Bayern 2 - radioTexte


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Dreh einer Romanze "Praterveilchen" von Christopher Isherwood

Europa steht am Abgrund, und wir machen einen Film. Ein genialischer Regisseur zerbricht sich den Kopf über eine Schnulze. Große Aufregung. Hitler ergreift die Macht. Große Aufregung - und der Film wird trotzdem was. Christopher Isherwood erzählt in "Praterveilchen" von einem Schnulzendreh in finsteren Zeiten.

Stand: 11.02.2016

Christopher Isherwood | Bild: Rue des Archives/ RDA/ Süddeutsche Zeitung Photo

Eine reizende kleine Wiener Blumenverkäuferin verliebt sich im Prater unsterblich in einen Studenten, der sich als Rudolf vorstellt. In Wirklichkeit aber ist dieser Student ein veritabler Königssohn: der Kronprinz von Borodanien. Obwohl oder weil die Zeiten finster sind - Hitler ist gerade an die Macht gekommen - will der österreichische Regisseur Berthold Viertel diese sentimentale Romanze verfilmen. Viertel gewinnt den 1904 in High Lane, Cheshire, geborenen Christopher Isherwood dafür, das Drehbuch zu schreiben und handelt sich mit dem britischen Schriftsteller gleich auch einen subtilen und humorvollen Chronisten der Dreharbeiten und der politischen Lage der Zeit ein.

Berthold Viertel

"Praterveilchen", der 1945 auf Englisch ("Prater Violet") erschienene schmale Roman von Christopher Isherwood handelt von den Dreharbeiten an dem 1933 in London gedrehten Film "Praterveilchen" und vor allem von dem sehr eindrucksvollen, genialen Regisseur Berthold Viertel, im Roman Friedrich Bergmann genannt. Viertel alias Bergmann ist Dramaturg, Schriftsteller und Theater- und Filmregisseur, ein witziger, sehr emotionaler österreichischer Jude, der zwar von allen geliebt wird, sich aber im London der 30er-Jahre nicht wohl fühlt, unausgesetzt grantelt und - wie schon zuvor in den Studios von Hollywood - hart mit der modernen Filmwelt und Aufnahmetechnik kämpft. Als die Nazis Österreich annektieren, bangt Bergmann alias Viertel um seine Familie, die noch in Wien weilt.

"Clark, der junge Mann an der Klappe, sagt laut '104, die erste'. Und schlägt die Klappe.
Bergmann, der grimmig auf seinem Stuhl sitzt, faucht zwischen zusammengebissenen Zähnen: 'Kamera'. Ich beobachte ihn während der Aufnahme. Man muss die Szene nicht im Blick haben; sie spiegelt sich in seinem Gesicht wider. Er lässt die Schauspieler nicht eine Sekunde aus den Augen. Jede Geste, jeden Tonfall scheint er durch schiere hypnotische Kraft zu bestimmen. Seine Lippen bewegen sich, sein Gesicht entspannt und verzerrt sich, er schnellt vor oder lehnt sich zurück, seine Hände heben und senken sich dem Handlungslauf entsprechend. Bergmanns Konzentration ist in ihrer unbeirrbaren Zielstrebigkeit einfach phänomenal."

Aus Christopher Isherwood, Praterveilchen.

Als der Film längst abgedreht ist, Ende der 30er-Jahre, flieht Berthold Viertel nach USA, wird dort aber - anders als etwa Lion Feuchtwanger - nicht heimisch, kehrt zurück und inszeniert noch bemerkenswerte Stücke in Wien, Salzburg und an Brechts Berliner Ensemble. Zurückgekehrt blickt er auf die schwere Zeit in LA zurück:"Wir gingen ins Exil wie entthronte Könige. Einige von uns hausten tatsächlich wie solche an der Riviera. Andere würgten das Brot der Armut und der Knechtschaft."

Christopher Isherwood und die Berliner Jungs

Isherwood ist wie gemacht für den Job bei Berthold Viertel: Erstens kann er fließend Deutsch sprechen und zweitens ist er gerade nach London zurückgekehrt. In Berlin, wo er seit 1929 zusammen mit seinem besten Freund und Gelegenheitsliebhaber Wystan Hugh Auden die lebhafte Schwulenszene, die Berliner Nachtklubs, Kabaretts und den Schwulenstrich erkundet hat, war für seinesgleichen unter Hitler kein Ort mehr. In seinem 1939 erschienenen Roman "Goodbye to Berlin" hat Isherwood der Offenheit und sexuellen Freizügigkeit der preußischen Metropole ein Denkmal gesetzt. Trotzdem wurde Isherwood hierzulande nie so bekannt wie sein Freund: der Dichter Wystan Hugh Auden, den Isherwood übrigens mit Erika Mann verkuppelt hat - der schwule Dichter führte über 30 Jahre eine Scheinehe mit der lesbischen Tochter von Thomas Mann.

"Praterveilchen" wird "Little Friend"

Unter dem Titel "Little Friend" gelangte der von Viertel in London gedrehte Film, für den Isherwood das Drehbuch schrieb, in die Kinos. In dem Roman über den Dreh setzt Isherwood dem Regisseur, der danach hierzulande ebenso in Vergessenheit geriet wie Isherwood selbst, ein so witziges wie anrührendes Denkmal.

Christopher Isherwood. "Praterveilchen" erschien aus dem Englischen übersetzt von Brigitte Jakobeit bei Hoffmann und Campe und hat 128 Seiten.

Lesung in den radioTexten am Donnerstag, 28. Januar, 4. und 11. Februar 21.05 Uhr auf Bayern 2.

Es liest Andreas Fröhlich.
Redaktion und Moderation: Judith Heitkamp


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