Bayern 2 - radioTexte


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Literarische Heimatsuche Wie viel Heimat verträgt der Mensch?

Heimat ist ein brüchiger Begriff geworden in Zeiten der Globalisierung, der Flüchtlingsströme, der erzwungenen oder ersehnten Wohnorts- und Sprachenwechsel. Welche Worte finden Literaten dazu? Anmerkungen von Heimatdichtern, Weltautoren und heimatlosen Migranten in den radioTexten am Dienstag

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 10.12.2015

Ein Koffer in der Wüste | Bild: picture-alliance/dpa

"Heimat nennt man das Land, wo man geboren ist. Jeder Mensch fühlt in seiner Brust ein mächtiges Gefühl, welches ihn zu dem Land hinzieht, in welchem er seine Kindheit und Jugendzeit verlebte. Dieses Gefühl ist bei einzelnen Menschen und unter einzelnen Völkern, namentlich Gebirgsbewohnern, zuweilen so stark, dass aus der unbefriedigten Sehnsucht nach dem theuren Heimatlande ein krankhafter Zustand entsteht, den man Heimweh nennt."

(Definition von Heimat im Bilder-Conversations-Lexikon für das deutsche Volk aus dem Jahr 1838)

“Patria est, ubicumque est bene - wo immer es gut geht, das ist Vaterland”, schreibt Cicero in seinen “Tusculanischen Gesprächen” und weiß, wovon er redet, wenn er den Begriff “patria” benutzt. Er musste viele Jahre im Exil verbringen. Trotz der scheinbar so nonchalant formulierten Sentenz litt der Philosoph in der Fremde. Zu groß war seine Sehnsucht nach seiner Heimatstadt Rom.

“Weh´ dem, der keine Heimat hat”, lautet der letzte Vers in einem Gedicht von Friedrich Nietzsche aus dem Jahr 1884, der im Herbst jenes Jahres eine schwierige Lebensphase durchlebte. Während der Heimatdichter Ludwig Thomas sich glücklich schätzen konnte, weil “viel Heimat” um ihn herum war, wie Professor Albert Scharf in seinem Aufsatz „Heimat in einer globalisierten Welt“ schreibt. Scharf, der überzeugte Europäer und vielfach ausgezeichnete Medienmanager war u.a. Vorsitzender der ARD (1995-1997), Präsident und Rektor der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film sowie zwölf Jahre lang Intendant des Bayerischen Rundfunks (1990-2002).

Daheim im "Global Village"?

Kritische Fragen zum mobilen Leben in der globalisierten Welt stellt der Münchner Professor Albert Scharf.

Zum Begriff Heimat begibt sich Albert Scharf in seinem Essay auf philosophische, literarische und kulturhistorische Spurensuche und warnt im Hinblick auf die schillernde Idee des "Global Village" vor einem "fremdbestimmten Allerweltseinerlei". Wo sind wir denn heute "daheim?", führt der 1934 in München geborene Scharf kritisch aus. "Global allüberall? Sicher nicht. Irgendwo oder nirgendwo? Nirgendwo ist die Übersetzung von Utopie. Heimat ist aber eine Realität." Scharf verweist u.a. auf Rüdiger Safranskis Essay aus dem Jahr 2003 mit dem Titel "Wie viel Globalisierung verträgt ein Mensch?", in dem der Philosoph klarstellt, dass der Mensch "Ortsfestigkeit" brauche, um "in sich und für sich selbst ein Universum gestalten" zu können.

"Spätestens in einer Krise, wenn uns Sorgen überfallen, wenn das Leben unsicher wird, braucht man Grund und Halt, wie sie nur der Lebensbereich bietet, dem man nach Geburt und Geschichte, nach Sinnesart und Lebensweise verbunden ist - die Heimat eben, die in Sprache, Musik, Baugesinnung, Brauchtum, in der Art, das Leben im Jahreslauf zu leben, in der Art, zu arbeiten und zu feiern, Gemeinschaft stiftet, Identität schafft."

(Heimat in einer globalisierten Welt, Albert Scharf)

Heimat - muss das sein?

"Landschaften aus Menschen und Tagen", Gedichte von Gino Chiellino

Mal anders gefragt: Kann das Fremdsein, “die Heimat los sein”, wie es die preisgekrönte Dramatikerin Kerstin Specht formuliert, auch ein Gewinn sein, vielleicht sogar eine Voraussetzung, quasi Start- und/oder Landebahn für jede Form von Kunst?

Und wie gelingt einem das Ankommen in der Fremde, in der fremden Sprache, die insbesonders für Schriftsteller eine Herausforderung darstellt? Der italienischen Lyriker und Literaturwissenschaftler Gino Chiellino ("Literatur und Identität in der Fremde", "Schreiben in der Fremde"), der sich als "interkulturellen Schriftsteller in deutscher Sprache" bezeichnet und seit Jahrzehnten in Augsburg lebt, hatte sich kurz nach seiner Ankunft in Deutschland 1969 die fremde Sprache durch das Schreiben bald so zu eigen machen können, dass er sich mit ihr "wohlfühlen" konnte. Und die Literaten der nächsten Generation?

Ankommen in der Fremde

Die in München lebende Schriftstellerin Lena Gorelik, fotografiert auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse

"Als wäre mir der Boden unter den Füßen weggerissen", so fühlte sich Lena Gorelik bei ihrer Ankunft 1992 in Deutschland. Mit elf Jahren kam sie, 1981 im heutigen St. Petersburg geboren, als "Kontingentflüchtling" mit ihrer russisch-jüdischen Familie hierher. Nach ihrer Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München absolvierte sie den Elitestudiengang „Osteuropastudien“. Ihre gelobten und preisgekrönten Bücher reflektieren teilweise ihre Biografie: Lena Gorelik thematisiert die Geschichte Russlands und Israels, den jüdischen Glauben, den Neuanfang in einer fremden Kultur. In diesem Jahr erschien ihr neuer Roman "Null bis unendlich" (Rowohlt Verlag), ein Buch über einen deutschen Außenseiter und eine Außenseiterin aus Jugoslawien.

Wie viel Heimat verträgt der Mensch?

Heimatdichter und heimatlose Migranten
auf der Suche nach Heimatspuren 

am 15. Dezember 2015, kurz nach 21.00 Uhr
in den radioTexten am Dienstag auf Bayern2

Sprecher Friedrich Schloffer im Studio

Mit Geschichten, Gedichten und Gedanken zwischen Heimat und Fernweh, Dorf und Global Village von Ehab Aziz, Gino Chiellino, Lena Gorelik, Antonio Pellegrino, Albert Scharf, Kerstin Specht und Eleni Torossi

Lesungen mit Kerstin Specht, Thomas Lettow, Friedrich Schloffer und Stefan Wilkening

Moderation: Antonio Pellegrino

Die Sendung können Sie natürlich nachhören oder kostenlos herunterladen - auf dieser Seite oder im Podcastfach der radioTexte.


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