Bayern 2 - radioTexte


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Zukunft jenseits der Menschheit Yuval Noah Harari: Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen (1–3)

Der Mensch ist Homo Deus: gottgleich, mächtig, schöpferisch und bald sogar dazu fähig, den Tod abzuschaffen. Aber auf dem Weg dorthin hat er Technologien und künstliche Intelligenzen erfunden, die ihn bald übertreffen werden, sagt der Historiker Yuval Noah Harari. Werden sie ihn auch abschaffen?

Stand: 30.03.2017

Homo Deus

Der Mensch hat viel erreicht. Krankheiten sind besiegt, Kriege gehen zurück, Wohlstand und hohe Lebensqualität herrschen vielerorts. Längst hat der Mensch seine Geschicke selbst in die Hand genommen, sich die Natur nutzbar und sich selbst zum Zentrum seiner ideologischen oder religiösen Anstrengungen gemacht. Nicht zuletzt arbeitet er daran, auch noch den Tod zu überwinden. Weit davon ist der Mensch nicht mehr entfernt, sagt der israelische Historiker Yuval Harari, der schon in seinem Bestseller „Eine Kurze Geschichte der Menschheit“ die Karriere des Menschen bis kurz vor ihr Ende nachvollzog und jetzt in seinem neuen Buch „Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen“ in die Zukunft blickt. Dort findet er einen gottgleichen Menschen, der durch Wissenschaft und Technologien eine bisher ungekannte Macht erlangt hat, die sich aber zu verselbständigen droht.

Künstliche Intelligenz und neue Klassengesellschaft

Yuval Noah Harari und Antonio Pellegrino im Gespräch.

Ganz in der Tradition von Science-Fiction-Erzählungen, aber doch als sehr reale Zukunftsvorstellung entwickelt, werden nach Harari künstliche Intelligenzen, die unabhängig von Formen des Bewusstseins funktionieren, schlauer, schneller und lebensfähiger sein als der Mensch, der längst nur noch als Datenprozessor konzipiert wird. Dieser kann dann nur hoffen, dass die zukünftigen Computer oder Mensch-Maschinen-Hybride freundlicher mit ihm umgehen, als er es heute mit den Tieren tut. Die Menschheit wird sich ohnehin in zwei Lager spalten. Auf der einen Seite eine technologisierte Elite mit unerschöpflicher Macht. Auf der anderen Seite die Klasse der Nutzlosen, denen aufgrund der technologischen Errungenschaften Arbeit und Sinn des Lebens genommen, aber der Genuss der virtuellen Realität gegeben wurde.

"Wie der Kapitalismus begann auch der Dataismus als neutrale wissenschaftliche Theorie, doch nun mutiert er zu einer Religion, die für sich in Anspruch nimmt, über richtig und falsch zu bestimmen. Oberster Wert dieser neuen Religion ist der Informationsfluss. Wenn Leben die Bewegung von Information ist und wir glauben, dass das Leben gut ist, folgt daraus, dass wir den Informationsfluss im Universum ausweiten, vertiefen und intensivieren sollten. Dem Dataismus zufolge sind menschliche Erfahrungen nicht heilig und Homo sapiens ist nicht die Krone der Schöpfung oder der Vorläufer irgendeines künftigen Homo deus. Menschen sind lediglich Instrumente, um das ‚Internet der Dinge’ zu schaffen, das sich letztlich vom Planeten Erde aus auf die gesamte Galaxie und sogar das gesamte Universum ausbreiten könnte. Dieses kosmische Datenverarbeitungssystem wäre dann wie Gott. Es wird überall sein und alles kontrollieren, und die Menschen sind dazu verdammt, darin aufzugehen."

Yuval Noah Harari, Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen

Dystopie als Appell?

Hararis Blick in die Zukunft ist universell, schonungslos und dystopisch. Die neuen Netzwerke und Machtkonstellationen erscheinen ihm unkontrollierbar von Staaten, Regierungen oder Politik allgemein. Die Autonomie des Individuums, Kern der humanistischen Idee, hat sich erledigt und Widerstand wird sich nicht mehr effektiv formieren lassen. Bleibt die Wahl zwischen affirmativer Bestätigung der Prozesse in einer neuen Religion, dem „Dataismus“, und einer vielleicht ganz vagen Hoffnung, dass „Zukunft“ zu einem gewissen Grade eben doch eines ist: ungewiss, nicht eindeutig vorher zu sehen und deshalb doch gestaltbar? Dieses kleine Stück Offenheit enthält möglicherweise auch den latenten Apell in Hararis Dystopie, nämlich dass wir es im Blick behalten und schon hier und jetzt damit beginnen sollten, es zu gestalten.

Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen

In seinem Buch "Eine kurze Geschichte der Menschheit" von 2011 vollzog Yuval Noah Harari die Menschheitsgeschichte nach bis kurz vor den Abgrund . Jetzt, in "Homo Deus", blickt er in die Zukunft, also tief in den Abgrund hinein.

Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn
C.H. Beck Verlag
München 2017, 576 Seiten

Der Autor

Yuval Noah Harari, geb. 1976 in Haifa, Israel. 2002 Promotion an der Oxford University. Aktuell lehrt er an der Hebrew University in Jerusalem Geschichte mit einem Schwerpunkt auf Weltgeschichte. Zunächst Publikationen militärhistorischer Studien. Sein Buch „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ von 2011 wurde in fast 40 Sprachen übersetzt, ein Erfolg, der ihm eine 14tägige Kolumne in der israelischen Tageszeitung Haaretz eintrug. Seit 2012 ist er Mitglied der Jungen israelischen Akademie der Wissenschaften.

radioTexte am Dienstag

Homo Deus
Eine Geschichte von Morgen 1–3

Von Yuval Noah Harari

Lesung in drei Teilen mit Christian Baumann
Redaktion und Moderation: Antonio Pellegrino

04.04.2017 / 11.04.2017 / 18.04.2017
Jeweils 21.05 Uhr auf Bayern 2

Die einzelnen Teile stehen nach den Sendungen zum Nachhören und zum Download bereit.


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