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Die erste unzensierte Stimme aus Nordkorea Bandi: "Stadt der Gespenster"

Man kennt die Bilder: Gleichschritt, schrille Kampfschreie, wohlgeordnete Menschenmuster, Militärparaden, mit denen tagelang der "Geliebte Führer" gefeiert wird. Jeder fünfte Koreaner ist beim Militär, Drill, Repressalien, Überwachung der Grenzen durch Wärmebildkameras, Umerziehungs- und Arbeitslager für Menschen, die nicht funktionieren wie Marionetten, sind Alltag. Nun gibt es sieben Erzählungen, die aus Nordkorea geschmuggelt über China nach Südkorea kamen und von dort zu uns. Unzensierte Einblicke in den koreanischen Alltag, in dem der Glaube an das Regime längst verloren gegangen ist.

Stand: 27.06.2017 | Archiv

Nordkorea | Bild: picture-alliance/dpa

Über Literatur aus Nordkorea ist wenig bekannt. Wie auch, wenn jeder, der etwas anderes denkt, als die Nomenklatura vorgibt, zum Schweigen gebracht wird. Was in der Nationalbibliothek in Pjöngjang, in der Großen Studienhalle des Volkes steht, dürfte sich deswegen auch auf Propaganda-Literatur beschränken.

Verbeugung vor dem Kim Il-sung und Kim Jong-il-Denkmal

Die Einwohner Nordkoreas sind von der Regierung in drei Kategorien eingeteilt: "Genossen“, also loyale Personen, "schwankende Personen“ und „feindlich gesinnte Personen“. Die Erzählerin der Geschichte "Stadt der Gespenster", eine von sieben Geschichten des Bandes "Denunziation", der jetzt auf Deutsch erschienen ist, dürfte wohl zu letzter Kategorie gerechnet werden. Sie brächte den Gehorsam nie auf, heißt es da, sich diesem Massenkult gerichtet auf eine einzige Person unterzuordnen. Die ganze Kultur ist auf den jeweilien großen Führer ausgerichtet und nur zu dessen Verehrung und Huldigung da. Typsich sind Militärparaden und Massengymnastiken, in denen das Individuum verschwindet in einem dicht gewebten geometrischen Farbenarrangement. Dabei gilt es vor allem, die unerschütterliche Treue und die Opferbereitschaft für die Staatsführung zu beschwören. Das bekannteste Festival ist das Arirang-Festival, das jährlich zu Ehren des Geburtstags von Kim-Il-Sung am 15. April abgehalten wird. Es dauert jeweils zwei Monate und beginnt mit einer Eröffnungsfeier im Rŭngnado-1.-Mai-Stadion in Pjöngjang.

"Die Stadt der Gespenster"

Übersetzt von Ki-Hyang Lee

"Hiermit verkündige ich den Einwohnern dieser Stadt, dass wir ein Wunder vollbracht haben, das die ganze Welt erzittern lässt. Es ist neun Uhr fünfundfünzig, und hier sind eine Million Menschen versammelt, hier auf diesem Platz. Nur fünfundvierzig Minuten nach diesem schlimmen Unwetter haben sich eine Million Menschen zusammengefunden, um teilzunehmen ... Als sie diese mehrfach wiederholte Lautsprecherdurchsage hörte, verschränkte Kyeong-Hui die Hände ineinander und drückte sie langsam auf ihre Brust. Ihr Herz klopfte wild, aber sie wusste nicht, warum. Sie würde nie dermaßen blinden Gehorsam leisten können. In kaum fünfundvierzig Minuten hatten sich tatsächlich eine Million Personen auf diesen Platz eingefunden, die zuvor über die Stadt verstreut gewesen waren! Was war das für eine furchtbare Macht, die in der Lage war, eine so unglaubliche Leistung zu vollbringen?"
aus: 'Denunziation', Stadt der Gespenster

Nordkorea - Menschen verschwinden in einer Choreographie der Masse

"Die Stadt der Gespenster" - Lesung mit Wiebke Puls

Schauspielerin Wiebke Puls

Der/die Schriftsteller/in Bandi - ein Pseudonym, was so viel wie Glühwürmchen heißt - soll das Manuskript zunächst bei sich zuhause versteckt haben, bis es von Menschenrechtsaktivisten aus dem Land geschmuggelt wurde und schließlich über China in Südkorea gelandet sei. Bandi soll sich immer noch in Nordkorea aufhalten. Seine/ihre biografischen Angaben wurden verändert, auch Orte innerhalb des Manuskripts, damit die Staatsschergen ihm nicht auf die Spur kommen. Sieben Erzählungen, die in den neunziger Jahren zur Zeit der Diktatur von Kim Il-sung und Kim Jong-il entstanden sind. Leise, manchmal voller Ironie werden kleine Geschichten erzählt von Unterdrückung, Repressalien und politischer Willkür. Wiebke Puls von den Münchner Kammerspielen liest Ausschnitte aus der Erzählung "Stadt der Gespenster". Am Sonntag, dem 2. Juli wie immer um 11 Uhr auf Bayern 2. Regie: Eva Demmelhuber, Redaktion und Moderation: Cornelia Zetzsche


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