Bayern 2 - radioTexte


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"Zu Hause in der Ferne" Neue Essays des großen Historikers Fritz Stern

Als er im Alter von 18 Jahren Albert Einstein traf, riet dieser ihm, doch besser Medizin statt Geschichte zu studieren, denn Geschichte sei keine Wissenschaft. Fritz Stern ging nicht auf den Ratschlag des Nobelpreisträgers ein und gilt heute als einer der bedeutendsten amerikanischen Historiker deutscher Geschichte. In den radioTexten liest Siemen Rühaak aus Fritz Sterns neuem Essayband "Zu Hause in der Ferne".

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 29.01.2016

Er erlebte fünf Formen von Deutschland: die Weimarer Republik, das Dritte Reich, die Bundesrepublik, die DDR und das vereinigte Deutschland. Es ist nicht schwer, von Fritz Sterns Reflexionen darüber, von seinen Errungenschaften als Historiker und Brückenbauer oder auch von der Liste seiner Weggefährten, Freunde und Gesprächspartner beeindruckt zu sein. Benannt nach seinem Paten, dem Chemiker und Nobelpreisträger Fritz Haber und entfernt verwandt mit dem Nobelpreisträger für Physik Otto Stern, wuchs Fritz Stern, 1926 geboren, als Sohn eines Arztes und einer promovierten Physikerin in Breslau auf. 1938 gelang der jüdischen Familie die Flucht vor den Nazis in die USA, wo Fritz Stern 18-jährig Albert Einstein kennenlernen durfte, an der Columbia University studierte und seit den 1960er Jahren als Geschichtsprofessor in den USA und in Deutschland unterrichtete.

Seit 1976 waren Altbundeskanzler Helmut Schmidt und Fritz Stern befreundet, publizierten auch gemeinsam ein Buch.

Doch Fritz Stern tat mehr als das: Neben seiner über fünf Jahrzehnte umfassenden Lehrtätigkeit - mit dem Forschungsschwerpunkt zur deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts - setzte er sich auf internationalem politischem Parkett für eine "zweite Chance" für sein Geburtsland ein, konferierte dazu u.a. mit Margaret Thatcher. In den 90er Jahren beriet Stern den US-Botschafter in Bonn, Richard Holbrooke.

Fritz Sterns "Grübeleien" über seine verlassene Vergangenheit

"Deutsche Vergangenheit des 20. Jahrhunderts bleibt ein Vermächtnis von Katastrophen und ist daher eine ständige Herausforderung für Historiker."

(Fritz Stern, Zu Hause in der Ferne)

Darüber hinaus publizierte der u.a. mit dem Friedenspreis gewürdigte Historiker seit den 1950er Jahren zahlreiche Bücher zu seinen Lebensthemen: die deutsche Vergangenheit im 20. Jahrhundert, das deutsch-amerikanische Verhältnis, der Widerstand gegen das NS-Regime, Freiheit, Heimat und Exil sowie Reflexionen zu historischen Persönlichkeiten, die ihn bis heute faszinieren. All das spiegelt sich auch in Fritz Sterns neuester Veröffentlichung wider: "Zu Hause in der Ferne" ist eine Sammlung von historiographischen Essays über das Deutschland und Amerika des 20. Jahrhunderts, über Freiheit und Widerstand, über Heinrich Heine, Fritz Haber, Einstein, Willy Brandt und Ralf Dahrendorf.

"Heinrich Heine verstand Freiheitsliebe als Kerkerblume - im Kerker entbrennt diese Leidenschaft. Er hat es selbst gespürt. Über Jahrhunderte gab es in Europa eine Art geistigen Kerker. (...) Als Kind im Nationalsozialismus habe ich den Kerker von Außen und die Furcht vor ihm im Inneren selbst erlebt. Freiheit war die tiefe Glut im Leben, von braunem Schutt überlagert."

(Fritz Stern)

Heinrich Heine gehört zu Fritz Sterns Lieblingsautoren, wie er in einem seiner Essays verrät.

Ein Essay sei "ein Versuch, manchmal sogar ein Wagnis", schreibt der in New York lebende Stern im Vorwort. Er habe eine besondere Vorliebe für diese Gattung, in der sich ein Festhalten "am spontanen Einfall, ein ahnendes Grübeln, auf Kosten von langwieriger Vollkommenheit" manifestiere. Fritz Sterns aufs Papier gebrachte "Grübeleien" verbinden immer Historisches mit eigenen Reflexionen und persönlicher Chronik. So verrät er in einem der in den radioTexten vorgestellten Essays "Über Freiheit und Exil in Heinrich Heines Welt und in der unseren" seine große Liebe zu Heine und nimmt dessen Verhältnis zum Vaterland zum Anlass, über andere "europäische Kämpfer für die Emanzipation der Menschheit" und über das heutige Europa nachzudenken.

Inspiration Einstein

"Als 18-jähriger Student hatte ich das Glück, Albert Einstein zu treffen. Auf seine Frage, was ich denn studiere, gestand ich Unentschlossenheit, ob ich mit dem medizinischen Studium (...) fortfahren oder meiner Leidenschaft folgen und zu Geschichte und Literatur umsatteln sollte. Seine Antwort kam spontan: Das sei doch einfach: Medizin ist Wissenschaft, Geschichte ist es nicht, also Medizin. Ich bin seinem Rat nicht gefolgt..."

(Fritz Stern)

Fritz Stern erinnert an den "militanten Pazifisten" Albert Einstein, der zeitlebens seinen Ruhm für den Frieden einsetzte.

Der zweite Essay mit dem Titel "Einstein in verkannter Einsamkeit", den der Schauspieler Siemen Rühaak für die radioTexte am Dienstag liest, zeugt von Fritz Sterns großer Bewunderung für Albert Einstein, dessen Hauptanliegen "der Kampf um die Wahrheit" gewesen sei. Einsteins Wirken, dessen geäußerte Empfindungen als "entfremdeter Deutscher und ungewisser Weltbürger" wie auch der Wechsel in der öffentlichen Bewertung des Nobelpreisträgers fügen sich für Stern zusammen zu einem wichtigen "Lehrstück der Geschichte".

Als Historiker und als deutsch-amerikanischer Brückenbauer wurde Fritz Stern seit den 1980er Jahren mit unzählichen Ehrungen gewürdigt, sowohl in seiner alten, als auch in seiner neuen Heimat und gilt auf beiden Seiten des Atlantiks als politische und moralische Instanz. Der unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnete Professor der Columbia University in New York ist mehrfacher Ehrendoktor, u. a. an den Universitäten Oxford und Princeton.

Am 2. Februar wird Fritz Stern 90 Jahre alt - die radioTexte gratulieren!

"Zu Hause in der Ferne"

Historische Essays von Fritz Stern

Siemen Rühaak liest aus Fritz Sterns neuem Band "Zu Hause in der Ferne" zwei Essays über Heinrich Heine und Albert Einstein.

am 2. Februar 2016 um kurz nach 21.00 Uhr in den radioTexten am Dienstag auf Bayern2

Es lesen Siemen Rühaak, Friedrich Schloffer, Peter Weiß und Carsten Fabian.

Moderation: Antonio Pellegrino

Das Buch und das e-book "Zu Hause in der Ferne", aus dem Amerikanischen von Andrea Stumpf, ist im Verlag C.H.Beck erschienen.

Die Sendung können Sie auch als Podcast herunterladen oder im Stream nachhören.


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