Bayern 2 - radioTexte


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Kultroman Michail Bulgakows "Meister und Margarita"

Als Michail Bulgakow 1940 mit 48 Jahren in Moskau starb, war er weithin unbekannt. Gut 25 Jahre später machte ihn "Meister und Margarita" postum zum Kult- und Bestsellerautor. Seit Alexander Nitzberg das Werk neu übersetzt hat, wurde Bulgakows Höllenspektakel wieder für die Bühne entdeckt. Auf Bayern 2 liest Katja Bürkle Auszüge aus dem furiosen Roman.

Stand: 24.05.2017

Michail Bulgakow | Bild: picture-alliance/dpa / RIA Novosti

Im Moskau der 1930er-Jahre ist auf nichts mehr Verlass: Die Menschen können ihren fünf Sinnen und ihrem Verstand nicht mehr trauen, alles ist fremd, unberechenbar und voller Überraschungen. Männer werden geköpft, verschwinden spurlos oder in psychiatrischen Anstalten, Frauen stehen plötzlich in Unterwäsche auf der Straße oder fliegen auf einem Hexenbesen über die Stadt, Geldscheine tauchen urplötzlich auf und lösen sich auf in Konfetti.

In dieser Stadt treibt ein Teufel sein Unwesen, der Zauberer Woland und seine Gehilfen setzen allen ordentlich zu, außer dem "Meister" und seiner vermögenden Geliebten, Margarita. Ersterer ist ein Dichter, der ein Buch über die Leiden des Pontius Pilatus geschrieben hat. Schon die vorveröffentlichten Teile des Werks haben die Öffentlichkeit gegen ihn aufgebracht und den Dichter in den Wahnsinn getrieben. Mit Hilfe des Satans rächt seine reiche, schöne Geliebte den "Meister" und befreit ihn aus der Anstalt ....

Eine Zeitreise ins Moskau der 1930er

Der in Wien lebende Dichter und Übersetzer Alexander Nitzberg hat 2012 Bulgakows sprachgewaltige Zeitreise ins Moskau der 1930er-Jahre neu übersetzt.

Die Übersetzung neu – und alt

Romananfang: Alexander Nitzberg

"Es war Frühling, eine heiße Dämmerstunde am Patriarchenteich. Zwei Herren zeigten sich. [...] Im Schatten aufgrünender Linden angelangt, eilten die Schriftsteller geradewegs zu dem bunten Büdchen mit der Aufschrift 'Bier und Säfte'.
Nun wäre es angebracht, auch schon die erste Absonderlichkeit dieses unseligen Maiabends zu erwähnen: Nicht nur am Büdchen, nein, auf der gesamten Allee, die parallel zur Malaja Bronnaja verlief, war nicht ein einziger Mensch zu sehen".

Romananfang: Thomas Reschke

"An einem ungewöhnlich heißen Frühlingstag erschienen bei Sonnenuntergang auf dem Moskauer Patriarchenteichboulevard zwei Männer. [...]
Nachdem die beiden Schriftsteller den Schatten der grünknospenden Linden erreicht hatten, stürzten sie sich als erstes auf ein buntgestrichenes Büdchen mit der Aufschrift 'Bier und div. Mineralwasser'
Es ist nun an der Zeit, die erste Merkwürdigkeit dieses entsetzlichen Maiabends zu erwähnen. Nicht nur bei dem Büdchen, nein, in der ganzen Allee, die parallel zur Kleinen Bronnaja-Straße lief, war keine Menschenseele zu sehen."

Margarita erhält die Zaubercreme: Alexander Nitzberg

"Das wird Ihnen helfen, Margarita Nikolajewna. Sie sind seit einem halben Jahr voll Seelenschmerz um einiges gealtert. - Margarita lief rot an, aber sagte nichts, während Azzello weiter redete: - Heute Abend, Punkt halb zehn werden Sie sich fein hübsch entkleiden und Gesicht und Körper mit dieser Salbe hier einreiben. Dann können Sie tun, wonach Ihnen der Sinn steht, nur: "Bleiben Sie in der Nähe des Telefons".

Margarita erhält die Zaubercreme: Thomas Reschke

"'Sie werden's brauchen können, Margarita Nikolajewna, Sie sind im letzten halben Jahr vor Kummer ziemlich gealtert'. Margarita wurde flammend rot, sagte aber nichts. 'Heute Abend genau um halb zehn werden Sie sich nackt ausziehen und sich das Gesicht und den ganzen Körper mit dieser Creme einreiben. Dann können Sie machen, was Sie wollen, aber gehen Sie nicht vom Telefon weg.'"

Margarita lernt den Besen beherrschen: Alexander Nitzberg

"Die dritte Gasse führte zum Arbat. Hier begriff Margarita drei Dinge: Der Schrubber reagiert schon auf die kleinste Bewegung der Arme und Beine - über der Stadt gilt es, aufzupassen und nicht allzu stürmisch zu sein - der Flug ist tatsächlich für die da unten vollkommen unsichtbar! Kein Heben der Köpfe. Kein Geschrei 'Schau, schau!'. Kein Springen zur Seite. Keine Schwächeanfälle. Kein Gekreisch. Kein wildes Gelächter."

Margarita lernt den Besen beherrschen: Thomas Reschke

"Die dritte Gasse führte direkt zum Arbat. Hier lernte Margarita den Besen lenken und begriff, daß dieser dem leisesten Druck ihrer Hände und Füße gehorchte und daß sie beim Flug über die Stadt sehr aufmerksam sein mußte und nicht rasen durfte. Überdies hatte sie schon in der Gasse gemerkt, daß die Fußgänger sie nicht sahen. Keiner hob den Kopf, keiner schrie 'Sieh mal, sieh mal!', keiner pratte zurück, kreischte, fiel in Ohnmacht oder brach in wildes Gelächter aus".

Ein Kultbuch, das Rätsel aufgibt

Sofort zum Kultbuch avanciert, rief dieser Roman von Michail Bulgakow eine ganze Menge Literaturwissenschaftler auf den Plan: Die einen untersuchten und deuteten die überaus zahlreichen Goethe-Zitate und Anspielungen, andere die vielen Passagen, die die stalinistische Propaganda aufs Korn nehmen, und wieder andere den überaus reichen Schatz an religiösen Anspielungen und Attacken. Der 1891 in Kiew geborene Bulgakow stammte aus einer russisch-orthodoxen Theologen-Familie und war in Glaubensfragen- und -zweifeln äußerst bewandert.

Maxim Gorki hat Bulgakow in den 1920er-Jahren unterstützt und angeblich mochte sogar Stalin das eine oder andere Stück von ihm. Aber in den 30er-Jahren fiel Bulgakow in Ungnade, seine Stücke wurden zensiert oder gar nicht mehr aufgeführt und die rote Presse hetzte lautstark gegen ihn. Erst im Zuge von Chruschtschows Entspannungspolitik konnte sein Hauptwerk "Meister und Margarita" erscheinen.

radioTexte

Michail Bulgakow: "Meister und Margarita". Roman. Übersetzt von Alexander Nitzberg, 605 Seiten, Galiani
Katja Bürkle liest Auszüge aus diesem Hexenritt nach Moskau
Regie: Irene Schuck
Moderation: Judith Heitkamp
Donnerstag 1. Juni und 8. Juni 21.03 Uhr auf Bayern 2.


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