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Faked Science Wenn Forscher betrügen

Diederik Stapel war ein angesehener Forscher. Dann stellte sich heraus: Alles frisiert, geschönt, erfunden. Wie kommt ein Wissenschaftler mit vormals hohen Idealen dazu, Daten zu fälschen? Ist Stapel ein Einzelfall oder ein Symptom für ein krankes System?

Stand: 12.07.2017

Die Studien des niederländischen Sozialpsychologen Diederik Stapel sorgten für Aufsehen. Egal ob in Fachzeitschriften, Zeit, Spiegel Online oder New York Times. Der 50-Jährige war Professor, Doktorvater, sogar Dekan. Doch im Jahr 2011 kam heraus: Diederik Stapel war vor allem ein Hochstapler. Zunächst schönte er die Ergebnisse seiner Daten, später dachte er sie sich einfach aus. Mehr als 50 Publikationen waren Fälschungen. Wie kann ein Wissenschaftler vor den Augen seiner Kollegen Jahre lang Daten erfinden, ohne dass sein Betrug auffällt? Ist Stapel ein Einzelfall – oder – viel beunruhigender - ein Symptom für ein krankes System?

"Als ich als Forscher begann, glaubte ich an die Magie der Wissenschaft: Das ist der Weg, um Antworten zu finden, die Wahrheit zu den drängenden Fragen des Lebens. Aber die Praxis ist eben nicht ideal. Ich merkte, hier geht es gar nicht um Wahrheit – es geht darum, Artikel zu veröffentlichen. Wir brauchen Geld! Wir brauchen Renommee!"

Diederik Stapel, ehemaliger Professor und Forscher

Wissenschaft verkommt zur Ware

Allein in Deutschland fließen 90 Milliarden Euro im Jahr in Forschung und Entwicklung. Ein Drittel davon kommt von Bund und Ländern. Die Konkurrenz um diese gigantische Sahnetorte wird härter. Natürlich geht es bei Spitzenforschung noch um Erkenntnis. Wissenschaft wird aber zunehmend zu einer Ware, die gehandelt wird. Der Erfolg dabei hängt nicht unwesentlich von den Zeitschriften ab, die die Artikel veröffentlichen.

"Natürlich ist das ein Schmuck für jede Uni, jemanden zu haben, der internationale Anerkennung genießt, der hochrangig publizieren kann, tolle Theorien entwickelt und obendrein noch viel Geld mitbringt."

Joachim Funke, Professor für Allgemeine Psychologie an der Universität Heidelberg

Die Wissenschaftler fühlen sich verpflichtet, sexy Ergebnisse abzuliefern, damit die Magazine sie veröffentlichen. Die Zeitschriften meinen, sie müssten sexy Befunde drucken, weil sie sie sonst an Einfluss verlieren. Und alle sind unglücklich mit diesem System.

Whistleblower und Aufdecker-Blogs

Betrugsfälle in der Wissenschaft fliegen meist durch anonyme Whistleblower oder Kollegen aus dem gleichen Fach auf. Aufdecker beklagen, dass Universitäten ihre Vorwürfe oft gar nicht ernsthaft prüfen würden und sie unter massiven Nachteilen zu leiden hätten. Die Verfahren finden an den jeweils zuständigen Universitäten unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Dank neuer Aufdecker-Blogs und Plattformen wie Retraction Watch gibt es seit wenigen Jahren nun allerdings eine neue Öffentlichkeit für Wissenschaftsbetrug.

Wissenschaftliche Kontrolle?

Diederik Stapel hat seinen Betrug zugegeben und seinen Posten geräumt. Das macht seinen Fall nahezu einmalig. Denn meist steht Aussage gegen Aussage. Der Beschuldigte leugnet. Der Betrug kann nicht bewiesen werden. So verlaufen viele Verfahren im Sande. Wissenschaftsbetrüger bleiben auf ihren Posten oder wechseln unentdeckt die Universitäten. Sieht so eine wirkungsvolle Kontrolle gegen Faked Science aus? Ist das die Antwort auf die Vertrauenskrise der Wissenschaft? Nachfrage beim Bundesforschungsministerium, das die deutsche Wissenschaft mit 17 Milliarden Euro im Jahr fördert:

"Wir begrüßen es sehr, dass Sie sich mit diesem interessanten Thema befassen, aber es gilt für uns immer wieder, beim Stichwort Qualitätssicherung die Eigenverantwortung der Wissenschaft zu betonen. Vor diesem Hintergrund kommentieren wir dieses Thema nicht."

Bundesforschungsministerium auf Nachfrage des Bayerischen Rundfunks

Die Autorin

Gabriele Knetsch, geboren 1967, arbeitet seit 1995 als Autorin für den Bayerischen Rundfunk und die ARD. Knetsch studierte Journalistik und Romanische Philologie. Mit ihrem Feature „Handelseinig: DDR-Zwangsarbeit und die Verantwortung der Westbetriebe“ (Erstsendung: Bayerischer Rundfunk, 2013) wurde sie zum Dokka-Festival für Dokumentarfilm, Hördokumentationen und Installationen eingeladen. Außerdem wurde das Feature für den Ernst-Schneider-Preis 2014 nominiert. 2016 erhielt sie den Andere-Zeiten-Preis für ihr Feature „Psychotrauma Flucht – die Zeit heilt nicht alle Wunden“, sowie den Medienpreis Bildungsjournalismus der Deutschen Telekom Stiftung.

Coproduktion: BR/ WDR/ SWR
Regie: Nikolai von Koslowski
Redaktion: Ulrike Ebenbeck

Hier können Sie das Manuksript herunterladen:

Faked Science Format: PDF Größe: 292,61 KB


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