Bayern 2 - radioFeature


252

Befleckte Verhütung Das Geschäft mit der Hormonspirale

Sichere Verhütung, lokale Wirkung und hohe Verträglichkeit: Das verspricht der Bayerkonzern in seiner Werbebroschüre zur Hormonspirale "Mirena". Die Realität, so sagen betroffene Frauen, sieht oftmals ganz anders aus.

Stand: 01.03.2015

Aktivistinnen vor der Bayer Hauptversammlung | Bild: picture-alliance/dpa

T-Shirts mit Aufdrucken "Mirena is evil", Protestplakate, verstümmelte Puppen: Die Aktivistinnen, die sich vor der Messe in Köln versammelt haben, sind unübersehbar. Seit vielen Jahren machen sie während der Hauptversammlung von Bayer auf die, ihrer Meinung nach, morallose Firmenpolitik des Konzerns aufmerksam. Viele von ihnen sind Opfer von Mirena, einer Hormonspirale, die Bayer herstellt, und die bei ihnen zu schweren körperlichen und psychischen Schäden geführt hat.

Ihre Frauenärzte hatten ihnen die Spirale einst empfohlen und eingesetzt. Der finanzielle Aspekt wäre eines der Argumente des Arztes gewesen, erzählt Christine:  "Ich habe eine Kostenaufrechnung gekriegt, was man sich spart im Gegensatz zu Pille, im Gegensatz zu den Hygieneartikeln, die man so braucht im Laufe des Zyklus. Und ich hab dann gleich die Infobroschüre in die Hand gedrückt gekriegt, und da hat er gesagt – 'Das sind zwar 360 Euro, die Sie investieren, aber dann sind Sie wirklich fünf Jahre auf der sicheren Seite.'“

Was in der Infobroschüre nicht steht, sind eine ganze Reihe von Nebenwirkungen, die bei Mirena auftreten können. Den Beipackzettel, auf dem diese genannt sind, bekommen nur die wenigsten Patientinnen je zu Gesicht. Dabei ist allein die Auflistung der möglichen Nebenwirkungen und Gegenanzeigen zwei Din A4-Seiten lang.

"Sehr häufige Nebenwirkungen:
Kopfschmerzen, Bauch und Beckenschmerzen, verstärkte oder verminderte Blutungen, unregelmäßige Blutungen, Ausbleiben der Blutungen, Entzündung der Scheide und Scheidenausfluss
Häufige Nebenwirkungen:
Depressionen bzw. depressive Stimmungen, Migräne, Übelkeit, Rückenschmerzen, Brustschmerzen, Akne, Eierstockzysten, übermäßiger Haarwuchs, Infektionen des oberen Geschlechtstraktes, Regelschmerzen und Ausstoßung der Spirale
Gelegentliche Nebenwirkungen:
Haarausfall, Verfärbung der Haut, insbesondere im Gesicht und am Hals, so genannte Schwangerschaftsflecken (Chloasma)/Verstärkte Pigmentierung der Haut
Seltene Nebenwirkungen:
Durchstoßung der Gebärmutter"

Auszug aus dem Beipackzettel von Mirena

Wieso empfehlen trotz der großen Gefahren dennoch so viele Frauenärzte ihren Patientinnen Mirena und nicht die Pille? Die Münchener Frauenärztin Silke Bartens glaubt, dass dies unter anderem am Profit liegt. Sie gehört dem Ärzteverein "MEZIS" an - Mein Essen zahl ich selber. Es ist eine Initiative von Ärzten, die von Pharmaunternehmen unabhängig bleiben wollen.

"Warum es Kollegen empfehlen… vielleicht hat es finanzielle Gründe, das will ich nicht unterstellen, aber es könnte natürlich auch sein. Es ist ein bisschen lukrativer die Spirale zu legen als die Pille zu verordnen, bei der Pille gibt es ein Rezept, das man abgeben kann, und die Spirale hat eine gewisse Gewinnmarge."

Silke Bartens, Frauenärztin

Das Werk der Bayer AG im Chemiepark in Leverkusen.

