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Albaniens Berge Wo Gastfreundschaft über Geldgier siegt

Wanderer entdecken langsam Albaniens abgelegene Berge. Jetzt wollen Entwicklungshelfer die Bergbauern dazu bewegen, Gästezimmer für Wanderer anzubieten. Doch viele sind gastfreundlicher, als es ihnen gut tut.

Von: Harald Schmid

Stand: 16.11.2016

Auf diesem holprigen Schotterweg kommen wir nur noch mit dem Geländewagen weiter. Die Asphaltstraße war schon kurz hinter dem Fähranleger unten am Komansee zu Ende. Der Fähranleger ist ein wichtiger Knotenpunkt hier im abgelegenen bergigen Norden Albaniens - mehr als fünf Stunden mit Auto- und Schiff entfernt von der Hauptstadt Tirana. Von hier aus erstreckt sich der Nationalpark Nikaj Mërtur bis an die Grenzen zu Montenegro und dem Kosovo.

"Wir sind zum Wandern hergekommen"

Unser Ziel ist das Turaj-Tal. Im Winter findet man hier gerade einmal zwei Bauernfamilien, im Sommer sind es noch ein paar mehr. Jiric Kolbuchaj lebt auch hier, mit 34 Jahren ist er schon das Familienoberhaupt. "Die tägliche Arbeit teilen wir uns", erzählt Jiric, "einige arbeiten auf dem Feld, die anderen kümmern sich um das Vieh." Die Schafe werden jeden Tag an eine andere Stelle zum Weiden geführt, auf teilweise bis zu drei Stunden vom Hof entfernte Wiesen und Ebenen. Jiric und auch schon sein Vater vor ihm lieben die Abgeschiedenheit in den Bergen und die Unabhängigkeit. Nur für die Kinder sei es nicht gut, "die Schule ist einfach zu weit weg."

Schafs- und Ziegenkäse, der auch in Albanien Feta heißt – davon leben Jiric und seine Familie vor allem. Dazu kommt noch das, was sie auf dem kargen Boden anbauen. Seit neuestem hofft die Familie auch auf Touristen. Stolz zeigt uns Jiric sein erstes Gästezimmer: Vier Betten, ein Schrank – mehr nicht. Oben unter dem Dach will er noch einmal ein oder zwei kleine Zimmer einrichten. Unterstützt wird er bei seinen Plänen von der GIZ - der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. "Sie haben uns gezeigt, wie man Gäste bekocht und wie wir das Essen servieren sollen, wie die Zimmer sein sollten und dass wir einen Innentoilette brauchen."

Neben Betten und Bettwäsche stellt die GIZ stellt den Bauern auch Solarmodule zur Heißwasseraufbereitung zur Verfügung und bietet Kurse an für den Umgang mit Besuchern. Im vergangenen Jahr kamen schon einige Italiener und Tschechen an dem abgelegenen Hof vorbei. Diesen Sommer ein paar einzelne Wanderer und jetzt wir, die Deutschen.

Die Reise in Bildern

Ein Haus für Gott und Gäste

Den Menschen hier oben ist meist gar nicht klar, in was für einer reizvollen Umgebung sie leben, meint unser Begleiter Nodz Mulaj. Nodz ist 48, selbst leidenschaftlicher Bergwanderer und hat es mit einem Callcenter zu Wohlstand gebracht. Jetzt will er helfen, seine Heimat zu entwickeln, Natursehenswürdigkeiten wie Wasserfälle und hundert Jahre alte Kastanienbäumte gut in Szene zu setzen. Daher unterstützt er die GIZ mit Kontakten zu den Bauern in den abgelegenen Tälern. Sein Motto: Hauptsache, die Bauern bieten guten Service an, dann kommen die Gäste schon. Das vielleicht größte Problem bei dem ganzen Projekt war aber das überraschendste: Es war gar nicht so einfach den Bergbauern beizubringen, Geld von den Touristen anzunehmen. "In dieser Region gibt es eine Willkommenskultur, die sagt, das Haus ist für Gott und Gäste da."

Auch Jiric, unser Gastgeber, tut sich nach seinen ersten Erfahrungen im Tourismus noch etwas schwer damit, dass die Fremden für das Dach über dem Kopf bezahlen. 25 Euro kostet die Übernachtung auf seinem Hof - drei Mahlzeiten eingeschlossen. "Wir hatten vorher nie Gäste, die bezahlt haben - nur Familie oder Freunde. Und ich spreche ja nur albanisch. Aber die Touristen kommen mit Wörterbüchern oder sie haben einheimische Begleiter. Dann kann man sich wenigstens ein bisschen unterhalten."

