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Der "litauische Camus" im New Yorker Exil Antanas Škėma: "Das weiße Leintuch"

Der Schriftsteller Antanas Garšva arbeitet als Liftboy im größten Hotel von New York. So wie seine Fahrten, up and down, ist auch sein Leben. In Litauen aufgewachsen, vor den Russen in die Ukraine geflüchtet, dann als Displaced Person in einem deutschen Lager untergekommen, jetzt im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Traumatisiert, allein, zwischen der Sehnsucht nach seiner Heimat und der amerikanischen Konsumgesellschaft. Assoziationen, Wahrnehmungen, Erinnerungen, ein gigantisches Gemälde des 20. Jahrhunderts. Und ein beeindruckend altueller Blick auf die Flüchtlingstragödien.

Von: Eva Demmelhuber

Stand: 29.03.2017

Ein litauischer Schriftsteller als Liftboy in New York

1949: Portabler Fernseher in einem New Yorker Hotellift


"Ihre Etage, bitteschön, dankeschön, Antanas Garšva drückt auf den Knopf, die Etage, dankeschön, bitteschön, auf den Knopf, dankeschön, bitteschön, auf den Knopf, dankeschön, bitteschön. Der grüne Pfeil leuchtet auf, Antanas Garšva streckt die Hand mit dem weißen Handschuh aus, fertig, wir fahren nach oben, der Aufzug wird im Dreizehnten angehalten, die Tür öffnet sich, ein Gast kommt herein, Ihre Etage bitteschön, den Knopf, dankeschön, Hand an den Griff, 14, 15. Up and down, up and down in einem streng eingerahmten Raum. Sisyphos, von neuen Göttern an diesen Ort versetzt. Diese Götter sind humaner. Der Stein hat die Erdanziehung verloren. Sisyphos braucht keine geäderten Muskeln mehr. Triumph von Rhythmus und Kontrapunkt. Synthese, Harmonie, up and down."

"Das weiße Leintuch", ein eindringlicher Roman von Antanas Škėma

Durch die 34th Street treibt es Antanas Garšva:

Der Protagonist Antanas Garšva, ein litauischer Exilschriftsteller, arbeitet als Liftboy in einem vielstöckigen New Yorker Hotel. Antanas Garšva mit der Nummer 87 in einem kleinen, genau abgezirkelten "Käfig", der die gutsituierten Amerikaner in ihre Etagen bringt. Aus Litauen geflohen vor den Sowjets, im Nachkriegsdeutschland nicht willkommen, zusammen gepfercht in Lagern für DPs. 1949 beschließt der Schriftsteller, Antanas Garšva, sein Glück im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Ein traumatisierter Held, der an seiner Existenz leidet, mit gebrochenen Flügeln, ein Rädchen zwischen amerikanischem Wohlstand, einer unerfüllten Liebe und den tragischen Erlebnissen eines Geflüchteten. "Das weiße Leintuch", eine Reminiszenz an Litauen, seiner Geschichte und seiner Kultur.