Ist die Hormonspirale also nicht nur ein kostengünstiges Verhütungsmittel für die Patientin, sondern vor allem auch eine gute Einnahmequelle für die Ärzte? Fest steht: Am meisten verdient an Mirena ihr Hersteller - die Firma Bayer. Unter den zehn umsatzstärksten Produkten von Bayer HealthCare im Jahr 2013 rangiert die Spirale mit 719 Millionen Euro Umsatz auf Platz sieben - noch vor Aspirin.

Silke Bartens sieht den schwarzen Peter deshalb nicht allein bei den Ärzten. Es liege vielmehr am medizinischen System in Deutschland, in dem die Pharmaindustrie einen enormen Einfluss hat.

"Es gibt fast nur pharmagesponserte Fortbildungen, auch Kongresse, es gibt kaum noch Leute, die ihre Kongressgebühren selber bezahlen, und das ist natürlich Sponsoring. Das ist ein schwieriges Feld, würde ich sagen, da ist man natürlich beeinflussbar, aber es ist ganz schwer, sich dem zu entziehen. Das merke ich auch in der Praxis, das fängt schon beim Softwareprogramm für die Praxis an – Sie kriegen fast keine Software, die nicht pharmagesponsert oder unterstützt ist, das ist ganz schwierig!"

Silke Bartens, Frauenärztin

Ein Feature von Julia Smilga

Literatur-Tipps:

  • Peter C. Gotzsche, Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität: Wie die Pharmaindustrie unser Gesundheitswesen korrumpiert. Riva-Verlag 2014.
  • Hans Weiss, Korrupte Medizin: Ärzte als Komplizen der Konzerne. Kiepenheuer&Witsch 2008.

252

Keine Kommentare mehr möglich. Hinweise zum Kommentieren finden Sie in den Kommentar-Spielregeln.)

Modu, Montag, 02.März, 07:02 Uhr

53. beste Entscheidung

Ich bin 25, habe inzwischen die zweite Mirena, keinerlei Beschwerden. Mit 18 hatte ich schon so schlimme Schmerzen bei der Regel, dass kaum noch Medikamente geholfen haben. Jeden Monat Krankenhaus: eine Ampulle Novalgin (2500mg!!!), buscopan und Vomex per Infusion. (Man muss dazu sagen, ich bin recht zierlich mit 45kg und die Dosis der Medikamente ist schon sehr hoch.)Kein Arzt konnte mir helfen, Ursachen wurden nicht gefunden.
Irgendwann empfahl ein Arzt mir Mirena. Ein Lichtblick, ich habe dem Arzt alles erzählt was er hören wollte, so dass ich mit so jungen Jahren und ohne ein Kind zu haben bereits eine Spirale bekam. Das einsetzen war unangenehm, danach waren meine Probleme Vergangenheit. Keine Blutung mehr (wie der Arzt sagte), keine Schmerzen mehr.
Nach der ersten Mirena kam die zweite, nach der zweiten wird die dritte kommen.

mirena opfer, Sonntag, 01.März, 23:44 Uhr

52. Nie wieder!!

Auch ich habe leider gar keine guten Erfahrungen mit der mirena..das fing schon mit der mangelhaften Aufklärung meines Arztes an..ich hatte sie 4,5 Jahre..die Nebenwirkungen kamen schleichend..ich brachte sie nicht mit der mirena in Zusammenhang! War am Ende meiner Kräfte..Schwindel,angststörungen,panikattacken,libidoverlust,augenflimmern,Herzrasen,,unreine haut,habe stark abgenommen- da mir andauernd übel wahr..luft aufstossen,rücken schmerzen..Zysten die nicht von meinem FA erkannt wurden- sie platzen unter schlimmen schmerzen.habe mich von meiner Umwelt abgekapselt,kaum das Haus verlassen,vor angst..Am Anfang nach der legung hatte ich meine Periode über ein Jahr!! Dann gar nicht mehr u zum Schluß alle zwei Wochen..nach dem ich dann endlich den Grund gefunden habe,konnte man sie nicht ziehen,verrutscht in bauchraum u rückholfaden war weg..nun mirena frei,habe ich mein Leben wieder!Fazit: wer sein Leben versauen will kommt an der mirena nicht vorbei!!

