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Die große Leere Wenn Frauen bereuen, Mutter geworden zu sein

Nein, der Muttertag ist keine Erfindung der Nazis. Er geht auf die amerikanische Frauenrechtlerin Anna Jarvis zurück. Jarvis war verbittert über die Verflachung des Ehrentages: Mütter werden mit Blumen geehrt und haben glücklich zu sein. Sie sind es nur nicht immer. Da wären wir wieder bei den Frauenrechten!

Stand: 03.05.2016

Eine Junge Mutter mit Tochter | Bild: Colourbox

"Ich hatte meinen Mann kennen gelernt, wir hatten geheiratet und jeder hatte gefragt, wann kriegst du ein Kind: Das ist so ein tolles Gefühl, das ist das Schönste, was es gibt auf der Welt. Ist es nicht."

Beatrice, 61, Mutter eines erwachsenen Sohnes

23 Frauen machten den Anfang. In einer Studie der israelischen Soziologin Orna Donath bekannten sie sich, ihre Mutterschaft zu bereuen und beschrieben ihr Leben als Mutter in drastischen Worten: "Zeitvergeudung", "30 Jahre Leiden" oder "Versklavung". Nach der Veröffentlichung der Studie war auch der Hashtag zur weltweiten Debatte gefunden: #regrettingmotherhood. Orna Donath bekam Rückmeldungen von Frauen aus allen Teilen der Welt und bilanziert: Aus Deutschland haben sich die meisten Frauen gemeldet. Kinderlose Frauen bedankten sich, dass sie das rosarote Bild der Mutterrolle mit Grautönen versehen habe und Mütter waren erleichtert, dass endlich jemand sagte: Nicht alle Frauen genießen es Mutter zu sein.

Die #regrettingmotherhood-Debatte begann im April vergangenen Jahres. Der erste Text erscheint in Deutschland am 4. April 2015 in der Süddeutschen Zeitung. Titel: "Ich will mein Leben zurück". Der Artikel wandert auf die Homepage, von da aus in die sozialen Netzwerke, weiter in die Mutter- und Frauenblogs. Schließlich landet #regrettingmotherhood im Anmoderationsspeichel von Claus Kleber und damit auch auf der Agenda der großen Nachrichtensendungen. Endlich ein Tabu, bei dem alle mitreden können: weil sie selbst Mutter sind und wenn nicht, weil sie wenigstens eine haben.

Überfrachtete Frauenrolle

Sind bereuende Mütter ein Produkt der überfrachteten Frauenrolle unserer Gesellschaft? Zum Kindergeburtstag müssen es selbst gebastelte Einladungen sein, Marmorkuchen ist nicht mehr genug. Mütter sollen immer mehr leisten, meist bleibt die gesamte Familienlogistik an ihnen hängen, nebenbei sollen sie voll arbeiten, erfolgreich sein. Die Soziologin Christina Mundlos meint, es gäbe zwei Gruppen von Frauen, die ihre Mutterschaft bereuen:  

"Zum einen sind das Mütter, die zu ihrer Mutterschaft ein Stück weit durch die Gesellschaft gedrängt wurden, die einfach keine Verantwortung für einen anderen Menschen hätten übernehmen wollen und sollen, und die die falsche Entscheidung getroffen haben, ein Kind zu bekommen. Die zweite Gruppe sind die, die stark unter der gesellschaftlichen Mutterrolle und den Aufgaben, die von Müttern erwartet werden, leiden. Beide Gruppen sind gesellschaftlich gemacht. Denn es leiden beide unter diesem Muttermythos, der sich hartnäckig hält: dass alle Frauen Mütter werden sollen und wollen – und dass Mutter werden glücklich macht."

Christina Mundlos, Soziologin

Ambivalenz

Eine Abkehr vom Mutter-Mythos ist schmerzhaft. Sarah Fischer wäre jedenfalls lieber eine glückliche Mutter als eine unglückliche. Sie hat ihr Dilemma in ihrem Buch "Die Mutterglücklüge: Warum ich lieber Vater geworden wäre" öffentlich gemacht, bekennt sich darin zu ihren widersprüchlichen Gefühlen, zu ihrer Überforderung und zu ihrer Sehnsucht nach dem alten Leben und erhält: Morddrohungen.

"Bei den Reaktionen ist alles dabei, von 'Du blöde Schlampe, wenn ich dich hier im Viertel sehe, dann schlage ich dich grün und blau', bis hin zu - eigentlich will ich die Wörter gar nicht in den Mund nehmen. Und natürlich auch: 'Warum gibst du dein Kind nicht zur Adoption frei, Du hast dein Kind gar nicht verdient.' Und dazu muss ich wirklich sagen. Nein! Ich gebe es ja nicht zur Adoption frei, weil ich es über alles liebe. Es geht um diese Ambivalenz. Also das Problem dieser Zwickmühle, in der wir betroffenen Mütter stecken."

