Bayern 2 - radioReisen


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Europa mit dem Bulli Spannende Begegnungen bei 60 km/h

Für sein neues Buch "Das große Bulli Abenteuer" ist Peter Gebhard von Istanbul ans Nordkap gefahren - mit einem klapprigen VW Bulli. Der fährt zwar höchstens 60 km/h, erzählt Peter Gebhard im Interview, aber so erlebt man die besten Geschichten.

Stand: 29.11.2016

Peter Gebhard ist ein Abenteurer. Und: Er lässt uns an seinen Reisen teilhaben, mit Bildbänden, Filmprojekten und Büchern. Er war schon auf Island, in Patagonien und auf der Panamericana unterwegs. Bei seinem neuesten Projekt sind wir gerne das fünfte Rad am Wagen: Mit seinem Bulli hat er 15 000 Kilometer zurückgelegt, von Istanbul ans Nordkap. Unterwegs hat er wunderbare Natur gesehen und beeindruckende Menschen getroffen, erzählt er im Interview. Unterstützt hat ihn dabei der Bulli, den Peter Gebhard liebevoll moderne Pferdekutsche nennt.

radioReisen: Dieses Auto spielt eine wichtige Rolle auf der Reise und im Buch. 44 PS und nicht schneller als 60 km/h - mehr Mühe oder mehr Hilfe?

Peter Gebhard: Beides, das ist das Faszinierende. Man bekommt für sein Leiden auch eine Belohnung. Das Leiden ist, dass jeder Kilometer erarbeitet werden muss. Man macht und rudert und muss extrem defensiv fahren, für alle anderen Autofahrer mitdenken. Man hat auch keine gescheiten Bremsen, kein ABS, keine Servolenkung. Gleich vor einem ist das Lenkrad, dann die Scheibe, sonst ist da nichts. Aber der Bulli war für mich ganz entscheidend um runter zu kommen. Über diese Strecke nicht zu rasen, sondern langsam voranzukommen, um wirklich den Blick offen zu haben, für die faszinierenden Landschaften, in diesem so facettenreichen Europa. Man denkt ja immer: Ach ja, Europa, das kennt man ja – und ist da gerade mal auf Malle oder an der Adria gewesen. Aber gerade der Balkan war so großartig, die Landschaften, die Begegnungen, da ist so viel Kultur.

Gleich am Anfang der Reise spielt eine der berührendsten Geschichten dieses Buches, in Albanien. Sie hatten mit einer Herberge für die Nacht geplant, das hat dann nicht geklappt und Sie sind bei einer Bauernfamilie gelandet…

Gastfreundschaft ist im Norden Albaniens seit Jahrhunderten etwas ganz besonderes. Man gibt auch wildfremden Gästen das Beste. Wir waren zu dritt unterwegs, ich, mein Assistent und ein Dolmetscher. Wir haben geklopft und wurden sofort eingeladen, saßen am Tisch mit dem Familienoberhaupt, auch vorm Fernseher, und mussten natürlich gleich erst mal einen Raki trinken, dann einen zweiten und dritten. Später kam ich mit der jüngsten Tochter ins Gespräch. Sie sagte: "Mein Name ist Josephina, kann ich mit dir deutsch sprechen?" – "Woher kannst du Deutsch?" Sie war erst 16 Jahre alt und sagte, sie habe sich das alles selbst beigebracht, indem sie sechs Jahre lang nur deutsche Fernsehsender gesehen hat, hunderte. Sie kann kein Deutsch lesen oder schreiben, aber sie konnte sehr gut sprechen. Ich habe sie gefragt: "Wer hat dir denn den Anstoß dazu gegeben?" Und sie sagte: "Gott hat mit gehilft." Das war so berührend.

Was ist Ihre Empfehlung: Wie genau muss man so eine Reise planen?

Ich glaube, das ist eine Typ-Frage. Ich kenne Freunde und Kollegen, die müssen alles genau planen, die haben für jeden Tag ein Storyboard: 10 Uhr kommt dies, 10:30 Uhr kommt das. Dann gibt es andere, die improvisieren sehr viel, wobei dann vielleicht das ein oder andere durchrutscht. Ich persönlich bin auch eher der Typ für Improvisation.Für mich kommen die tollen Geschichten meistens aus heiterem Himmel. Das bedeutet nicht, dass man gar nichts vorbereiten sollte, aber es könnte sein, dass man mit der Planung die Antennen für die spontanten Details und Geschichten vergisst. Das ist für mich nach wie vor das wichtigste am Reisen: Dass man offen ist, und seine eigenen Erfahrungen macht, ohne ein bescheuertes Buch mit dem Titel "50 Places to see before you die". Was soll ich denn dann da, da waren ja alle anderen schon, da kann ich mir auch ein YouTube-Video anschauen. Ich glaube, beim Reisen geht es ums Staunen und Erleben mit seinen eigenen Sinnen.

Mehr von Peter Gebhard hier:
peter-gebhard.de

Alle Beiträge der Sendung

  • Über den Atlantik mit dem Segelboot: Wenn Windgott Rasmus schlechte Laune hat. Von Mechthild Müser
  • Durch Europa mit dem T1-Bulli: Spannende Begegnungen bei 60 km/h. Peter Gebhard im Interview
  • Auf dem Komansee mit dem Schiffsbus: Halb Schiff, halb Bus - Hauptsache es schwimmt. Von Harald Schmid

Songs der Sendung

  • Badly Drawn Boy - The Long Way Round
  • Red Hot Chili Peppers - Road Trippin’

Moderation: Bärbel Wossagk

Die komplette Sendung ist im Download-Center nachzuhören.


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