Antanas Škėma

Antanas Škėma wurde am 29. November 1910 in Lodz geboren, das damals zum Russischen Reich gehörte. Sein Vater wurde von Vilnuis dorthin versetzt und leitete eine höhere Schule. Geprägt von den Unruhen und Wirrnissen der Zeit, dem Krieg, der Revolution. Als Intellektuelle war die Familie extrem gefährdet, floh vor der Roten Armee ins Hinterland von Russland nach Woronesch. Als Antanas Škėma gerade mal elf Jahre alt war, kehrte die Familie 1921 nach Litauen zurück, nach Kaunas, einer der liberalsten Städte Osteuropas. Hier ging er zur Schule, machte sein Abitur, studierte an der Universität Medizin und Jura. Bereits in Kaunas entdeckte er seine Liebe zum Theater. Ab 1935 arbeitete er dort als Schauspieler, später als Regisseur und Dramatiker. 1940 ging Antanas Škėma ans Staatstheater in Vilnius. Hier feierte er auch als Dramatiker große Erfolge. Als "Jerusalem Litauens“ war Vilnius ein Zentrum von rabbinischer Gelehrsamkeit, Standort von zahlreichen Verlagshäusern und Druckereien. Von 1920 bis 1939 stand die Stadt unter polnischer Herrschaft. Im September 1939 marschierte die Rote Armee in Vilnius ein, jedoch wurde die Stadt kurz darauf den Litauern übergeben. 1940 wurde Litauen als sowjetische Republik in die Sowjetunion eingegliedert und somit auch Vilnius. 1941 besetzte die deutsche Wehrmacht die Stadt, ermordete Tausende von Juden. Zwiscchen 1942 und 1943 "normalisierte" sich das Ghettoleben. Antanas Škėma engagierte sich im Untergrund gegen das Hitler- und das Stalin-Regime. Als 1944 dann die Rote Armee Richtung Vilnius vorrückte, floh Antanas Škėma nach Deutschland. Als Displaced Person fand er in der größten Flüchtlingskatastraophe des 20. Jahrhunderts auch im befreiten Europa keinen Anker. In einem bayerischen Lager engagierte er sich als Exilautor für litauische Kultur, veröffentlichte 1947 einen ersten Band mit Kurzgeschichten.
Da er keine Arbeit fand, wanderte Antanas Škėma 1949 nach Amerika aus. Hier schrieb er zwischen 1952 und 1954 an dem Roman "Das weiße Leintuch", schlug sich als Liftboy durch, engagierte sich für verschiedene litauische Exil-Zeitschriften. 1958 erschien dann endlich sein Roman, der zunächst nicht sehr wohlwollend aufgenommen wurde. Der gebrochene Held Antanas Garšva war den Lesern zu negativ, sie wollten positive Geschichten, auch die assoziative Schreibweise, die Innenperspektive, die drei Erzählebenen waren ihrer Zeit weit voraus. Am 11. September 1961 starb Antanas Škėma bei der Rückfahrt von einem Schriftstellerkongress in Pennsylvania bei einem tragischen Autofall.

Die Flüchtlingskatastrophe vor 80 Jahren

Typisches Flüchtlingslager Ende der 40er Jahre in Deutschland (Berlin)

Wer wie Antanas Škėma 1910 im damals zum russischen Reich gehörenden Lodz geboren wurde, als Sohn litauischer Eltern, die als Lehrer nach Lodz versetzt wurden, gehörte zu der Generation, die nie ein richtiges Zuhause fanden. Traumatisiert von Flucht und Vertriebung, aufgerieben zwischen Machtansprüchen der Roten Armee, den deutschen Besatzern und dem polnischen Großreich. Revolution, zwei Weltkriege mit Millionen von Toten. Nach dem Krieg wurde es nicht besser. Tod durch Hunger und Kälte, ethnische Säuberungen und Vertreibungen – keiner wollte die Vertriebenen, die Displaced Persons aufnehmen. Es war die größte Flüchtlingskatastrophe auf europäischem Boden im 20. Jahrhundert. Aus den Konzentrationslagern befreite Juden irrten durch Europa, die in ihren osteuropäischen Herkunftsländern oft unwillkommene Rückkehrer waren und Opfer neuer Pogrome wurden. Russen, Ukrainer, Weißrussen, Litauer, die als Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter in Deutschland gelitten hatten, wurden oft von den westlichen Alliierten "zwangsrepatriiert" . Auf sie wartete zuhause oft der Gulag oder ein Erschießungskommando. Vor diesem Szenario spielt der autobiographisch grundierte Roman "Das weiße Leintuch" des litauischen Schriftstellers und Dramatikers Antanas Škėma, in New York geschrieben zwischen 1952 und 1954, der tief in die Seele dieser traumatisierten Menschen blicken lässt. Jetzt nach 60 Jahren liegt dieser sprachmächtige, assoziativ geschriebene Roman endlich auf Deutsch vor und ist aktueller denn je.

Lesung mit Johannes Silberschneider im "Offenen Buch"

Schauspieler Johannes Silberschneider

Am Sonntag, dem 2. April, stellt Cornelia Zetzsche den jetzt auf Deutsch erschienenen, grandiosen Roman "Das weiße Leintuch" des litauischen Schriftstellers Antanas Škėma vor. Der Schauspieler Johannes Silberschneider lässt uns in die Seele des gebrochenen Helden und Alter Ego Antanas Garšva schauen.
"Das weiße Leintuch", meisterlich übersetzt von Christine Sinnig, erschienen bei Guggolz. Moderation und Regie: Cornelia Zetzsche.
radioTexte - Das offene Buch, jeden Sonntag um 11 Uhr auf Bayern 2.


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