Sarah, 43, Mutter einer kleinen Tochter und Autorin von 'Die Mutterglücklüge'

Von einer ehrlichen Debatte sind wir weit entfernt

Von einer ehrlichen Debatte, was Muttersein heute bedeutet, mit welchen Entbehrungen und welchen Chancen man als Mutter lebt, und wie man das Arbeits-Familien-Chaos am besten gestalten lässt, würden alle Frauen profitieren. Und wie immer würde es helfen, eine Prise Hass und einen Teelöffel Emotion aus seit einem Jahr köchelnden Debatte zu nehmen. Denn was ist passiert? Frauen haben allen Mut zusammen gekratzt, um öffentlich zu bekunden, dass Ihnen ihr Muttersein nicht in dem Maße Glück beschert, wie die Gesellschaft das von ihnen erwartet. Das wird die Menschheit - im Gegensatz zum Bienensterben - doch bitteschön überleben.

Die Autorin:

Franziska Storz, Jahrgang 1979, ist Journalistin und lebt in München. Sie moderiert den "Zündfunk" auf Bayern 2 und schreibt u.a für die Magazine "Neon" und "Nido". Sie war Mitherausgeberin des Buches "Feldpost: Briefe deutscher Soldaten aus Afghanistan" (Rowohlt). Für ihr Feature "Ihre Verbindung wird gehalten" erhielt sie als Ko-Autorin den Ravensburger Medienpreis 2007. 2011 war sie Redakteurin des mit dem Civis-Preis ausgezeichneten Zündfunk-Features "Mein Türke und ich" von Marco Maurer.

Hier können Sie das Manuskript herunterladen


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Zenzi, Mittwoch, 11.Mai, 09:55 Uhr

16. Sendungsgestaltung genial

Liebe Frau Storz

Uns Zuhörern ihre Recherchen am Spielplatz mit Kind vorzulesen oder zuhause bei Biene Maya - genial!!
Ich habe mir den Beitrag 2x angehört weil er so ungewöhnlich gut war.
Und ja, die Frage von aussen bei der Definitíon, was das wohl für eine Frau sei: Haben sie einen Mann? Familie? Kinder? - Nein?!!...
gilt es auszuhalten, was mir persönlich schon oft schwer gefallen ist. Männer zeigen oft Unverständnis für "solche" Frauen.

Klaus J., Dienstag, 10.Mai, 19:54 Uhr

15. Danke an Sarah Fischer

Liebe Sarah Fischer,

ich habe im Radio auf Bayern 2 einen Beitrag zu Ihrem Buch gehört. Ich muss zugeben, ich kannte das Buch nicht, und irgendwie auch nicht die Debatte.

Ich halte es aber für sehr gut, dass Sie diese Diskussion in die deutsche Gesellschaft getragen haben und die These, dass Mutter sein ist gleich Mutterglück nicht zwangsläufig sein muss, aufgestellt haben;
UND: es sich nicht ausschließt, dieses Thema anzusprechen und doch sein Kind zu lieben; das eine hat mit dem anderen rein gar nichts zu tun.

Vielen lieben Dank für Ihr Buch und den Anstoß dieser Debatte.
Ich habe mich darin wiedergefunden.

gezeichnet von einem VATER (48), der auch mit dieser Lüge aufgewachsen ist und sich für seine beiden (nun erwachsenen) Kinder aufgegeben hatte und das erst sehr spät erkannt hat

Sarah Fischer, Dienstag, 10.Mai, 11:00 Uhr

14. ein herzliches Dankeschön von einer der Interviewpartnerinnen von Fr. Storz!

Vielen Dank für eine gelungene und journalistisch sehr gute Arbeit an Frau Storz! Und ein herzliches Dankeschön an alle, die die Sendung bzw. das Thema kommentiert haben! Wenn der ein oder andere noch mehr erfahren möchte, sind Sie herzlich eingeladen, auf meiner Homepage www.sarah-fischer.de zu stöbern (aktuelle TV Sendungen und Presseartikel) bzw. wer auf Facebook registriert ist: die Facebookseite Die Mutterglück-Lüge aufzurufen und sehr freuen würde ich mich, wer mein Buch gelesen hat und einen Kommentar/Bewertung auf Amazon oder der Verlagsseite hinterlässt. Vielen Dank im voraus, Sarah Fischer

Weizenkeim, Dienstag, 10.Mai, 10:21 Uhr

13. Licht ins Dunkel gebracht.

Hallo, finde ich sehr interessant, einmal so eine Sichtweise kennenzulernen. Habe immer das Gefühl gehabt, es wäre besser gewesen, meine Mutter hätte mich nicht bekommen oder warum bin ich überhaupt hier ? Meine Mutter konnte nie viel mit mir ( m, 44 J.) anfangen, habe auch den Kontakt seit längerem abgebrochen. Ja, ich glaube, meine Mutter hatte Probleme, mich anzunehmen. Vermutlich war es der beschriebene Druck von aussen, Kinder zu bekommen, jetzt sei man doch verheiratet. Hat aber gar nicht geklappt. Jetzt kann ich sie auch etwas besser verstehen, nachdem ich diesen Bericht gelesen habe. Hilft mir vllt weiter. Werde mich auch weiter mit diesem Thema beschäftigen. Dank an Frau Storz.

N. Schöttl, Montag, 09.Mai, 19:47 Uhr

12. Vorurteile

Es ist schon traurig, dass die Gesellschaft mehr Wert auf das Äußere legt, als auf das Innere der Menschen. Jedoch gibt es Menschen, die unter den Vorurteilen stark leiden oder gar zerbrechen. Hut ab daher vor den Leuten, die den Mut besitzen, darüber zu reden. Danke Bayern 2, dass Sie den Frauen Gehör verschaffen! Kompliment an den BR.