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Chiles schönstes Naturwunder Wandern in den Torres del Paine

Sie gelten als achtes Weltwunder: Die Torres del Paine wollen jedes Jahr Hunderttausende sehen. Damit die Umwelt den Ansturm übersteht, schuften Freiwillige aus aller Welt hart. Ein Blick hinter die Kulissen eines Naturwunders.

Von: Tilo Mahn

Stand: 26.07.2017

Zügel an Zügel, hintereinander in einer Reihe, staksen die Lastenpferde der Gauchos durch den steinigen Gletscherfluss Rio Ascensio. Der Müll muss vor dem Abend noch ins Tal. Cola-Dosen und Plastikflaschen schimmern durch die Tragenetze auf den Pferderücken. Rodrigo beobachtet die ungewöhnliche Müllabfuhr von seinem Baumstumpf aus. Er sitzt mit seinem Kumpel Pablo, den er aus dem Studium kennt, etwas oberhalb des Flusses im schattigen Wald vor ihrem Zelt.

Das Zelt der beiden jungen Chilenen steht umringt von bunten Planen und Wanderrucksäcken auf dem Campingplatz vor der Versorgungshütte Chileno auf einem kleinen Plateau. Von hier aus wollen die Freunde morgen zur ihrer letzte Etappe aufbrechen: Zum Aufstieg zu den Torres del Paine und damit zu einem ihrer Lebensträume. Als Chilenen mussten sie diesen Trip einfach machen, sagt Rodrigo: "Immer, wenn es um die spektakulärsten Plätze der Welt geht, landen die Torres del Paine unter den Top Ten."

Wandern auf dem "W" und "O"

Den Torres del Paine Nationalpark durchwandern jedes Jahr um die 200 000 Besucher. Mit Schiff und Bus kommen sie zu einer der CONAF-Stationen der Parkverwaltung, um sich das Gelände erklären zu lassen. Umgeben von Seen, Hügeln, Wiesen und Calafate-Sträuchern ragen die drei Granitzinnen der Torres über den weitläufigen Flanken des Nationalparks auf. Ambitionierte Wanderer wie Rodrigo und Pablo umrunden das gesamte Massiv auf dem Circuito, dem so genannten "O", in knapp einer Woche. Zelt und Verpflegung müssen sie auf dem Rücken mitschleppen, dafür erwarten sie auf der Nordseite lange einsame Strecken mit Ruhe vor Touristen.

Ein paar Zelte weiter sitzen Suzanna Mickeson und ihr Mann bei Kaffee aus dem Campingbecher. Beide sind aus Santiago de Chile her geflogen und mit dem Bus bis in den Park gereist, um einmal das "W" zu machen, die beliebteste und kürzere Wanderstrecke durch den Park. Die Mickesons sind vor drei Jahren aus den USA nach Chile gezogen. Die Torres del Paine wollten sie seitdem unbedingt sehen. Immerhin ist der Park bekannt als das "achte Weltwunder".

Weiter Weg ins Naturparadies

Das Versprechen: echtes Naturerlebnis

Die Anreise hat es in sich: Erst muss man mit dem Flugzeug nach Punta Arenas fliegen, eine ehemals blühende Handelsstadt an der Magellanstraße, dann noch gut fünf Stunden mit dem Fernbus über die Kleinstadt Puerto Natales bis zur Pforte des Nationalparks. Wer diese Strapazen auf sich nimmt, der hat wirklich Sehnsucht nach Natur: die Landschaft aus Sträuchern, Felsen, Gletscherflüssen und weiß-kahlen Baumhainen durchstreifen, sich vom tosenden Wind in den Tälern Richtung Felswand drücken lassen, mit Blick über spiegelnde Seen und auf vorbei gleitende Kondore.

Tausende suchen hier Einsamkeit

Das Paradoxe daran: Obwohl Chile riesig ist und endlose Wüsten, Weiden, Berge, unberührte Fjorde und Küsten hat, treffen sich dann doch alle Natur-Liebhaber auf einem Haufen - hier unter den Torres del Paine. Ein Netz an Zufahrtsstraßen für Busse und Autos ist über die Jahre entstanden. Ausflugsschiffe bringen die Touristen über den Lago Pehoé zu ihren Unterkünften und Wanderwegen. Bei Bootstouren, Autofahrten oder Wandertouren bewegen sie sich auf eher ausgetretenen Pfaden. Und die Besucher bringen auch Probleme: 2005 und 2012 zerstörten riesige Waldbrände jeweils mehr als 14 000 Hektar wertvolle Lenga-Wälder, verursacht von unachtsamen Wanderern.

Nicht nur die Waldbrände richten große Schäden im Park an. Links und rechts der Wanderwege liegen überall entwurzelte Bäume. Denn in den höheren Lagen pfeift der Sturm durch das Massiv wie durch einen Windkanal. Waldbrände, Verwitterungen, Permafrostboden mit wenig Nährstoffen, viel Feuchtigkeit durch Gletscherkalben und heftige Niederschläge - all das setzt der Pflanzenwelt zu. Hinter ihren Kuppelzelten ziehen die Amatorres kleine Sprösslinge, um dem Lenga-Baum wieder auf die Sprünge zu helfen.

Nimm Rücksicht und deinen Müll wieder mit!

