch wohlwollend skeptisch und immer wieder ironisch gebrochen.

Joseph Lloyd Carr war eigentlich Lehrer. Erst mit 50 veröffentlichte er seinen ersten Roman "A Day in Summer" und zog sich schließlich als Schriftsteller und Kleinverleger zurück. "Ein Monat auf dem Land" war Carrs Meisterwerk, das 1980 für den Booker Prize nominiert war und  mit dem damals noch unbekannten Colin Firth verfilmt wurde. Erst 2016 veröffentlichte der DuMont Verlag die erste deutsche Übersetzung des schmalen Bändchens. "Beglückend", "ergreifend", "ein schmaler Band, der lange nachwirkt", "von Eleganz und Einfachheit" jubelten die Kritiker.

radioTexte

Joseph Lloyd Carr: "Ein Monat auf dem Land", aus dem Englischen von Monika Klöpfer, 144 Seiten, DuMont Verlag, 18 Euro.

Lesung in fünf Teilen: Heiko Ruprecht
Regie:
Irene Schuck
Moderation: Judith Heitkamp

Die fünf Teile hören Sie in den radioTexten am Donnerstag zwischen dem 23. März und dem 20. April, jeweils 21:.05 Uhr auf Bayern 2

Die ungekürzte Fassung der Lesung ist als Hörbuch auf 4 CDs im Audio Verlag erschienen.


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