Bayern 2 - radioTexte


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Lesung mit Durs Grünbein "Die Jahre im Zoo" - der Dichter und sein Dresden

Einer der größten deutschsprachigen Dichter öffnet seine "Büchse Erinnerung, ein altes Blech voller Regenwürmer", setzt Erinnerungspartikel zu Prosaversen und essayistischen Passagen zusammen. "Die Jahre im Zoo", so der Titel von Durs Grünbeins neuestem Werk, schildert die Kindheitsjahre des Dresdner Dichters, für den das "Tal der Ahnungslosen" prägender Ausgangspunkt war für seinen weiteren Lebensweg. In den radioTexten am Dienstag liest der Schriftsteller in zwei Folgen aus seiner atmosphärischen "Erinnerungsübung".

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 13.01.2016

"Alles auf Anfang. Und da stehst du nun wieder wie damals – !"

(Durs Grünbein)

Am Anfang steht ein Alptraum. Gleich auf den ersten Seiten seines neuen Werks "Die Jahre im Zoo" eröffnet Durs Grünbein, ein Jahr nach dem Mauerbau in Dresden geboren, Einblicke in mitunter dunkle Nächte seiner Kindheit. Damals wurde er von wiederkehrenden Alpträumen gequält, in denen der kleine Junge in seinem Kinderbettchen schutzlos dem düsteren Kosmos entgegenblickte. Sein Gehirn schien aus dem Zimmer auszulaufen in schwarze Unendlichkeit.  

"Ich war sieben, als die Gewißheit der Sterblichkeit mich streifte, das Gefühl des Ausgesetztseins im All."

(Die Jahre im Zoo, Durs Grünbein)

Bald aber kehrt die Kinderseele aus bösen Träumen und dem Weltall zurück auf realen Boden: Der heute berühmte und vielfach ausgezeichnete Dichter, Übersetzer und Essayist schildert in "kaleidoskopischer Prosa" und epischen Gedichten seine Kindheits- und Jugendjahre, die Durs Grünbein in Hellerau verbracht hat - Hellerau, die 1906 begründete Gartenstadt auf den nördlichen Hügeln oberhalb Dresdens. Vater, Mutter, Kind lebten damals, in den 1960er Jahren, unterm Dach eines vom Krieg verschont gebliebenen Mietshauses, die Großeltern wohnten im Erdgeschoss, gleich neben einem Fischwarenladen - der Grund für Durs Grünbeins bis heute anhaltende "stille Phobie" vor Fischgerichten.

"Hügelab, hügelan fuhr mit klapprigen Wagen die Straßenbahn, 
An blinden Fenstern vorbei, Häusern, geduldig wie Leguane. 
Ungute Stadt – der nichts geblieben war als ihr Schatten. 
In den Strombügeln spielte der Wind einen langsamen Satz. 
Dabei dachte er oft, an der Elbe zu angeln – die lag so nah. 
Nie was gefangen, doch die Fische im Laden taten ihm leid. 
Die Büchse Erinnerung, ein altes Blech voller Regenwürmer: 
Man öffnet sie, und Kindheit, das Erbärmliche, weht einen an."

(Die Jahre im Zoo, Durs Grünbein)

Diese "Erinnerungsübung" hat Durs Grünbein über Jahre hinweg beschäftigt, immer wieder fügte er aus "Splittern und Scherben" Vergangenheit zusammen. So entstand beispielsweise das Porträt über den Großvater, einem früheren Fleischhauer mit Ochsenkopf-Tattoo auf dem behaarten Arm, der viel Lebenszeit im Stehen verbringen musste und nunmehr, in den Kindheitsjahren des Dichters, zu einem stummen "Stoiker des Sitzens" geworden war und in den Fernseher dauerstarrte, mit einer Vorliebe für Sendungen über gefangen gesetzte Zoo-Tiere.

Kindheit am Rande des Kalten Krieges

Büchner-Preisträger Durs Grünbein im Gespräch mit Dramatiker und Laudator Heiner Müller 1995

Durs Grünbein wurde am 9. Oktober 1962 in Dresden geboren. Seit 1986 lebt er nach kurzzeitigem Studium in Berlin, als Dichter, Übersetzer und Essayist. 
Nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs führten ihn Reisen durch Europa, nach Südostasien und in die Vereinigten Staaten. Er war Gast des German Department der New York University und der Villa Aurora in Los Angeles.
Für sein Werk erhielt er mehrere Preise, darunter den Peter-Huchel-Preis, den Georg-Büchner-Preis, den Literaturpreis der Osterfestspiele Salzburg 2000, den Friedrich Nietzsche-Preis des Landes Sachsen-Anhalt 2004, den Berliner Literaturpreis 2006 verbunden mit der Heiner-Müller-Professur 2006, den Tomas-Tranströmer-Preis 2012 sowie das Große Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland 2009.
Seine Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt. 

Exkursionen in die Vergangenheit Dresdens

Grünbeins Erinnerungsbogen endet jedoch nicht bei Kindheitsträumen oder Anekdoten über seine Dresdner Familie. Er spannt den Bogen weiter, begibt sich in kühnen Sprüngen auf kulturgeschichtliche Exkursionen: zurück in die Vergangenheit seines als "Tal der Ahnungslosen" berüchtigten Geburtsorts beispielsweise, in dem Westfernsehen nicht mehr zu holen war. Er erzählt von einigen "Unbegreiflichkeiten" der DDR, diesem "rundum verschlossenen, neurotischen Land", das eine eigene Hochseeflotte unterhielt und seinen Indianerkult pflegte.

Blick auf die zerstörte Innenstadt Dresdens nach dem Bombenangriff im Februar 1945

Er tastet nach der Atmosphäre von Dresden als zerstörte, traumatisierte, dann besetzte Stadt, und erweckt ebenso Bilder von einem früheren, prächtigen Dresden als (kurze) Lebensstation von Kafka, Rilke oder Benn. Durs Grünbein verwebt elegant, variantenreich und stimmungsvoll Erinnerungspartikel mit historischen Fakten, Kindheitsreminiszenzen mit klugen Reflektionen - eine widersprüchliche und darum sehr nachfühlbare Liebeserklärung an diesen Erdenfleck am östlichen Rand Deutschlands.

"Die Jahre im Zoo"

von und mit Durs Grünbein

Autor Durs Grünbein und BR-Redakteur Antonio Pellegrino im Studio bei den Aufnahmen von "Die Jahre im Zoo"

am 19. und 26. Januar 2016 in den radioTexten am Dienstag, immer kurz nach 21.00 Uhr auf Bayern2

Moderation und Redaktion:
Antonio Pellegrino

"Die Jahre im Zoo. Ein Kaleidoskop" ist, mit 45 Abbildungen, im Suhrkamp Verlag erschienen. 

Unsere Sendung steht Ihnen selbstverständlich auch als Stream und als Podcast zur Verfügung.

Veranstaltungstipps:

Am Freitag, 29. Januar kommt Durs Grünbein nach Bayern: Im Rahmen des Literaturfestivals Bamberg wird er in der Gemeindebücherei Stegaurach aus seinem neuen Buch lesen. Und am Mittwoch, 24. Februar ist Durs Grünbein im Literaturhaus München zu Gast.


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