Christian Andrade

Damit die Natur den Ansturm der Touristen bewältigt, muss der Mensch nachhelfen. Christian Andrade ist gebürtiger Feuerländer und hat schon in der Uni seine geliebte Natur in Gefahr gesehen. Seit zwei Jahren arbeitet Christian als Koordinator bei Amatorres del Paine, einer Organisation, die sich dem Erhalt der Natur im Park verpflichtet hat. Ein Nationalpark schärft das Bewusstsein für die Zerbrechlichkeit der Natur und die Verantwortung des Menschen. Seiner Meinung nach setzen aber solche Konzepte bereits zu spät an: "Damit das nachhaltig ist, muss man schon vorher anfangen, nämlich bereits dann, wenn ein Tourist aus dem Flugzeug steigt."

Die Mitarbeiter und Freiwilligen von Amatorres del Paine, kurz AMA, kümmern sich um die Wege, Schilder und Brücken entlang der Wanderrouten. Vor allem aber untersuchen sie die Veränderungen im Park über die Jahrzehnte: Sie forschen zu eingedrungenen Bienenstämmen und züchten neue Setzlinge, um die Lenga-Wälder wieder aufzuforsten. Dafür sammelt Christian Andrade etliche Daten, beispielsweise zum Klimawandel und den Konsequenzen für die Vegetation. Dafür benötigt man natürlich Zeit und Manpower.

Freiwillige Naturschützer kommen aus aller Welt

Christian Andrades Datensammler kommen von weit her. Viele Freiwillige bewerben sich während oder nach dem Studium um die Stellen, müssen 200 Dollar für Verpflegung und Unterkunft bezahlen, fliegen für ein paar Wochen oder Monate ein und werfen sich voller Engagement in die Programme für Naturschutz.

Sie wohnen in einer Art Wohngemeinschaft in Kuppelzelten, umgeben von Bienenstöcken, Baumschulen und atemberaubender Natur. Für einen Monat ist auch Olivia Schilling in die Zeltsiedlung eingezogen. Daheim in den USA hat sie als Botanikerin gearbeitet. Für ihren Freiwilligendienst wollte sie etwas Neues sehen und fühlt sich inzwischen in Chile schon richtig zuhause.

Wohngemeinschaft im Kuppelzelt

Kuppelzelt im Nationalpark

In ihrem Projekt muss Olivia Schilling alle drei Tage Bienen zählen, die einheimischen von Eindringlingen, die von außerhalb eingeschleppt wurden, unterscheiden. Dazwischen bleibt genug Zeit für Wanderungen im Park. Abends, wenn sie auf Holzbänken vor ihren Zelten sitzen, tauschen sich die Freiwilligen über Umweltfragen aus. Direkt gegenüber wohnen die Touristen im Hotelkomplex - für die sie Wege freiräumen und Markierungen erneuern.

Luxus für die Touristen wird per Hubschrauber eingeflogen

Zwischenstopp für Touristen

Die Umweltschutz-Projekte werden finanziell unterstützt von Tourismusverbänden, einzelnen Gemeinden der Umgebung und dem Hotel im Park. Aber natürlich haben diese ein Interesse daran, dass möglichst viele Besucher kommen… Und dass es den Touristen an nichts fehlt.

An einer Bar in einer der Schutzhütten unterhalten sich die Touristen über die fantastische Landschaft bei teuer verkauftem Bier und Wein. Abends bekommen sie hier warme Mahlzeiten serviert: Hühnchen mit Reis und Salat, dazu gibt es sogar den landestypischen Pisco Sour. Felipe Huancalwe kümmert sich um die Gäste. Die Waren erreichen den entlegenen Ort im Naturparadies per Hubschrauber oder Boot. Außerhalb der Ferienzeit arbeitet Felipe Huancalwe als Sportlehrer in Santiago de Chile. Im Sommer jobbt er in den Schutzhütten im Park und genießt die Natur: "Das sind meine Ferien. Ich möchte in den Torres del Paine Park eintauchen. Mir bedeutet das viel. Alles von meinem Land Chile kennenzulernen. Und das hier ist definitiv der beste Teil!"

Schwierige Balance zwischen Besucheransturm und Natur

Unendliche Weite am Ende der Welt

Rodrigo, der naturbegeisterte Chilene, den wir ganz am Anfang kennen gelernt haben, meint, dass sein Land davon profitiert, dass hier im Park ein neues Umweltbewusstsein entsteht.  Denn eigentlich seien Chilenen nicht sehr umweltbewusst, "aber die meisten Besucher der Nationalparks kümmern sich sehr um die Natur".

Am nächsten Morgen gehen die beiden Freunde Rodrigo und Pablo auf ihre letzte Etappe: Bei Sonnenaufgang hoch zum türkisblauen See unterhalb der Torres. Oben am Gletschersee angekommen blicken die beiden zurück auf die Hügel, Wälder und Bergspitzen, und auf die Wanderer, die über die Geröllfelder klettern - eine bunte Schlange aus Funktionsjacken und Sonnenhüten, in der unendlichen Weite am Ende der Welt.

Alle Beiträge zur Sendung:

  • Spurensuche in Chiles Pampa - Was von der Salpeter-Industrie übrig blieb. Von Gaby Mayr
  • Nationalpark Torres des Paine - Wo die Berge schöner sind, als ihnen gut tut. Von Tilo Mahn
  • Bewerber ohne Blinddarm bevorzugt - Der Leuchtturmwärter von Kap Hoorn. Von Michael Marek

Die Songs der Sendung

  • Mariana Montalvo - Hombre Pequenito
  • Ana Tijoux - Antipatriarca

Moderation: Bärbel Wossagk

Die komplette Sendung ist im Download-Center nachzuhören.


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