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Karneval in Kolumbien Die verrückteste Schaumparty der Welt

Eine wilde Schlacht mit Schaum, Mehl und Farbe liefern sich Zuschauer beim Karneval in Pasto in Kolumbien. Der Brauch geht zurück bis in die Zeit der Sklaverei. Wer sich heute ins Getümmel stürzt, der sollte gut gerüstet sein.

Von: Johannes Reichart

Stand: 04.02.2016

Jedes Mal, wenn ich in Kolumbien war, haben Freunde zu mir gesagt: „Den Karneval in Pasto musst du sehen!“. Und dann noch: „Pass aber auf - und besorg Dir die richtige Ausrüstung!“. Dabei schauten sie ernst und hatten diesen warnenden Tonfall drauf, der einen erst recht neugierig macht.

Freunde hatten mich gewarnt

Denn eigentlich denkt man bei Karneval in Südamerika ja an bunte Wagen und Sambatänzerinnen mit Federschmuck – und nicht an „Ausrüstung“. Also bin ich dieses Jahr los gezogen: mit dem Bus in die Stadt Pasto, ganz im Süden Kolumbiens, an der Grenze zu Ecuador. Ich wollte herausfinden, was hinter dem Carnaval de Negros y Blancos steckt, dem Karneval der Schwarzen und Weißen.

Es ist Anfang Januar, zwei Tage noch bis zum großen Umzug. Überall in der Stadt legen Handwerker gerade noch Feinschliff an die Umzugswagen. 22 Wagen machen bei dem Umzug mit. In jedem steckt monatelange Arbeit. Alle Wagen, die auf der Karnevalsstraße fahren, müssen in der Stadt Pasto zusammengebastelt werden, denn nur dann dürfen sie bei der Wahl zum schönsten Umzugswagen mitmachen.

Ich besuche ein Zelt, in dem die Karnevalswagen gebaut werden. Darin steht ein acht Meter langer umgebauter LKW, darauf eine drei Meter hohe Frauenfigur in neongrün, grellgelb und anderen Leuchtfarben. Ein älterer Mann mit Kittel und Schweißermaske legt sein Gerät ab und klettert von der Figur herunter. Er heißt Arturo Ruano und erzählt mir, dass er sich alle Figuren selbst ausgedacht habe und nun dabei sei, sie zusammen zu bauen. Gemeinsam mit seinen beiden Brüdern macht Arturo schon seit zwölf Jahren beim Karneval mit. “Die Arbeit macht uns glücklich, es ist unsere Leidenschaft, wir erschaffen jedes Jahr etwas Neues“, sagt er. „Unsere Mühe lohnt sich, weil wir den Karneval im Blut haben, wir spüren und leben ihn.“

In den Umzugswagen steckt monatelange Arbeit

Die Brüder Ruano haben sich dieses Jahr als Thema für ihren Wagen „Die Zerstörung der Umwelt“ ausgesucht. Eigentlich geht es beim Karneval in Pasto selten um politische Motive. Figuren von Drachen, Tigern und Elfen, aus Märchen und Sagen, entführen die Menschen in das Reich der Fantasie. Die Brüder Ruano zeigen aber auch, wie der Mensch Raubbau an der Natur betreibt: Mutter Erde als Mischwesen, halb Baum halb vollbusige Frau, mit Laub und Nadeln übersät, an ihren Wangen kullern dicke Tränen hinunter. Söhne, Cousins und Neffen – bei der Familie Ruano packt die ganze Familie mit an, damit der Festwagen in zwei Tagen fertig ist.

Skibrille und Poncho in tropischer Hitze

Zwei Tage später am Straßenrand in der Innenstadt von Pasto. Der Tag des großen Umzugs. Die Leute neben mir tragen die typisch lateinamerikanischen Poncho, dazu Mützen und Skibrillen – und das bei über 30 Grad.

Im Karneval von Pasto ist eine gute Ausrüstung Gold wert.

Langsam wird mir klar, was meine Freunde damit gemeint haben, für den Karneval in Pasto müsste man „gut ausgerüstet“ sein. Eine Verkäuferin an einem der vielen Stände erklärt mir, wie ich mich am besten ausstatte: „Du brauchst unbedingt ein Schaumspray, eine Tasche, eine Käppi für den Kopf, einen Poncho als Schutz für deine Kleidung, Talkumpulver, Schutzbrille, Kosmetikpaste und einen Mundschutz.“ Wofür ich den Mundschutz brauche, frage ich sie. „Gegen das Pulver und den Schaum. Damit nichts in deine Atemwege kommt.“ Mundschutz und Skibrille – so überlebe ich hier.

