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Villa Kérylos an der Côte d’Azur Wo die Antike lebendig wird

Eine Therme, ein Peristyl und Mosaikfußböden - die Villa Kérylos am Cap Ferrat ist der originalgetreue Nachbau eines antiken, griechischen Hauses. Der reiche Hobby-Archäologe Théodore Reinach gab Millionen für seinen Traum aus.

Von: Till Ottlitz

Stand: 17.05.2017

Die Geschichte der Villa Kérylos begann mit einem ungewöhnlichen Auftrag: „Der Bauherr, Théodore Reinach, wollte am Anfang nichts Modernes im Haus haben - keine Elektrizität, noch nicht mal fließend Wasser“, erzählt der Historiker Bernard Le Magoarou, der die Villa für das französische Centre des Monuments Nationaux verwaltet. Doch sein Architekt Emmanuel Pontremoli habe sich widersetzt. Man sei schließlich im 20. Jahrhundert. Wie könne eine große Familie da ohne Elektrizität leben? Also schlossen Bauherr und Architekt einen Kompromiss: Die Villa wurde zwar mit jedem erdenklichen Komfort ausgestattet, aber alles Moderne durfte auf den ersten Blick nicht sichtbar sein.

Und so entstand eine der schönsten und außergewöhnlichsten Villen an der ganzen Côte d’Azur. Der Grundriss, die Wandbemalungen - ja sogar Möbel und Geschirr - alles hat Architekt Emmanuel Pontremoli eigens für dieses Ferienhaus entworfen. „Das ganze Dekor ist von Darstellungen auf griechischen Vasen oder von Ausgrabungen inspiriert“ stellt Le Magoarou klar. Man habe nichts erfunden, alles basiert auf der Antike.

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Sechs Jahre dauerte der Bau, von 1902 bis 1908. Heraus kam ein Gesamtkunstwerk, das den Besucher in die Antike zurücktransportiert. Man passiert die Eingangstür, wandelt zwischen den Säulen des zum Himmel offenen Peristyls, passiert Bibliothek, Speisesaal und Musikzimmer und vergisst dabei völlig, dass man eigentlich im 21. Jahrhundert ist. Der Effekt ist verblüffend. Nur zwei große Kenner der Antike konnten diesen Ort erschaffen. Auf der einen Seite, der Auftraggeber. Théodore Reinach war ein Altertumsforscher, Archäologe, Papyrologe, Münzforscher - und Politiker. Er kam aus einer sehr reichen jüdischen Bankiersfamilie. Und auf der anderen Seite Emmanuel Pontremoli, ein junger Architekt und Hobby-Archäologe.

„Alles ist unglaublich an dieser Villa!“

Reinach und Pontremoli hatten beide an Ausgrabungen in Griechenland teilgenommen. Sie kannten die Antike in und auswendig. Man sagt immer, die beiden hätten den Grundriss der Villa nach dem Vorbild der Herrenhäuser auf der griechischen Insel Delos entworfen. Doch Bernard Le Magoarou stellt klar, dass Delos erst während der Bauzeit der Villa Kérylos ausgegraben wurde. „Das heißt, Pontremolis frei ausgedachter Grundriss entspricht genau dem, was man erst ein paar Jahre später auf Delos entdeckt“, begeistert sich der Historiker. „Das ist doch komplett unglaublich! Aber alles ist unglaublich an dieser Villa!“

Der Traum von der Zeitreise in die Antike

9 Millionen Goldfrancs kostete der Bau der Villa Kérylos - heute wären das 35 Millionen Euro. Eine unglaubliche Summe dafür, sich den Traum zu erfüllen von der Zeitreise in die Antike. Man stellt sich vor, wie die Reinachs hier Kostümpartys feierten - und Szenen aus der Ilias im Peristyl nachspielten. Doch Bernard Le Magoarou stellt klar: „Die Reinachs waren reiche Großbürger. Die haben hier keine Rollenspiele veranstaltet wie in einem Sandalen-Film, sie sind hier nicht herumgelaufen wie Elizabeth Taylor und Richard Burton in Kleopatra!“

Es war wohl ein relativ normales Leben - in einem ganz und gar ungewöhnlichen Haus. Dabei war dem Hausherrn durchaus bewusst, dass er einen ganz besonderen Ort geschaffen hatte. Als Théodore Reinach 1928 starb, vermachte er die Villa dem Staat. Seine Kinder behielten aber weiter Wohnrecht.

Ganz normales Leben in einem ungewöhnlichen Haus

Doch die Familie Reinach konnten das Leben in der Villa nur noch wenige Jahre genießen. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und dem Überfall auf Frankreich plünderten die Nazis die Villa. Die beiden Söhne von Théodore Reinach wurden deportiert. Julien, der Ältere, überlebte mit seiner Frau das Konzentrationslager Bergen-Belsen. Sein jüngerer Bruder, Léon, wurde zusammen mit seiner Frau Béatrice und ihren beiden Kindern in Auschwitz ermordet.

Aus den Fenstern der Bibliothek schaut man das Cap Ferrat und die Baie des Fourmis, die Ameisenbucht. Draußen liegen Superyachten vor Anker. Beaulieu und die Halbinsel Cap Ferrat ziehen seit über hundert Jahren die Reichen und Mächtigen des Planeten an. Der Unternehmer und Erbauer des Eiffelturms Gustave Eiffel, ein Freund der Familie Reinach, hatte gleich nebenan eine Villa. Die Familie Rothschild baute sich etwas weiter südlich auf dem Cap ein regelrechtes Schloss. Der Garten zählt zu den schönsten an der Côte d’Azur und steht jedem offen.

Die Villen der Superreichen von heute sind langweilig im Vergleich

Doch was werden die Superreichen von heute hinterlassen? Russische Oligarchen kaufen Villen in der Gegend auf, saudische Prinzen und chinesische Tycoone liefern sich Bieterschlachten um die größten Grundstücke. Keines dieser modernen Statussymbole zeugt von derselben Phantasie und demselben Wissensdrang, den Théodore Reinach mit seiner Villa bewiesen hat. Théodore Reinach hat einen Ort geschaffen, den man angeregt und voller Staunen verlässt - und auch mit ein wenig Bedauern, dass Typen wie er rar geworden sind heutzutage. Erst recht unter den Superreichen an der Côte d’Azur.

Alle Beiträge der Sendung

  • Wo die Antike lebendig wird: Villa Kérylos an der Côte d'Azur. Von Till Ottlitz
  • Darf man ein Nazi-Seebad Luxus-sanieren? KdF-Seebad Prora auf Rügen. Von Claudia Decker
  • Das Traumschloss des echten "Citizen Kane". Hearst-Castle am Highway 101. Von Jan Tussing

Die Songs der Sendung

  • Moussu T et lei Jovents: Cosmopolida
  • Magic Delphin: Stadt am Meer

Moderation: David Mayonga


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