"Wir fühlen uns sofort wohl"

Drei Wanderstunden später endet dieser Tag dann in so einem deutsch-englisch-albanischen Kauderwelsch - auf einem anderen Bergbauernhof. Dem von Lek Kortejshe. Lek ist stolze 85 Jahre alt. Das Wohnzimmer der Familie wird nach dem Abendessen blitzschnell umfunktioniert zum Nachtlager für die männlichen Gäste – die vier roten Sofas umgeklappt oder zumindest mit bestickten Plüschdecken so ausgepolstert, dass man irgendwie darauf schlafen kann.

Der alte Bauer und seine Frau, Sohn, Schwiegertochter und zwei Enkel strahlen eine solche Gastfreundschaft aus, dass sich jeder in der kleinen Gruppe hier sofort wohlfühlt. Lek lockt uns mit selbstgedrehten Zigaretten und Raki. Er erinnert sich an die letzten deutschen Gäste während des 2. Weltkriegs. "Jetzt sitzen wir aber zusammen und vertragen uns." Deutsch verstehe er selbst nicht so gut, aber für ihn sei es das wichtigste, dass die Gäste miteinander reden und lachen. "Hauptsache, meine Enkel bekommen viel davon mit. So erfahren sie auch andere Dinge. Nicht nur das, was sie von uns lernen."

Alte Pfade, neue Wege

Schon zwischen zwei Generationen liegen in Albanien heute oft Welten. Andrej Djima ist 31. Das Ende der kommunistischen Diktatur, der jahrzehntelangen Abschottung, hat er 1990 noch als kleiner Junge erlebt. Englisch zu lernen und ins Ausland zu reisen, war für ihn dann ganz normal. Auch er ist in das deutsche Entwicklungshilfeprojekt eingebunden. Andrej sucht alte Wege zwischen den Dörfern, um sie als Wanderrouten zu kartieren. Angefangen hat er damit zunächst im Süden Albaniens.

Wir sind unterwegs im Hinterland der Adriaküste um die Stadt Himarë. 13 Wege in dieser Region sind inzwischen auf Wanderkarten verzeichnet. Einige von ihnen geben den Blick frei auf die ionische Küste, andere verlaufen in den Bergen. Alle führen von einem Dorf ins nächste. So lerne ich Kuς kennen - ein paar Häuser an den Hang geklebt. Nur noch etwa 140 meist ältere Menschen leben in dem Ort. Aber Kuς hat noch vier kleine Cafés. Und keines davon muss sich um Kundschaft sorgen, sagt Fadmir Imheri, einer der vier Wirte. Eigentlich lebt er in Griechenland. "So alle drei Monate etwa schaue ich nach meinem Haus und meinem Lokal."

Wanderer sind hier noch exotische Vögel

Wie er machen es viele hier. Sie verdienen sich in Griechenland etwas dazu. Trotz der Krise dort sind die Möglichkeiten immer noch größer als in Albanien.  Auf den versteckten Wegen rund um Kuς trifft man inzwischen häufiger ausländische Wanderer als im Norden Albaniens. Und schon lange bevor die GIZ kam, hat Lindida Balilaj in ihrem Haus am Dorfrand zwei einfache Zimmer zum Vermieten eingerichtet. Für größere Gruppen hat sie bislang noch keinen Platz. Aber sie möchte weiter investieren und ausbauen. Dass Ausländer gerade zum Wandern hierher kommen, habe auch sie anfangs nur schwer verstanden, sagt Lindida. Schließlich sei jeder Einheimische froh, wenn er sich ein Auto leisten könne und nicht mehr laufen müsse. Es wird also noch etwas dauern, bis Wanderer in Albaniens Hinterland keine seltsamen und exotischen Vögel mehr sind… Das erlebt auch Andrej, wenn er bei seiner Suche nach den alten Pfaden durch kleine Dörfer kommt. Dort glauben die Menschen, er suche nach Gold, denn Wanderer haben sie dort noch nicht so oft gesehen. Aber, "die albanische Landbevölkerung ist sehr neugierig", sagt Andrej "und die Leute freuen sich immer, wenn sie andere Menschen kennenlernen."

Alle Beiträge zur Sendung

  • "Zimmer frei" bei Albaniens Bergbauern - Wo Gastfreundlichkeit über Geldgier siegt. Von Harald Schmid
  • Besetzte Herberge in Athen - Hotel der Hoffnung. Von Patrizia Schlosser
  • Glamping am Fuß des Fuji - Wo sich Natur und Luxus gute Nacht sagen. Von Moritz Gaudlitz

Die Songs der Sendung

  • Eda Zari - Amazing Age
  • Nikos Portokaloglou - Thalassa Mou Skotini
  • Coconami - Blue Moon

Moderation: Bärbel Wossagk

Die komplette Sendung ist im Download-Center nachzuhören.


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