Am Rand der Umzugsroute treffe ich die Leiterin des Karnevalkomitees und Hauptorganisatorin des Umzugs, Gisela Checa. Sie erklärt mir, worum es beim Carnaval de Negros y Blancos ursprünglich geht:

"Im Jahr 1817 während der Kolonisationszeit haben die schwarzen Sklaven in der Provinz Narinio die spanischen Herrscher gebeten, einen Tag frei zu bekommen. An diesem Tag haben sie dann gefeiert und auf der Feier ihre weißen Herren mit schwarzer Kohle bemalt, immer am 5. Januar. Und am 6. Januar, am Dreikönigstag, wurde der Brauch dann umgekehrt und die Schwarzen haben sich weiß bemalt wie die spanischen Kolonialherren."

Gisela Checa, Leiterin des Karnevalkomitees

Kurze Auszeit vom harten Alltag

Bunt muss es sein: Denn in Kolumbien spielt es im Alltag immer noch eine Rolle, ob man hell oder dunkelhäutig ist.

Der Karneval war also traditionell eine kurze Auszeit, in der die Hierarchie zwischen Sklaven und ihren Besitzern aufgehoben war. Ein Zeichen der Gleichheit trotz unterschiedlicher Hautfarbe. Eigentlich eine schöne Geste. Leider spielt es in Kolumbien auch heute noch häufig eine Rolle, ob man hell oder dunkelhäutig ist. Ob beim Job oder bei der Wohnungssuche – je heller die Hautfarbe, desto größer sind die Erfolgschancen. Dunkelhäutige Menschen arbeiten überproportional in der Bauindustrie, in Bürojobs dominieren die Weißen oder Mestizos, die Nachfahren aus Mischehen zwischen Spaniern und Einheimischen.

Ein Stück weiter treffe ich einen älteren Mann. Er erklärt mir, dass der Karneval in Kolumbien die Leute für eine kurze Zeit ihren Alltag voller Gewalt und Unsicherheit vergessen lässt. Zwar verhandelt die Regierung mit den FARC-Rebellen und hat ein Friedensabkommen in Aussicht gestellt. Aber der bewaffnete Konflikt flackert immer wieder auf, und die Kriminalitätsrate ist besonders in den Städten noch sehr hoch.

Der schönste Umzugswagen gewinnt

Allzu lange bleibt hier aber niemand nachdenklich, denn jetzt kommt der Umzug in Gang. Die Wagen rollen heran – riesig, grell-bunt und sehr kreativ. Sogar das Märchen der Gebrüder Grimm hat es in den Umzug in Pasto geschafft. Die Tänzerinnen tragen pinke Dirndl mit Schleifen. Die großen Wägen schlängeln sich jetzt durch die enge Straße. Die Menschen applaudieren und bejubeln jeden einzelnen von ihnen.

Autor Johannes Reichart mit Monsterfreund.

Eine internationale Jury kürt unter den 22 Umzugswagen den Schönsten. Der Besitzer darf sich über umgerechnet 86.000 Euro freuen. Immer wenn die Menschen ihren Favoriten vorbeifahren sehen, stimmen sie Sprechchöre an: „Esa es!“ Dieser ist es!“ Aber der eigentliche Schlachtruf an diesem Tag ist ein anderer: „Que viva Pasto! Es lebe Pasto!“ Egal, wer wie oft den Freudenschrei lanciert, die Leute antworten immer. Tatsächlich scheinen heute die sozialen Unterschiede aufgehoben. Oder zumindest verschwinden sie für eine Weile unter einer dicken Schicht Schaum.

Alle Beiträge der Sendung:

  • Karneval schwarz-weiß - Wie die Zeit der Sklaverei den Karneval der Stadt Pasto in Kolumbien prägt
  • Kitsch oder Kunst? Karneval in Venedig
  • Karneval gegen die Krise - die Murgas von Buenos Aires

Die Songs der Sendung

  • Axel Krygier – Manteca al techo
  • Raul Paz & Camille – Carnaval
  • Nomadi – L’angelo caduto
  • Monsieur Periné – Nuestra Canción


Die ganze Sendung ist im Download-Center abrufbar.


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