aneriM Ehemann, Sonntag, 01.März, 23:25 Uhr

51. nach zweiter Mirena ging es los

Sehr gute Sendung, endlich wurden die Risiken der Mirena öffentlich angesprochen, danke dafür! Ich bin Ehemann einer Mirenageschädigten und möchte kurz den Leidensweg meiner Frau (und mir) beschreiben. Die Nebenwirkungen wurden nach setzen der zweiten Mirena erst deutlich, meine Frau beklagte immer häufiger folgende Symptome wie starkes Schwitzen,, Durchfall, Stirnhöhle dicht ohne richtigen Schnupfen, öfters Blasenentzündung (bis hin zur Niere) sowie Stimmungsschwankungen, Depressionen, soziale Ängste, Ende 2014 wurde dann auch noch ein Aneurysma im Gehirn festgestellt, es reichte, die Mirena wurde im Januar 2015 entfernt und schon nach einer Woche traten erste Verbesserungen ein, Schwitzen wurde weniger, Stuhlgang wieder normal. Gegen die Stimmungsschwankungen und Depression wurde ein Antidepressiva verschrieben. Unsere Ehe war die letzten 4 Jahre die Hölle, aber wir sind noch zusammen und werden dies auch bleiben, meine Frau kann nichts dafür.

Liv Hayde, Sonntag, 01.März, 23:01 Uhr

50. grauenhafte Erfahrung - Jaydess Spirale

Vielen Dank, für eure informative, wichtige Sendung über diesen Hormon-wahnsinn!!! Hohen Respekt an die Dame, die hartnäckig nachgeforscht und Zeit investiert hat. Toll, dass ihr so eine wichtige Aufklärungsarbeit und bitte mit weiteren Folgen für Bayer, angeht.
Meine schlimme Erfahrung durch Jaydess:
Das Einsetzen der Jaydess Spirale war von Anfang an, der Horror - hatte noch nie, solche Schmerzen - ich war schwach, benommen und blass. Musste langsam gehen, ich dachte, es würde sich bald bessern. Nix da! Ein träges und "aufgeblähtes" Gefühl im Becken- Eierstockbereich, ein pelziges Gefühl in meiner Wahrnehmung und steigernde Schmerzen, war nach ein paar Tagen weiterhin vorhanden. Ich fühlte mich komisch. Ich hatte unter Anderem, seltsame Stimmungsschwankungen.
Innerhalb von drei Wochen, wuchs in meinem linken Eierstockraum, eine 7cm lange, schlimm schmerzende Zyste, mit 5 cm Durchmesser. Habe das Ultraschallbild zu Hause. Wo und wie kann ich unterstützen, dass Bayer gestoppt wird?

Lili, Sonntag, 01.März, 22:51 Uhr

49. DANKE für das Feature! - bin ... entsetzt!! verärgert!!! wütend!!

Die Empfehlungsgründe bestätige ich auch: nur niedrigdosierte Lokalwirkung, keine starke Blutungen mehr haben, zusätzliche Aufklärung nur die Broschüre, ich fand die Konformität verführerisch und bezahlte gerne dafür. Die erste Spirale lass ich mit 37. Jahren einsetzen (n. Geburt) für 3, und eine anschliessend für 5 Jahre Wirkungsdauer. Da ich keine Probleme mit dem Ver-/Tragen verspürte, kam ich bis heute nicht auf die Idee, meine damaligen depresiven Verstimmungen, die Antriebslosigkeit, starke Stimmungsschwankungen, fehlende Libido, den Brustschmerz und starke Angespanntheit, mit der Wirkung der Spirale in Verbindung zu bringen. Die Erklärungen fand ich, in der stressigen Situation einer Alleinerziehenden mit einem Full-Time-Job. Nach dem Herausnehmen der Mirena habe ich in 6-9 Monaten 18 kg. verloren (=Normalgewicht), lehnte die Antidepresiva ab, gewann an Lebensfreude, jedoch kam ich, mit 48, in Klimakterium mit starken Beschwerden.
Jetzt verunsichern mich die mögl. Dauerfolgen!